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tm, als ob sie im geheimem hinzusehte: wenn's mir wahr wird. Das liebe arme Ding! Eigentlich hatte Dodo am wenigsten von der ganzen Umwandlung der Verhältnis; e, von dem ganzen Berlin! Nicht einmal ein ordentliches Zimmer hatte sich für sie in der großen Mietswohnung gefunden.
Bei Tisch bildete Mamas erfolgreiche Rekognoszierungs- fahrt das Hauptthema.
Die Villa mußte ein Juwel sein. Sie lag in der Kilganstraße wie auf einer stillen Insel mitten im Getriebe der Großstadt, ruhig und vornehm, bot viel Raum, hatte einen ziemlich großen Garten und besaß allen modernen Komfort. Friedel, der auch zu Tisch gekommen war, betonte lebhaft die Vorzüge der Lage; Frau Ida war begeistert über die wirtschaftliche Bequemlichkeit, über den Komfort des Baus, in dem weder Vakuumreiniger noch Kühlvorrichtungen, weder der einbruchssichere Geldschrank noch das eigene Badezimmer für die Dienerschaft fehlten.
Signe beteiligte sich fast gar nicht an der immer wärmer werdenden Debatte. Sie saß in ihrem modefarbenen Schneiderkleid — Trauerkleidung hatte sie als Heuchelei rundweg verweigert — wie ein Bild von Stein am Tisch Dies Planen schien sie zu langweilen, ja sie gähnte einmal sogar verstohlen. Als Dodo, die wie immer Feuer und Flamme war, sie entrüstet fragte: „Aber Signe, interessiert dich das denn nicht?", entgegnete sie zwar: „Doch — doch!", aber sie sah kaum auf den Bauplan, den Mama zum Dessert üufrollte. Nur einmal nach einem flüchtigen Blick auf die Zeichnung sagte sie: „Ich möchte gern ein Südzimmer haben."
„Selbstverständlich, Signe," gab Vater sofort zurück und suchte auch gleich im oberen Stock. „Hier denke ich. . das wird recht etwas für dich sein. Dodo bekommt dann das zweite kleine Zimmer — da — und ihr beiden Mädels erhaltet einen gemeinschaftlichen Salon dazwischen." Er fühlte sich sehr angeregt und seit langer Zeit einmal wieder ganz als Familienvater. Hier gab cs doch etwas, wonach er gefragt werden, wo er Auskunft geben, eine Entscheidung treffen mußte. Neber den Preis erschrak er zwar wieder. Aber er äußerte sich darüber nicht; es war längst seine Gewohnheit geworden, sich im stillen mit den Geldsachen abzufinden. Dafür meinte er: „Nun, wir werden ja sehen. Ich will gleich nachher hinfahren — natürlich mit dir, Mamachen. Und wenn alles so zutrifft, wie du s schilderst, nun dann hißt's also endgültig: von Kö.lin nach Berlin. Ich werde froh sein, sobald das Provisorium hier zu Ende ist." ,
5. । ।
Draußen lag der Raubreif aus den Bäumen. Bis dicht an das Fenster reichsten ein pa-r zuckerkandierte Zweige der großen Kastanie. Durch den Spalt zwischen den Vorhängen konnte Signe grad auf das seine glänzende Geflecht sehen und auf ein Stück blauen Winterhimmels dahinter. Es war sswpsindlich kalt gewesen auf der Eisbahn Lange hatte sie es nicht ausgehalten auf dem spiegelglatten Neueis des Tiergartenfees, jo schön der Laus gewesen war.
Aber im Zimmer war es behaglich. Sie hatte die Kurbel der Heizung ganz aufgedreht, und die Zofe mußte noch den Easlamin au stecken, ehe sic entlassen wurde. Zwischen deri großen glattpolierten Kupferplatten züngelten die Flämmchen, und der warme Schein leuchtete über den blauen weichen Teppich bis an das Fußende der Chaiselongue.
Langausgestreckt lag Signe in ihrer porzellanblauen Matinee, unter der die übereinander gekreuzten Füßchen grob noch heraussahen. Die Arme hatte sie im Nacken verschlungen. Die Augen halb geschlossen. Wohlig dehnte sie die Glieder und träumte von ihrem jungen Leben.
Eigentlich fühlte sie sich erst jetzt, nachdem der Umzug und die Einrichtung vollendet waren, froh und glücklich über den großen Umschwung ihres Daseins. Vorher: es hatte da doch allerlei zu überwinden gegeben. Aeußer- lich und innerlich. Es war ihr nicht so wicht geworden, wie sie sich den Anschein gab, sich wieder in den Kreis der Familie einzuleben; manchmal hatte sie sich beinah in das bei aller Gebundenheit so freie Reiseleben mit der kleinen Hoheit zurückgesehnt. Manchmal war sie sich unter den Augen von Vater und Mutter doch wie ein wieder eingefangener «Vogel vorgekommen.
Und dann waren die Erinnerungen an Viktor auf- gctaucht und Selbstvorwürfe und Sehnsüchten zugleich —, |o heiße Sehnsüchten, 'daß der Schlaf sie sloh.
Es war ja alles Unsinn und Schwäche, albernes Mäd- chenempsinden, das man bezwingen mußte und konnte. Nur nicht klein werden. Nur immer die Zukunft fest im Auge haben. Und sich der Gegenwart freuen . . .
Sie löste die Arme im Nacken und streckte sie aufwärts, daß die weiten Aermel zurückfielen. Sie streifte zärtlich mit der Rechten über die feine Rundung des Fleisches. Und sie lächelte, wie sie gern lächelte, wenn sie allein war. In stiller Freude und doch ein weni-g spöttisch. Spöttisch über die Männer, die diesen weißen Arm schön gefunden hatten, die ihn schön finden würden. Und sie zog die schmalen, langen Finger dichter an die Augen und betrachtete sie vom Handansatz bis zu den rosig schimmernden Nägeln. Und dachte daran, wie sie zugreifen sollten und festhalten. Nur einen einzigen Ring trug sie. Den kleinen Reifen mit dem großen, von Brillanten umrahmten Smaragden, den Vater ihr neulich zu ihrem drei- undzwanziqsten Geburtstag geschenkt hatte. Er war so kostbar, daß Mutter, die sonst gar nicht mehr fürs Sparen war, mit lächelndem Vorwurf gemeint hatte: „Alterchen, solch einen Ring für ein junges Mädchen?"
Wie würde sie den ausgelacht oder zornfunkelnd angeblitzt haben, der ihr vor einem Jahr gesagt hätte, daß Vater ihr einen so kostbaren Ring schenken würde! Damals, als ein neues billiges Fähnchen zum Geburtstag ein Ereignis gewesen war. Damals, als sie manchmal nicht wußte, wie sie die Wäscherechnungen in den Hotels bezahlen sollte, wenn die knauserige kleine Hoheit ihr die mit spitzen Fingern znschob: „Nun, meine Liebe, Sie brauchen ja mehr für Jupons als ich. . ."
Laut auflachen mußte Signe plötzlich, als sie daran dachte. Laut und froh. Dem Himmel {ei'3 gedankt, daß all die Misere vorbei war!
Ganz fest kuschelte sie den Kopf in das blauseidene! Daunenkissen hinein, streckte sich verschränkte die Arme unter der Brust, blinzelte zu den weißseidenen, durchbrochenen Strümpfen hinunter, über die der Feuerschein aus dem Kamin wärmend spielte, und auf die kleinen koketten Schühchen aus rotem Maroquin: gelobt fei Onkel Reinhard . . . es ist doch wunderschön, reich zu sein.
Reich zu sein, wenn man arm gewesen ist! Wohl gerade der Kontrast macht so glückselig.
Wie eine Danas kam sie sich vor, aus deren Glieder der Goldregen wonnig herunterrieselt. Der herrliche Goldregen. . , ,
(Fortsetzung folgt.)
Glatteis.
Humoreske von Helmuth tan Mor.
Herr Gustav Westermaper, in Firma Westermoyer und Tobias ging seit einer halben Stunde mit dunkel gerötetem Antlitz tm Wohnzimmer der Westermayerschn Villa aus und ab. Und jedesmal, wenn ihn sein Weg am Tlsch vorüberführte, wenn jein Blick auf das zerknitterte Briefblatt fiel, das da lag, rötete sich sein rundliches Angesiclst noch um eine Nuance tiefer, und seine für gewöhnlich recht gutmütig dreinblickenden Aengelchen schienen Zornenblitze zu sprühen.
Ah, er sollte ihm einmal unter die Finger kommen — dieser — dieser Mensch — dieser pflichtvergessene Geselle! — Und dieses Wesen, das ein Gesicht hatte, wie ein vierzehnjähriger Schulbube und von dem sündhaften Getriebe der Welt nicht mehr zu wissen schien als ein neugeborenes Knäblein — diesen Heuchler hatte er bisher als das Muster eines wohlerzogenen Sohnes hingestelltl Gerühmt hatte er sich seiner — und väterlicher Stolz hatte seine Brust geschwellt, wenn die anderen, die Geschäftsfreunde, sich über ihre Söhne beklagten. Und jetzt — jetzt!
Wenn er noch an das hämische Gesicht des Schneiders dachte — zur Decke hätte er hinausgehen mögen. Wie der Mann ihm den Brief zusammen mit einem Zigarrenetui feierlich überreicht hatte — der Herr Sohn habe vergessen, ihn aus der Joppe zu entfernen, die zum Ausbessern gegeben worden sei — er wolle die Verantwortung nicht übernehmen — es könne verloren gehen —•• und es sei doch wohl wertvoll —
Und da lag er nun, dieser elende Wisch, und oben als Ueber- schrift ktand in großen Buchstaben:
„Mein geliebter Hans!"
Und bann vier Seiten voll verliebten Unsinns ~ lind zuch Schluß:
„Deine getreue Elsie."
Mein — dein! — Ja, wenn er, Gustav Westermayer, nicht Gott sei dank auch noch dagewesen wäret Eine Heimlichs


