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bin im Begriffe, dir eine Sache von größter Wichtigkeit anzuvertrauen. Ich wünsche, daß du mir diese beiden Briefe besorgst. Den, welcher die Postmarke trägt, wirst du morgen in London auf die Post geben. Den andern aber, welcher an Mr. Fairlie adressiert ist, wirst du ihm selbst übergeben, sobald du in Limmeridge ankomnist. Behalte beide Briefe bei dir und lasse sie dir von niemandem abnehmen. Sie sind von der größten Wichtigkeit für das Wohl deiner Herrin. Die Haushälterin wird dich gut aufnehmen.
Dann eilte ich wieder nach Hause, unt für das Diner Toilette zu machen und einige Worte mit Laura zu wechseln.
Die Briefe sind in Fannys Händen flüsterte ich ihr durch die Türe zu. Wirst du zu Tische hinunter kommen?
O nein, nein! Um alles in der Welt nicht!
Ist irgend etwas vorgefallen? Ist jemand bei dir gewesen?
Ja, soeben, Sir Percival —
Kam er herein?
Nein; er erschreckte mich, indein er heftig draußen an die Tür klopfte. Er fragte mich, ob ich mich eines Besseren besonnen habe und drohte, er werde mir meine Halsstarrigkeit schon noch brechen. —
Es wurde zu Tische geläutet und ich.eilte hinunter.
Sir Percival führte die Gräfin zu Tische, und der Graf bot mir seinen Arm. Er sah rot und erhitzt aus und.war nicht mit seiner üblichen Sorgfalt gekleidet. War auch er etwa vor Tische ausgewesen und erst spät zurück- gekehrt? oder litt er bloß etwas mehr.als gewöhnlich unter der Hitze?
Während des ganzen Tiners war er fast ebenso schweigsam toie Sir Percival und blickte von Zeit zu Zeit seine Frau mit einem Ausdrucke verstohlener Unruhe an, wie ich sie, solange ich ihn kannte, noch nie an ihm bemerkt hatte. Die emzige gesellschaftliche Pflicht, welcher er mit seiner gewohnten Sorgfalt nachzukommen imstande schien, war die seiner Höflichkeit und Artigkeit mir gegenüber.
Als die Gräfin und ich den Tisch verließen, erhob sich der Graf ebenfalls, um uns nach dem Gesellschaftszimmer zu begleiten.
Warum gehst du? frug Sir Percival, dich meine ich, Fosco.
Ich gehe, weil ich genug gespeist mti> getrunken habe, entgegnete der Graf. , Sei so gütig, Percival, mich in Rücksicht auf meine ausländischen Gewohnheiten zu entschuldigen, wenn ich mit den Damen den Tisch verlasse, wie ich mit ihnen Platz daran genommen.
Unsinn! Ein Glas Bordeaux mehr wird dir keinen Schaden tun. Setze dich wieder her wie ein vernünftiger Engländer. Ich habe eine halbe Stunde ruhig mit dir zu sprechen, und wir können das beim Weine tun.
Ich will mich mit Vergnügen ruhig mit dir unterhalten, nur nicht jetzt und nicht beim Weine. Später, wenn dir's beliebt, später.
, Sehr höflich! sagte Sir Percival mit einem wütenden Micke, sehr höfliches Benehmen, wahrhaftig, gegen einen Mann, bei dem man sich als Gast aufhält!
Ich hatte ihn, während wir bei Tische saßen, den Grasen zu wiederholten Malen unruhig anblicken sehen und dabei bemerkt, daß der Graf seinen Micken sorgfältig zu begegnen vermied. Dieser Umstand, gepaart mit Sir Percivals Wunsche, sich ungestört mit dem Grafen zu unterhalten, und d,es Letzteren hartnäckige Weigerung, sich wieder zu ihm zu setzen, riefen mir Sir Percivals Bitte von heute nachmittag an seinen Freund, aus der Bibliothek zu ihm zu kommen, , da er mit ihm zu sprechen habe, wieder ins Gedächtnis. Der Graf hatte die Erfüllung dieser Bitte um eine ungestörte Unterhaltung schon nachmittags verschoben, und jetzt, da sie zum zweitenmal an ihn gerichtet wurde, verschob er sie abermals. >
Nachdem ich in mein Zimmer gegangen, um mein Tagebuch zu holen, kehrte ich zu Laura zurück, wo ich schrieb und von Zeit zu Zeit inne hielt, um mit ihr zu reden. Es störte uns niemand, und es ereignete sich nichts. Wir blieben bis zehn Uhr zusammen. Dann stand ich auf, sprach ein paar letzte ermutigende Worte und wünschte ihr gute Nacht. Sie verschloß ihre Tür wieder, nachdem wir übereingekommen waren, daß ich morgen, sobald ich aufgestanden, gleich zu ihr kommen solle.
Ich hatte, ehe ich selbst schlafen ging, noch einige
wemge Sätze zu dem bereits in meinem Tagebuche Eingetragenen hinzuzufügen, und als ich in den Salon hinunterging, nachdem ich Laura an diesem traurigen Tage zum letztenmal verlassen, beschloß ich, mich dort nur zu zeigen, um meine Entschuldigung zu machen, indem ich mich heute eine Stunde früher als gewöhnlich zurückzöge.
Ich fürchte, Sic befinden sich nicht ganz so Wohl, wie gewöhnlich, Gräfin? sagte ich.
Ganz dieselbe Bemerkung, die ich von Ihnen zu machen im Begriffe war, meine Liebe, entgegnete sie.
Meine Liebe! Es war das erstemal, daß sie sich dieses vertraulichen Ausdruckes gegen mich bediente! Auch lauerte in ihren Zügen ein impertinentes Lächeln, als sie sprach.
Ich habe mein böses Kopfweh, sagte ich kalt.
Ach wirklich? Sie machen sich wahrscheinlich nicht Be- wegung genug? Ein Spaziergang vor Tische würde Ihnen gewiß gut getan haben. — Sie sprach dies mit seltsamem Nachdrucke. Hatte sie mich etwa ausgehen sehey? Einerlei — die Briefe waren jetzt sicher in Fannys Händen.
Komm und laß uns eine Zigarre zusammen rauchen, Fosco, sagte Sir Percival aufstehend und mit wiederholtem' unruhigem Blick auf seinen Freund.
Mit Vergnügen, Percival, sobald die Damen.sich zurückgezogen haben werden, entgegnete der Gras.
Entschuldigen Sie mich, Gräfin, wenn ich Ihnen hierin das Beispiel .gebe, sagte ich. Das einzige Heilmittel für ein solches Kopfweh, wie das meinige, ist Schlafengehen.
Ich verabschiedete mich. Als ich ihr die Hand gab, sah ich dasselbe impertinente Lächeln in ihrem Gesicht. Sir Percival nahm keine Notiz von mir. -Er blickte ungeduldig nach der Gräfin, die keine Anstalten machte, das Zimmer mit mir gu. verlassen. Der Graf lächelte hinter seinem Buche vor sich hin. Die ungestörte Unterredung mit Sir Percival war nochmals verschoben, und die Gräfin war diesmal das Hindernis.
Sobald ich in meinem Zimmer anlangte, öffnete ich diese Blätter und schicke mich an, den mir noch übrig bleibenden Teil meines Tagesberichtes niederzuschreiben.
Etwa zehn Minuten oder etwas länger saß ich müßig mit der Feder in der Hand da und ging in Gedanken die letztverflossenen zwölf Stunden wieder durch. Ms ich meine Aufgabe endlich beginnen wollte, wurde mir dies so schwer, wie es noch nie zuvor der Fall gewesen war. Ungeachtet meiner Bemühungen, meine Gedanken auf meine Beschäftigung zu heften, wanderten dieselben mit der seltsamsten Hartnäckigkeit immer wieder in der Richtung von Sir Percival und dem Grafen von ihr ab, und das ganze Interesse, das ich auf mein Tagebuch zu konzentrieren versuchte, richtete sich statt dessen auf die Privatunterreduug zwischen ihnen, die den ganzen Tag verschoben war und jetzt in der Einsamkeit der Nacht stattfinden sollte.
So blieb mir nichts anderes übrig, als mein Tagebuch zu schließen und es eine kleine Weile ruhen zu lassen.
Ich öffnete die Türe, welche von meinem Schlafzimmer in mein Wohnzimmer führte, und zog sie wieder hinter mir zu, um, da das Licht auf meinem Toilettentische brannte, etwaiger Feuersgefahr, welche durch den Zug entstanden wäre, vorzubeugen. Das Fenster in meiner.Wohnstube war offen, und ich lehnte mich gedankenlos.hinaus, um in die Nacht zu schauen.
Alles war dunkel und stille. Es wären weder Mond noch Sterne sichtbar. In der stillen, schweren Luft war ein Geruch wie von Regen, und ich streckte die Hand hinaus, um ihn zu fühlen. Noch fiel kein Tropfen. Der Regen! drohte erst — er war noch nicht gekommen.
Eben als ich im Begriffe war, mich ermüdet vom Fenster abzuwenden, und in mein Schlafzimmer zurückzukehren, um nochmals einen Versuch zu machen, meinen Tagesbericht zu vollenden, verspürte ich plötzlich, einen Tabaksgeruch, der sich zu mir emporstahl.
(Fortsetzung folgt.)
Die Spinne.
Skizze von G. Fahrow (Berlins
Auf der Veranda der elterlichen Wohnung saßen die GeschwistÄ Kullemeier und unterhielten sich über die letzten Stiefelmoden; dies war so, ziemlich das einzige Gebiet, auf dem die achtzehnjährig^ Helga und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Richard einer Meinung waren.
Plötzlich stieß Helga einen Schrei aus und sprang auf, mit zwei Sätzen bis in die letzte Ecke der Veranda flüchtend'.


