Ausgabe 
17.2.1912
 
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Samstag den 1*1. Kebruar

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Glückslasten.

Stotnon von H-anns von ZobslkiK tNaMrruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Mit besonderer Mühe und aus besonderer Anfmerk- kamteit war in dem Gesellschaftstreiben ein Abend jur Neumanns ausgespart worden, die beide Schwestern zum Diner eingeladen hatten.

Einigermaßen zur Verwunderung von Mutter hatten beide sofort übereinstimmend erklärt:Das können wir nicht abschlagen."

Das Neumannsche Haus in der Brüderstraße erschien Signe immer aufs neue wie eine kleine Oase in der Hauser- Wüste von Berlin C. Rein äußerlich schon. Die Fassade des zweistöckigen Hauses Ivar ziemlich unansehnlich, aber sobald sich die mächtige Eichentür öffnete, änderte sich der Eindruck. Ein breiter Flur, und dann eine Wendeltreppe von wunderbaren Abmessungen mit einem köstlichen schmiedeeisernen Geländer; die Wände in barockem Gips, die Decke ein ganz eigenartiger kleiner Kuppelbau, und- über dem allem die feine Patina, die nur die Jahrhunderte rieben können. Das Haus war auch sehr alt. Herr Neu­mann, in dessen Familie es schon über hundert Jahre war, erzählte gern mit leisem Schmunzeln: Friedrich I. hatte es für eine seiner Maitressen bauen lassen.

Inrmer mußte Signe, seit Friedel sich verlobt, an die Braunsteinsche Villa denken, wenn sre dres Haus be­trat Auch dort war alles Protzige vermieden, aber man fühlte, daß es vermieden war. Hier war eine stille Wurde, eine Geschlossenheit, die dort ganz fehlte. Und der Ern- drrrck verstärkte sich jedesmal, wenn sie dre Wohnraume betrat. Sie waren kaum minder kostbar eingerrchtet, als die der Villa in der Tiergartenstraße. Aber sie hatten eins, was kein Reichtum geben konnte sie hatten Tra­dition. Die Zopf- und Biedermeiermöbel, rrun wieder jüngster Geschmack, waren nicht beim Antiquitätenhändler aufgekauft, sie waren ererbtes Gut. Und wie paßten sie zu den glatten Wänden, zu den gradlinigen weißen Oefen, zu der Fensterform, zu den weißlackierten Türen, sogar zu den ein wenig sckMalen, engen Zimmern es war alles ans einem Guß.

Und wie paßten die lieben Menschen tn diese Raume hinein, zu diesen Möbeln! Sie waren vielleicht ebenso reich iutc Braunsteins, und sie waren durchaus iiicht un­modern. Aber sie prunkten nicht damit, daß fie dem 20. Jahrhundert angehörten, und der Reichtum erschien bei ihnen als etwas Selbstverständliches. Auch war, man sagte es, Herr Neumann kein Mehrer des Ererbten, sondern rmr dessen gütet Erhalter, weil er ein sorgsamer Hausvater war. Und gerade darum ging ein Hauch des Behagens! von ihm aus. Vermischt freilich mit ein klein wenig

Spießbürgerlichkeit. Seine Frau spöttelte bisweilen gut« mutig darüber: sie hatte in ihrem Salon ein paar schöne neue Gemälde, einige gute Bronzenmein Mann wurde empört sein, wenn ich aus seinem Arbeitszimmer die fürch­terlichen -Alabastervasen vom Kamin nehmen wollte."

Berlin W. Berlin C.

Die Kreise schneiden sich so vielfach" dachte Signe auch heuteund doch liegt eine Wett zwischen ihnen.''

Sie stand auf der Schwelle des Salons und wollte gerade die schöne Hausfrau begrüßen.

Da wandte sich der h-vchgewachfene Herr im Frack neben Frau Neumann und sie erkannten sich im glei­chen Augenblick. Signe meinte, die Knie wankten unter ihr. So erschrak sie. Alles, alles andere hätte sie ehe, erwartet: Viktor Kaltenegg stand vor ihr.

Und auch er erschrak. Eine flüchtige Röte ging über sein Gesicht, und seine Hand glitt ein paarmal nervös über die Frackklappe.

Im ersten Airgenblick, nachdem sie der jähen Erschütte­rung Herr geworden, durchschoß sie der Gedanke: ein ab­gekartetes Spiel.

Aber sie sah sogleich, daß sie irrte. Die Hausfrau stellte ganz unbefangen vor:Herr von Kaltenegg" Dann hatte auch schon die gesellschaftliche Form ihre Rechte zurückgewonnen. Signe konnte ürrßerlich gelassen sagen:Guten Tag, Herr vorr Kaltenegg. . ." nnd ihre Finger berührten sich sogar flüchtig. Dodo, die nach der Schwester eingetreten war, klatschte in die Hände:Nein, aber so was! Viktor!" llnd Frau Neumann äußerte, sicht­lich angenehm überrascht:Eine alte Bekanntschaft also das ist ja reizend." , ...

Es war eine ziemlich große Gesellschaft, einige dreißig Personen.Zum Glück!" dachte, Signe aufatmeud. Und nur die unsichere Sorge tvar in ihr, daß der Zufall, dieser unberechenbare Zufall, ihr Viktor zum Tischnachbar gegeben hätte.

Aber da kam schon der Hausherr mit einem etwas exotisch aussehenden Herrn:Seine Exzellenz, Theodore Castagnoln"

Richtig, Herr Neumann war ja rumänischer General- konsul, und dieser Herr war Ministerpräsident. Oder so etwas Aehnliches. Signe erinnerte sich dunkel, ihm schon einmal begegnet zu sein, und sie war Herrn RetimannA Enfiicht, daß sie vielleicht die einzige Dame des Krcr.es, die ein tadelloses Französisch sprach, dankbar. Seine Ex­zellenz sollten sich nicht zu beklagen haben. Gottlob Gottlob, daß es nicht Viktor war, der sie zu Tisch führte!

Sie sah ihn im Augenblick nicht. Sie ließ sich den älteren Damen vorstellen, eine Schar von Herren drängte sich heran. Dann kam wieder der Hausherr und stellte einen bildhübschen, jungen Mann, Mitte der Zwanzig, vor: Mein Sohn aus der Fremde. Allons, Fritz, mein Junge, mach deinen schönsten Kratzfuß!" Herr Neumann lächelte dabei wohlgefällig, und er hatte das Recht dazu: der junge