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„Hm! — Und da hak er Ihnen gesagt — Das ist der grausame Vater, der seinen Sohn nicht glücklich werden lassen will — oder etwas ähnliches — rote ?"
Seine Blicke bohrten sich in Fräulein Elftes Augen., Und diesmal fand sie keine andere Antwort mehr, als daß sie laut aufweinend die Hände vor das Gesicht schlug und aus dem Zimmer flüchtete. Tie aufs höchste erschrockene Tante, die sich alles nicht zu deuten wusste, wollte ihr folgen — aber Gustav Westermayer legte seine Hand auf ihren Arm. Und mit einer Stimme, die all ihr inquisitorische Härte verloren hatte, sagte er:
„Lassen Sie sie nur noch ein Kistchen, verehrtes Fräulein! :— Sie hat eine kleine Strafe wohl verdient. Aber das mit ihrer Heiratsscheu — das wollen wir, wie ich denke, dahingestellt bleiben lassen, meine Liebe. Man täuscht sich eben bisweilen in den Kindern — man täuscht sich bisweilen. Und ich will nur hoffen, dass alle Enttäuschungen einen so gllicklichen Ausgang nehmen wie diese."
Der Eulerkapper.
Ein Beitrag zur Giestener Untversitätsgeschichbe.
Bon D. iTr. Diehl, Stadtpfarrer in Darmstadt., (Schluß.)
Am 19. November erschien ein Polizeiknecht benebst zwei Schützen und zwei Mann Grenadiers in Eulers Wohnung, jagten mit Drohungen die Schulkinder heim, „schmissen", wie Euler berichtet, den Hausrat teils vor die Tür, teils in den Hausehrn Und machten sich dann in dem geräumten Hause lustig, indem sie den vorübergehenden Soldaten und Dienstmädchen zuriefen: „Sie waren retztunder Schuhlmeister, sie sollen nur herauf kommen" Eulers Einsprache hatte dann freilich den Erfolg, dast er seinen Hausrat wieder einräumen durfte. Am 13. Dezember aber mußte er für alle Zeiten aus dem Haus an der Wagengasse. Er zog m der Wittib L e n tz e n Haus in der H u n d s g a s se über, nachdem die Stadt sich zur Bezahlung von 24 Gulden Mietzins hatte bereit finden lassen. Tie neue Wohnung Eulers war sehr übel. Er mußte sich in ihr elendiglich behelfen, erlitt großen Schaden an „Kleidern und schwarzem Zeug" und konnte außerdem die Stuben nicht verschließen. Euler bemühte sich deshalb, ein anderes Logis zu bekommen, zumal shni sein Mithausbewvhner, der „böse und gewissenlose Schreiner Hoß", in dem Lenhischen Haus die „gottvergessenste und elwenrührigste Nnbilde und Schaden" zn- Wgte Er hatte aber erst im Jahr 1778 das Glück, aus seinem Elend erlöst zu werden. Seilte neue Wohnung, die Euler im
Mai 1778 bezog, lag in der Kaplansgasse: sein Mtetherr war der Fuhrmann Müller. Hier wohnte Euler bis 1781. Dann kaufte er sich ein eignes Haus, zu dem ihm Superintendent Benner das Geld schoß. In ihm wohnte er bis an sein Lebensende. Wo es lag, ist mir nicht bekannt.
Nach diesen Darlegungen über Eulers Wohnung ist der Schau- plah der Eulerkappereien hauptsächlich das S ch n l h a u s über d e r W a g e gewesen. Im November und Dezember 1776 spielten dw Verhandlungen wegen Eulers Auszug aus dem Haus, d. h. gerade in der Zeit, da die Eulerkappereien den Höhepunkt erreichten. Man kann sich denken, rote viel Stoff den Studenten der Gewaltakt der Polizei bei der Hausräumung am 19. November und dann Eulers wirklicher Auszug bot. Tie Eulerkappereien gingen dann in der H u n d s g a s s e weiter. Sie dauerten bis in die erste Hälfte des Jahres 1777. Es liegen verschiedene Notizen vor, aus denen wir den Zeitpunkt berechnen können, wann der Unfug aufhörte. Als im Oktober 1777 eine große Untersuchung wegen der Mißstände auf der Universität Gießen geführt wurde, kamen Eulerkappereien bereits nicht mehr vor. Sie sind auch fernerhin nicht mehr vorgekommen. Dafür sorgte ein gemessener Befehl, der mit anderen „Wischern" am 26. November 1777 an die Universität von Darmstadt aus erging. In ihm ward der Universität ernstlicher Vorhalt wegen „der bmten Behandlung der unter Anführung des Laukhard dem Mädchenschulmeister Euler viele Nächte hindurch beschehcnen Jn- sultnt und Beleidigungen" gemacht und angeordnet, „daß fürohin die Conravenienten mit Carcerstrafen zu belegen, auch die Pedellen anzuweisen seien, des Nachts bei dringenden Nothfällen auch allenfalls ohne vorherige Anfrage bei dem Rector, wenn zumahl tumultuarilche Gesellschaften sich zusammenrottiren, die Wache zu Hülfe zu rufen und die Schwärmer in sichere Verwahrung ad interim bringen zu lassen". Aber es hätte dieses Befehles nicht mehr bedurft. Als er herauskam, hatte sich bereits seit Monaten der Anführer der Ettlerkappereicn, Laukhard, „bekehrt". Wir erwhen das aus einem Briefe, den am 18. Oktober 1777 der da- !"°^.^Melropolitan Lobstein, der bis Juni 1777 Professor tn Großen gewesen war, an den „allmächtigen" Professor Koch rn Gießen schrieb. Es heißt da: „Die Eulerkappereien nahmen etn Ende, ) obalb Laukhard mich zu sreguentiren anfing, wie ich es mit seines Vaters Briefen bestätigen kann und die Zeit des Ehrens es ohnehin beweist." Ta Lobstein bereits Ende Juni 1 c c c nicht mehr tn Gießen war, muß das Ende der Eulerkappereien vor.jdteien Termin gesetzt werden. Wahrscheinlich hörten sie Anfang des Sommersemesters 1777 auf.
Zum Schluß mögen hier noch einige Notizen Platz finden über den Namen Euler kappe r. Laukhard sagt, der Name sei em „Ekelnamen" für Euler gewesen. Als solchen bchaiidelt er ihn in seinen Memoiren und in seiner Schrift „Eulerkapper", wo er die Namen Euler und Eulerkapper einfach gleichsetzt. Es ist nun interessant, daß uns bereits im Jahr 1777, also lange Jahre bevor Laukhard feine Memoiren schrieb, eine untere Gleichung begegnet. Nach ihr ist der Eulerkapper Laukhard selber! Er heißt so, weil er den Euler „kappt", abkappt, aus- schillt, heruntermacht. Tie Beziehung Laukhards mit dem Wort EnlerÜapper (= Eulerverfolger) stammt von keinem Geringeren dis dem Professor Koch. Es ist uns ein Brief Kochs, datiert'vom 15. Oktober 1777 und gerichtet an den Metropolitan Lobstein, überliefert, in dem Koch dem Lobstein zu verstehen gibt, roas für ein trauriger Kerl der Student Conradi sei, den Lobstein neben Laukhard zu seinem „Schoosjünger" erwählt habe. In diesem Brief, der in der Gelehrtengeschichte seinesgleichen nicht haben dürste, beginnt Koch mit folgenden auf Conradi und Lauklmrd abzielenden Worten: „Aus inliegenden (Sepien können Ew. Hoch- ehrwürden ersehen, was vor ein sauberer Spiesgesell dero zweiter Schoosjünger (denn der Eulerkapper ist aus den schändlichsten Versen und der Eulerkappers Historie bekannt genug) Conradi junior, genannt Unhold, welchen Namen er sich aitdMn Gießen beygclegt gehabt, ist."
Danach war nach Kochs Ansicht also der Eulerkapper anfänglich Laukhard: seine Taten hießen die Eulerkappereien. Später hat Laukhard die Umdeutung vollzogen, die dann in seinem Buch „Eulerkappers Leben und Leiden" so weit geht, daß er seinen Helden als Sohn einer Pfarrersköchin namens Euler geboren werden läßt, als dessen Vater sich ein mit Geld zu Superintendenten Ouodammodarius bestochener, der Eulerin völlig unbekannter Schornsteinfegergeselle nanteus Kapper ausgibt. Als später den Studenten diese vermeintliche Abstammung des zum Magister legens avancierten Euler bekannt wird, nennen sie ihn Eulerkapper. Nachdem Laukhard auf diese Weise aus deut Euler den Eulerkapper gemacht hat, kann er nunmehr aus dem Reiche der Tichtung in das der Geschichte übergehen. Er zeigt, wie Ettlerkapper Mädchenschullehrer wird, und wie ihn die Studenten verulken.
Daß übrigens Laukhard wirklich der schlimmste unter den Eulcrseinden war und den Namen Eulerkapper verdiente, geht, abgesehen von den bisher mitgeteilten Notizen, auch aus einem hochofsiziellen Schriftstück hervor, dem Bericht der als Unter- sttchungskommission 1777 eingesetzten drei Gießer Juristen Klipstein, Grolman und Zangen. Er tadelt am Anfang die zu große Nachsicht, die die früheren Rektoren walten ließen, und schreibt dann wörtlich folgendes:
„Zu jener ohnverantwortlichen zu großen Nachsicht (der vorigen Rektoren) zehlen wir den von einigen Professoren in ihren Gutachten gerügten Fall mit dem Studioso Lauckhard, welcher unter dem vorigen Rcctorat mit einem großen Th eil der hießigen Studenten einen Mägdgen-Schulmeister Rahmens Eitler viele Nächte hindurch infultiret, dessen sich, wie er beym Rector feine Hülfse erhallen können, endlich noch das Consistorium und die Policey-Deputation annchmen, und den Necborem seines Amts erinnern lassen mußte."
vermischtes.
* Kohlenverbrauch und fllitna. Auf Grund der Daten, die von den meteorologischen Bureaus der Vereinigten Staaten gegeben werden, ist der amerikanische Ingenieur Bolton zu der Ansicht gekommen, daß die Wärme, die durch das ständige Verbrennen von Kohle in die Lust entsandt wird, allmählich das Klima von Neuyork und seine Umgebung beeinflussen muß. Bolton schätzt das Gewicht der Kohle, die in der Millionenstadt jährlich verbrannt wird, auf 19 Millionen Tonnen, und auf 440 Tonnen das Gewicht der Kohle, die man verbrennen müßte, um die von den fünf Millionen Einwohnern erzeugte Wärme hervorzubringen. Seit dem Jahre 1870 fällt nun die Temperatur in Neuyork immer seltener unter —17 Grad Celsius, und diese Abnahme der Kälte entspricht der Vermehrung des Kohlenverbrauchs. Andererseits nimmt auch die Zahl der wolkenlosen Tage im Jahre zu und es macht sich eine besonders im Winter merkbare Verminderung der Niederschläge geltend.
Charade.
Tie erste roiinicliet htemrtiib gern zu fein, Dock trägt ein jeder sie mit sich herum. Tie zweue stellt auf manche Art sich ein. Auch zwischen Menschen oit, sieh dtch nur um, Das Wanze tfi zu finden bei den Tarnen ; Nickt schwer wirst du erraten seinen Namen. Vielfach erschemt es dir iw ialschen Schein, Nicht selten aber wird es kostbar sein.
Auflösung tn nächster Nummer.
Auflösung des Logogrtpho in voriger Nummert Organ, Orkan.
Redaktion; K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Umversitäts-Buch- und Stemöruckeret, R. Lang«, (StejeiZ


