Ausgabe 
28.10.1911
 
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schrie sie.Die scheußliche Spinne!"

Richard' sah zwischen zwei Holzstäben der grünbc Wachsenest Veranda eine große, dicke Kreuzspinne sitzen und zuckte die Achseln mrt jener Verachtung, die derheranreifende Mann" gegen das weibliche Geschlecht unter Dreißig empfindet.

Mach sie tot! Mach sie doch endlich tot!" schrie Helga, ihv lorngelbes Haar mit den schmalen Händen festhaltend, als wolle es fortflregen.

Lächerlich!" versetzte Richard.Ich werde doch nicht solche Faxen unterstützen! Spinnen sind ganz harmlose Tiere. Beherrsche dich gefälligst!"

Dummer Junge!"

Dies war die stärkste Beleidigung, die Helga vom Stapel lassen konnte. Sie sah auch mit Genugtuung, daß ihr Bruder erst er­rötete, dann die Mundwinkel bis ungefähr zu beit Kinnmuskelst herunter- und die Augenbrauen bis an die Haarwurzeln hinaufzog. Aber er hielt es für unwürdig, sich wie in früheren Zeiten krtegenich auf die Schwester zu stürzen. Nur ein einziges Wort hatte er als Erwiderung, und dies blies er förmlich aus den ver­achtungsvollen Mundwinkeln hervor. lautete schlicht und deutlich:Gans!"

. Helga hörte nicht auf ihn, sie betrachtete wie hypnotisiert die Spinne und .gruselte sich weiter. Ihre dunkelblauen Augen waren ängstlich weit geöffnet, ihre Hände griffen Noch immer in das gelbe Haar, und sie erhob sich langsam, wobei ihre schlanke schöne Gestalt sich mehr und mehr gegen die Brüstung der Veranda preßte.

Ihr nordischer Vorname schien ganz berechtigt für ihre Er­scheinung, wenn auch der Nachname bitter war wie ein übler Nachgeschmack; bis zum Standesamt mußte dieser aber doch er­tragen werden.

Die Spinne hatte bisher ganz still gesessen, plötzlich nahm sie aber einen Anlauf und raunte wie besessen auf die Seite zu, wo die junge Dame stand.

Ein zweiter Aufschrei ertönte. Im nächsten Augenblick hatte sich Helga über die Brüstung geschwungen und sprang blindlings hinab._

Sie hörte das spöttische Lachen ihres Bruders, zugleich aber auch vernahm sie eine heitere Stimme, die Ms bent Erdboden zu kommen schien:

Allen Göttern sei Dank! So also steigen doch noch die -Huldinnen zur Erde nieder, wenn auch mit Lauten des Entsetzens! Womit kann ich Ihnen dienen?"

Ein in Stahlgrau gekleideter Herr stand vor Helga Und blickte offenbar amüsiert in ihr erschrockenes Gesicht.

Ach Gott!" murmelte sie.Was ist denn das?"

Das? Meinen Sie den Garten oder meine geringe Person? Der Garten ist Ihnen wohl bekannt, war bisher nur Baumschule des Gärtners drüben, gehört aber seit kurzem mir. Ich bin Photograph."

Das weiß ich!" fuhr Helga ans; nachdem sie sich gesammelt hatte, fand sie rasch ihre gewohnte Wehrhaftigkeit wieder.Sie haben es ja deutlich genug gezeigt, daß Sie Photograph sind h Ich finde es sehr merkvürdig, daß Sie hier sind."

Nun," versetzte er,eigentlich ist es aber doch noch merk­würdiger, daß Sie hier sind, nicht wahr?"

Helga wurde purpurrot und wandte sich von dem Sprecher indem sie zur Veranda hinauftief:

Richard! Richard, so höre doch!"

Richard ist nicht mehr dort oben," lächelte der stahlgraUei Herr.Brüder sind immer weg, wenn man sie gerade haben will. Aber wozu brauchen Sie denn auch brüderliche Hilfe? Ich bin bereit, Sie aus diesem herbstlichen Labyrinth Ms die Straße zu bringen, wenn Sie es wünschen."

Danke, ich finde meinen Wag allein."

Schwapp, war Helgas Rückseite wieder dort, wo soeben noch ihr zorniges Antlitz geleuchtet hatte.

Zornig war sie in der Tat. Es war doch Unerhört, daß dieser Mensch, der sie seit Wochen belästigte, nun gar noch in ihrer nächsten Nachbarschaft auftanchcn, sie dort wahrscheinlich noch genauer als bisher beobachten und die Dreistigkeit haben konnte, sie anzusprechen.

Indessen eilte sie in einer verkehrten Richtung weiter, so daß der Herr, der neben ihr blieb, lächelnd ausrief:

Tas ist aber liebenswürdig von Ihnen, daß Sie hier noch Pin Weilchen in meinem Garten spazieren gehen!"

Helga blieb sofort stehen, zog die Augenbrauen eben so hoch wie vorhin ihr Bruder und sagte mit großer Würde:

Mein Herr, Sie sind überaus zudringlich!"

Ja," erwiderte er.Tas muß ich zugeben. Wer was bleibt Mir denn anderes übrig, wenn ich endlich einmal das Glück habe, Sie sprechen zu können? Seit Wochen renne ich Ihnen nach wie ein Schatten- das werden Sie wohl unliebsam genug be­merkt haben . . ."

Nicht nur das," Unterbrach sie ihn indigniert,sonderst Sie haben mich auch bereits dreimal photographiert!"

Geknipst!" korrigierte er.Bloß geknipst mit einem kleinen Momentapparat. Leider werden das ja doch keine richtigen Por­träts. Uebrigens war es viermal."

Aber wie kommen Sie denn dazu? Begreifen Sie denn! sticht, das; Ihr Benehmen ftirchtbar un unpassend ist?"

Ja," gab er zu,es. paßte mir ja Mch ganz und gar nicht!

Ich hätte mich Ihnen so gern persönlich genähert. Aber Sie etwas Unnahbares, - schließlich spricht man doch junge Damen wie Sie nicht an." J

- -So! Und was haben Sie vorhin getan? Nicht nur ast- gesprochen haben Sie mich, sondern Sie begleiten mich noch immer­fort! Ich kenne Sie nicht ..."

Mein Name ist Ward," sagte er gemütlich;das will nicht viel sagen, aber nun können Sie wenigstens nicht mehr behaupten, Je!inen- Auch will ich Sie sogleich von meiner GeMMast hefteten, nur mützen wir dann umkehren. Hier rechts entlang geht es zu den Bienenstöcken. Spinnen gibt es dort au ch.

Ha, der elende Lauscher!" dachte Helga, während sie um­kehrte itnb weniger hastig als bisher weiterging.Er hat es vorhin gehört, daß ich mich vor den Viechern fürchte! Merk- wUrdig, wie elegant er aussieht. Für einen Photographen riesig schm; eigentlich nicht wie ein Handeltreibender."

3hr rascher Blick hatte einzelne Kleinigkeiten an seiner Kleidung bemerkt, die ihr besonders ausfielen; natürlich zunächst das Schuh- werk, dasfabelhaft" war; aber in der Hinsicht (ernten die Berliner ja sehr schnell, das allein war kein Beweis für das gewisseHöhere", das ste an ihm wahrnahm. Er trug an der kurzen Uhrkette, die aus Platiua war, einen winzigen Anhänger, einen echten Skara- häus. O, er war sicher echt, Helga verstand sich darauf, denn sie fnwterte direkt solche Bagatellen. Ein unechter wäre viel grüner und glänzender gewesen, dieser aber sah aus wie ein wirklicher, graugrüner Käfer.

Sie sprach kein Wort mehr bis zum Ausgange, den sie Endlich erreichten. Desto eifriger sprach er. Und er erklärte ihr gauÄ kurz und deutlich feine Liebe.

Warum sind Sie so schön!" schloß er entschuldigend;ich kann nichts dafür, daß ich um Sie ein wenig den Verstand ver­loren habe! Ihr Vater war verreist, ich weiß es natürlich, denn ich habe so viel wie möglich spioniert aber er kommt jst morgen zurück, und ich werde es schon fertig bringen, in seist Haus eingeladen zu werden, das versichere ich Ihnen."

Helga war so verwirrt, daß sie kurz vor der hölzernen AstK? gangstür stolperte, so daß er sie rasch vor dem Fallen bewahrest mußte.

Ein kurzes Durcheinander von Armen, Gürtelschnalle, zer- rissenen Spitzen und einer Uhrkette entstand. Dann war Helga draußen. Herr Ward stand drinnen, und zwar mit tief abgezogenem Hut, und blickte der schlanken Gestalt nach, die nun im nächsten Hause wieder verschwand.

Helga aber hielt fest in ihrer kleinen Hand ein kleines, grau­grünes Ding den Skarabäus.

Er hatte sich an ihrem Gürtel verfangen und' losgerissen, und sie hatte es sofort bemerkt, ihn aber sorgfältig in der Hand geborgen.

Jetzt saß sie in ihrem Zimmer, betrachtete das kleine Ding Und lächelte sonderbar.

Ein ungewöhnlich anziehender Manu, dieser Photograph! Ob er das wirklich von Beruf war? Nein, Helga glaubte es! nicht. Er hatte so etwas Sicheres, Ruhiges, Festes.

Natürlich hatte Jte es längst auf der Straße bemerkt, daß er ein ernstes Interesse für sie hatte. Sie war nur nie sehr ent­gegenkommend gegen Fremde, und es fiel ihr ja natürlich gar nicht ein, jetzt etwa noch Gedanken an diesen Menschen zu verschwenden.

Das Mädchen rief sie zu Tisch, und sie glättete sich schnell das Haar und schlenderte hinunter, wo Richard Bereits an dem Tisch saß und gähnte, wie dies nur Brüder vermögen, wenn sie allein mit ihren Schwestern sind. Sie .nennen das häusliche Unbefangenheit.

Morgen kommen endlich die Eltern zurück" das war das Gesprächsthema während des Essens. Richard schien merkwürdig albern gestimmt zu sein, denn er platzte ein paarmal mit einem lauten Gelächter heraus und erklärte bann, er habe solchen famosen Witz gelesen, der sei aber nichts für kleine Mädchen.

Am nächsten Tage kamen Herr und Frau Sultan ei er zurück; Und er erzählte in bester Laune, er habe in der Eisenbahn, eine Stunde von Berlin, die Bekanntschaft eines riesig netten Kerls gemacht, Ward mit Namen, der morgen ganz zwanglos zum Abendbrot kommen werde.

Ward?" stotterte Helga.Ist das ein deutscher Name?"

Ja, ich denke. War vielleicht mal englisch. Ist seit hundert Jahren deutsch. Papierfabriken. Liebhaberphotograph, wie ich. Wird mir neue Platten zeigen. Mama findet ihn sogar hübsch

na, ich nicht." . ,

Helga nagte an ihrer Unterlippe, und Richard lachte toteberutn

An diesem Nachmittag aber passierte Helga etwas Gräßliches sie konnte den Skarabäus nicht wiederfinden, bat sieganz sicher" am Vormittag auf der Veranda in der Hand gehabt hatte.

Sie hatte ihn seit gestern recht häufig in der Hand gehabt. Aber wie war das nur möglich, daß er jetzt fort war! Es war doch nicht ihr Eigentum, und was wollte sie bloß tun, wenn ter Herr, dem er gehörte, ihn zurücksorderte! Es war gar ntcht ausgeschlossen, daß er gesehen hatte, wie er an ihrem Gürtel hängen blieb, als sie stolperte 7