Ausgabe 
17.1.1912
 
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Liebschaff sein Sohn, sein Müsterkind hahaha! UnS her Inhaber der Firma Westermaner u. Tobias lächle so schneidend, dah er selbst vor der Größe seines Zornes erschrack. Und gerade jetzt mnßte ihm das passieren gerade jetzt, Ivo er mit seinem Geschäfts­freunde Lindemann übereingekommen war, daß ihre Kinder sich heiraten sollten. Aber er würde sie ihm austreiben die Mucken!

Und der kleine runde Herr mit dem behäbigen Bäuchelchen, auf dem eine dicke goldene Uhrkette prangte, schlug mit der geballten Faust auf das unschuldige Briefblatt, daß die daneben liegende Zigarrentasche (troll von seinen Zigarren! Oh, dieser Muster­st) hn !) einen erschrockenen Lustsprung machte.

Sicherlich steckte er heute wieder mit seiner Flamme zusammen : denn im Geschäft war er ja nicht. Ter Gedanke benahm dem kleinen Herrn beinahe die Luft. Er hielt es in dem engen Zimmer Nicht mehr aus draußen, in der stischen Lust, wollte er den ersten gärenden Zorn austoben lassen, daß er dem Sohne nachher mit eisiger Kälte gegenübertreten konnte.

Er hüllte sich in seinen Pelz, und weil er seinen Aerger in Bewegung umsetzen mußte, stürmte er förmlich die Straße hinunter. Sehr bald aber nötigte ilm die Schlüpfrigkeit des Weges, ein maß­volleres Tempo anzuschlagen. Es hatte in den letzten Tagen Tauwetter geherrscht und nun war üsber Nacht wieder das grimmigste Frostwetter eingetreten. Es war bitter kalt, und die Straßen, aus denen gestern noch das Wasser des aufgetautcn Schnees in kleinen Tümpeln gestanden hatte, waren so hart und so glatt gefroren, daß man nur mit Mühe das Gleichgewicht behaupten konnte. Hätte die unerwartete Entdeckung ihm nicht ganz seine sonstige Besonnenheit geraubt, so hätte der würdige Geschäftsinhaber es wohl vorgezvgen, in sein Heim zurückzukehren, aus dessen Tielen er seinen Bewegungsdrang wenigstens ohne Gefahr eines plötz­lichen Sturzes betätigen konnte. Statt dessen aber stürmte er immer weiter, ohne auf den Weg zu achten, den er einschlug so lange, bis seine kurzen Beinchen einen plötzlichen Rutsch nach vorn« machten und ein anderer Körperteil, der allerdings von der Natur zum Sitzen bestimmt war, in recht unsanfte Berührung mit dem vom Glatteis bedeckten Boden kam.

Gustav Westermayer ließ eine ingrimmige Verwünschung aus, Und machte eine verzweifelte Anstrengung, sich von seinem un­behaglich kühlen Sitz zu erheben. Aber es blieb ein vergeblickies Bemühen. Tenn ein mit großer Heftigkeit im rechten Fußgelenk einsetzeuder Schmerz, der ihm ein leichtes Aechzeu abpreßte, be­lehrte den Bedauernswerten, daß der Sturz nicht ohne verhängnis­volle Folgen geblieben war. Zum wenigsten hatte er sich den Fuß verrenkt oder am Ende gar gebrochen. Wer Konnte es wissen - Jedenfalls stand mit unumstößlicher Gewißheit fest, daß er sich ohne fremde Hilfe nicht von der Stelle bewegen konnte.

Und ein Blick, den er in die Runde schweifen ließ, belehrte ihn darüber, daß diese fremde Hilfe möglicherweise recht lange auf sich warten lassen konnte. Er war da in eine Stadtgegend ge­raten, die ihm selbst noch ganz fremd war in eine stille, ab­gelegene Straße, an der sich recht bescheidene kleine Einfamilien­häuser erhoben. So verzweifelt er auch nach allen Seiten spähte nirgends wollte sich ein lebendes Wesen zeigen, mit Ausnahme eines kleinen weißen Spitzes, der eine Zeitlang mit allen Anzeichen der Verwunderung an Gustav Westermayer herumschnüsfelte, bis ihn ein zorniges Wort verscheuchte.

Tann aber glitt ein Hoffnungsschimmer über des Gestürzteit schmerzlich verzogenes Gesicht. Durch den Garten, vor dem sich fein Unfall ereignet hatte, kam leichtfüßig ein junges Mädchen ge­schritten, und gleich darauf fiel hinter ihr das eiserne Psörtchen klirrend ins Schloß. Sie schien den Bedauernswerten nicht zu bemerken und wollte sich offenbar in die entgegengesetzte Richtung wenden. Ein kläglicher Zuruf Westermayers brachte sie dann frei­lich zum Stehen aber als sie dessen ansichtig wurde, der sie da angerufen, da schien es, als wollte sie jäh die Flucht ergreifen.

Herr Gustav Westermayer sah in Mei runde Augen, in deren Blick sich der größte Schrecken aussprach. Aber er sah auch, daß diese Augen in einem allerliebsten jungen Gesichtck»en stanven. Und mit einem Gemisch väterlicher Freundlichkeit und hilfloser Bitte sagte er:

Wollen Sie nicht die große Güte haben, liebes Kind, jemanden herbeizuholen, der mir behilflich sein kamt? Ich bin gestürzt Und habe mich am Fuß verletzt. Wenn Sie vielleicht einen Wagen

Nun schien die niedliche Kleine ihren rätselhaften Schrecken rasch zu iiberroinbeit. Sie trat zu ihm und mit heller Stimme sagte sie:

Ein Wagen wird wohl hier nicht auszutreiben fein, Herr Westermayer. Aber wenn Sie sich mit meiner Hilfe bis in das Häuschen hier begeben könnten meine Tante wohnt dort, und sie versteht sich auf die Behandlung von Verletzungen so gut. Sie wird Ihnen gewiß gern behilflich sein."

Daß sie ihm bei seinem Namen angeredet hatte, war ihm in der Freude über ihre entschlossene Hilfsbereitschaft ganz ent­gangen. Aber er meinte doch bedenklich:

Ich bin Ihnen unendlich dankbar, mein liebes Fräulein aber ich weiß nicht es dürste Ihnen wohl doch zu schwer seilt"

Wir könnten es immerhin versuchen nicht wahr?" gab sie zur Antwort.Wenn Sie sich noch einen Augenblick gedulden wollen ich möchte nur meine Tante benachrichtigen"

Sie eilte rasch ins Haus, und mit hem Ausdruck aufrichtiger Bewunderung sah ihr der Gefallene nach. Was war das für ein fixes Mädel! So hätten sich gewiß nickst viele einem gleichgültigen Menschen gegenüber benommen. Und hübsch war sie alle Wetter!

Sie ließ ihn nicht lange warten. Sehr bald kam sie zurück, und mit ihr wurde eine Matrone mit freundlichem, milden Ge­sicht in der Tür des Häuschens sichtbar.

So wenn Sie sich vielleicht auf Ihren Stock stützen, Herr Westermayer und recht fest aus meine Schultern sehen Sie- es geht schon."

Mit vielemAch" und Ohhatte er sich aufgerichtet, und int Bewußtsein seiner hundertundsünfundachtzig Pfund schwebte er jeden Augenblick in der Furcht, daß die Last für das so zart aus­sehende junge Mädchen zu groß werden würde. Tenn er mußte sich schwer auf sie stützen. Aber sie entwickelte eine Kraft, die er wahrlich nicht erwartet hatte, und die ihn von Neuem mit der höchsten Bewunderung erfüllte. Statt daß sie ihm Ivie er es ge­fürchtet hatte erklärte, es ginge doch über ihre Kräfte, redete sie ihm noch aufmunternd zu und der Klang dieser Hellen, reizenden Mädchenstimme lieh den alten Herrn seine Sckstnerzen wirklich fast vergessen. -Er saß drinnen auf dem Sofa in dem traulichen kleinen Wohnslübckstn, ehe er sich dessen versah und geschickte Frauen­bünde, deren wohltuendes Wirken er lange hatte entbehren müssen, mühten sich für die Linderung seiner Schmerzen.

Es ist Gott sei dank nur eine Sehnenzerrung," sagte die alte Dame, die sich sogleich des verletzten Fußes angenommen hatte. Aber ich werde meine Nichte trotzdem lieber zum Arzt schicken. Vielleicht nehmen Sie bis dahin mit mir eine Tasse Tee- etwas Warmes wird Ihnen nach dem Schrecken gut tun."

Gustav Westermayer glaubte sich in eine Welt gütiger Feen versetzt, und er fühlte sich so ausnehmend behaglich, daß er bald seinen Unfall nickst nur, sondern auch die indirekte Ursache des­selben vergesien hatte. Während das junge Mädchen zum Arzt ging, plauderte er mit der alten Dame und feit Langem hatte er keine so gemütliche halbe Stunde verbracht. Sie hatte wirklich darauf bestanden, ihm Tee zu bereiten, und sie hatte ihm das knusprigste Gebäck dazu serviert als wäre es ihr bekannt ge­wesen, daß das von jeher zu Gustav Westermayers kleinen Schwächten gehört hatte. Er konnte denn auch nicht umhin, es zu loben; und mit dem Ausdruck innigen Stolzes auf dem Antlitz entgegnete die Matrone:

Es freut mich, daß sie Ihnen schmecken. Meine Nichte hak sie gebacken sie ist aber auch wirklich eine kleine Koch­künstlerin."

Ein Prachtmädchen!" entgegnete der Geschäftsinhaber aus tiefster Ueberzeugung.Sie wird einmal einen Mann sehr glück­lich machen."

Ach daran denkt sie noch nicht," lautete die Erwide­rung.Tie Mädchen heutzutage sind überhaupt nicht so auf das Heiraten versessen. Meine Kleine wenigstens will gar nichts davon hören sie ist viel zu stolz auf ihre Tätigkeit. Tenn nicht mir den Haushalt führt sie mir ihre Ettern sind schon lange tot, leider sondern sie gehl auch den Nachmittag über als Buch­halterin in ein Geschäft, und ihr Chef kann sie mir immer gar nicht genug rühmen."

Wirklich Sie können sich glücklich preisen, einen solchen Schatz zu besitzen," versicherte Herr Gustav Westermayer wieder. Und als das junge Mädchen eben jetzt mit dem Arzt zurückkehrte, begrüßte er sie mit den freundlichsten Worten, die ihm zu Gebote standen. Und daß sie darauf nur in schämiger Verwirrung das Köpfchen senkte, wie um die dunkle Glut zu verbergen, die ihrs Wangen färbte, ließ sie ihm noch lieblicher erscheinen.

Ter Arzt bestätigte die günstige Diagnose der alten Dame, und er fand überdies, daß sie schon alles für die Verletzung getan; batte, was sich tun ließ. So empfahl er sich sehr bald wieder, Tie Matrone aber wandte sich an ihre Nichte:

Nun wirst du dich lvohl umsehen müssen, Elise, wo dtz einen Wagen auftreibft"

Tas sonderbare Gesicht, das der unfreiwillige Besucher plötz­lich machte, ließ sie verwundert verstummen. Gustav Wester-, mager aber sagte:

Sagen Sie einmal, mein liebes Fräulein kannten Sie mich eigentlich schon? Es war mir doch, als ob Sie mich vorhin schon beim Namen nannten?"

Wieder färbte eine dunkle Purpurglut Fräulein Elftes Wangen.

Ich ich glaube ich habe Sie sck)on einmal gesehen," stammelte sie in höchster Verwirrung. Aber der Inquirent kehrte sich nicht an ihre Verlegenheit.

Kennen Sie vielleicht auch meinen Sohn?" inquirierte er weiter.Hans heißt er Hans Westermayer."

Nein das heißt ja so flüchtig ich weiß nichti ich glaube, auf der Eisbahn"

So so auf der Eisbahn. Ja, mein Sohn ist feit einiger Zeit feit ganz kurzer Zeit, hm ein leidenschaftlicher Schlitt­schuhläufer. Und da hat er mich Ihnen wohl mal gezeigt wie? So ans der Entfernung?"

Ich es kann eS mag sein ich weiß nicht

Auch ein steinernes Herz hätte ihre verzweifelte Hilsloftgkeik

rühren müssen. Herrn Gustav Westermayer rührte sie nicht.