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Sie suchte. ■ Herrgott tote sie suchte! Noch dazu ganz Mein, Kenn kein Mensch sollte es wissen, daß sie fremdes Eigentum so unachtsam verbracht hatte! — Aber er war nicht zu finden, dieser entsetzliche Käfer; weder auf dem Ofen, noch unter dem Klavier, noch hinter den Oelbildern im Salon war er, denn an allen dieser: und noch viel unmöglicheren Stellen suchte sie.
Endlich ging sie trostlos zu Bett.
Am nächsten Abend war Herr Karl Ward tatsächlich Gast Seim Abendbrot. Und er tat ganz fremd, ließ nichts davon! merken, daß und wie er bereits ihre persönliche Bekanntschaft gemacht hatte. Tas war eigentlich sehr nett von ihm. Aber als er fortging, und nur einige Sekunden die Mama den Rücken gedreht hatte, da flüsterte er ihr doch zu: „Ich danke Ihnen tausendmal, daß Sie meinen kleinen Skarabäus behalten haben! Der war ein Talisman — ich nehme es als Glückszeichen!"
Und seine Augen strahlten dabei, und Helga hätte in die Mrde sinken können.
Die nächsten Tage Verbrachte sie weiter mit ihrem fruchtlosen Suchen; es war genug, um halb krank darüber zu werden.
„Ich muß ihn finden!" murmelte sie melodramatisch vor sich hin. „Ich muß, ich muß! Er ist hier im Hause, das kann! ich beschwören! Wie soll ich denn das aushMen, daß dieser — dieser Mensch denkt, ich behielte seinen Skarabäus! Das muß er doch als Zeichen von Zuneigung deuten! Und überhaupt — wenn es ein Talisman war, so muß ich ihn doch erst recht wieder herbeischaffen!"
Endlich brach sie in hilflose Tränen, aus; Nutz so sand sie Richard auf der Veranda.
„Ist dir ganz recht!" rief er ihr zu. „Warum bist du so hinterhältig! Hättest du dich mir anvertraut, so Hätte ich dir lange geholfen."
Helga sprang tiuf.
' „Junge, du hast ihn Versteckt! Gib ihn sofort wieder her!" „Versteckt? Denke gar nicht daran. Gefunden habe ich ihn, Und um ein Haar wäre er weg gewesen, denn du hast ihn ganz! leichtsinnig hier auf der Brüstung liegen lassen."
„Und jetzt sieh her, was deine verhaßte Spinne getan hat! Ginge spönnen hat sie den Skarabäus! Sie hielt ihn wahrscheinlich für einen richtigen Käfer."
Er zeigte auf ein dichtes Spinnennetz, in dem augenblicklich nicht die Spinne saß, sondern nur der vermißte Skarabäus, in der Unteren Ecke hing.
Helga stieß einen Freudenschrei aus und griff mit heldenhaftem Akute in das Spinngewebe hinein.
Es ist niemals festgestellt worden, oh nur das gefällige Schicksal oder toieberum Richard die Hand im Spiele hatte, doch trat gerade in diesem Augenblick der Besitzer des Skarabäus auf die Veranda, während Richard grinsend entschwand.
Helga war so verdutzt, daß sie ihm nur den Anhänger hinhielt Und dazu sagte: „Da!"
Er nahm aber nicht den Skarabäus, sondern ihre Hand Und hielt sie fest; sehr fest und sehr lange. —
Als einige Tage später Herr Karl Ward wieder zum Abendbrot erschien, überreichte er Helga eine blitzende Brillantbrosche, eine Spinne darstellend.
Helga soll ihren Abscheu vor Spinnen seitdem gänzlich überwunden haben. Doch behauptete sie in späteren Zeiten, das käme nicht von den Brillanten, sondern von der Dankbarkeit dafür, daß eine Spinne einst ihren Talisman vor dem Verlorengehen behütet habe.
Richard lächelte verstohlen, ivenn er es hörte.
Niemand als er allein wußte, welche unendliche Mühe es ihn gekostet hatte, den Skarabäus so lange der Spinne hinzuhalwn, bis sie darauf „reingefallen" war.
Der Schwabenkönig im Lindauer Museum.
Der »Bayerischen Landeszeitung" wird folgendes Geschichtchen erzählt:
Vor Jahrei: war's, als eines Abends, schon lai:ge nach Schluß der üblichen Bureauzeit, ein gar artiger, seiner Herr aut der Polizeiwache der Stadt Lindau i. B. vorfprach und das Stadt- nuiseum zu besichtigen wünschte. „Das Museum ist nur bis 6 Uhr geöffnet," meinte der Schutzmann, „vielleicht könnte der Herr morgen noch einmal foinmcn!“
„Unmöglich l Reise heute noch ab," gab der fremde Herr zur Antwort.
„Bedaure sehr, dann nicht bienen zu können."
„Aberl" sagte der Herr hierauf gütig: „Für den König von Württemberg werden Sie doch eine Ausnahme machen und nochmals öffnen können." Den Schutzmann trafen diese Worte wie em Keulenschlag. _ Der Museumsdiener, der den Schlüffel zu beit Altertümern besaß und der auch etwas erklären konnte, mar längst irgendwo beim Dämmerschoppen und zweifellos unauffindbar. Und er, der Mann des Gesetzes, der sich bereits in eine zerschlissene Hose und Joppe für den Nachtdienst gesteckt hatte, sollte nun sich bem Honig zur Verfügung stellen, Führung übernehmen, Gegenstände erklären, tue er noch niemals der Blühe wert fand, anznsehen. Einfach unmöglich I Einen Bruchteil einer Sekunde jagten diese
Gedanken durch des Schutzmanns Gehirn. Da tauchte in ihm wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein Gedanke auf! Oben in Den Arbeitsräumen weilt ja noch einer, der Herr Rechtsrat, noch ohne Orden und Denkmiutzen; diesem durfte er nicht vorgreifen. Nun war d:e Rettung dal „Einen Moment, bitteI"
Der fremde Herr entfernt sich und wartet mit einem zweiten Herrn auf dem Marktplatz vor dem Rathaus und dem anstoßenden Museumsbau. Der Schutzmann mit seinen vielpsündigen Polizeistiefeln verkündet mit einem Riesengepolier und einem Sturz über einige Treppenstufen dem übereifrigen Rechtsrat, daß sich von Polizei wegen etwas Ungeheures, Unfaßbares zugetragen haben müsse. Atemlos schießt er in den Rechlsratsranm. „Der König von Württemberg ist da und wists Museum ansehen; er wartet drunten!" verkündet der letzte Atemstoß. Des Rechtsrats Augen senkten sich verzweifelt auf seinen verwetzten Bureaurock. Und in dem Gehirn des Rechtskundigen wird bei dieser Nachricht der gleiche Gedankenwirbel geherrscht haben, wie m demjenigen des Schutzmanns. Unmöglich, in diesem Aufzug dem König entgegenzutreten! Sagen Sie rasch der Putzfrau, die doch auch einen Schlüssel zu dem Dluseum zu Zwecken der Reinigung hat, sie soll sofort aussperren! So lautete der Befehl des Rechtsrats.
Der Polizist donnert mit seinen G'nagelten drei Treppen höher unter das Dachgeschoß, wo die gute Frau wohnt, die es nun an der Hand hat, einen König zu beglücken. Rasch übermittelt der Mann des Gesetzes den Befehl und eilt wieder in die Tiefe. Draußen, mitten auf dem Marktplatz, wartet bereits ungeduldig der König mit seinem Adjutanten.
In der Polizeistube wütet währenddessen ein Polizist mit einer zerschlissenen Hose, mit der er sich bei Tag nicht auf die Straße traut, weil der Rechtsrat zur Führung des Königs und der Schlüssel zum Museum noch nicht zur Stelle ist. Ein Stockwerk höher wünscht inbrünstig der Rechtsrat, es möge aus seinem verwetzten Bureauspenser ein nagelneuer Frack werden, mit dem er dem König entgegentreten kann. Und unter dem Dachgeschoß des Rathauses flucht greulich eine Putzfrau, weil sie den Schlüssel zum Museum nicht findet.
Ter König wird ungeduldig. Der Adjutant begibt sich noch einmal fragend zu dem einsamen Mann des Gesetzes auf die Polizeistube. Dieser weiß ihm nichts Gutes zu melden. Ter Adjutant berichtet hierüber Seiner Majestät. Noch einmal wirft der König einen langen Blick hinauf zum Museum, das einem König verschlossen bleiben sollte, dann auf das Rathaus, das wie ausgestorben schien, um sich dann zu entfernen, just in dem Moinent, als der Schlüssel zur Stelle war.
Es war zu spät! Der bewußte König liebt es nämlich, wenn er in seiner Sommerresidenz am Bodensee weilt, mit seinem flinken Motorboot verschiedene Seestädtchen anzulaufen, an Land zu gehen und so recht wie ein gewöhnlicher Sterblicher möglichst unerkannt eine gute Weinschenke aufzusuchen oder sonst Interessantes zu besehen. Die Diuseumstore des Bodenseestädtchens hakten sich ihm auf diese Weise allerdings nicht aufgetan. Acht Tage nach diesem Vorfall wanderte ein ellenlanger, hochnotpeinlicher Entschuldigungsbericht an das zuständige Hofmarschallamt der betreffenden Residenz. Ob darin der suchenden, fluchenden Putzfrau oder dem verwetzten Bureanspenser des Rechtsrats oder der zerschliffenen Nachtdiensthose des Polizisten die Schuld an dem Mißgeschick gegenüber Seiner Majestät beigemeffen wurde, entzieht ' sich der Kenntnis des Schreibers. Der Hofntarschall aber wird es wissen.
humoristisches.
* Verblümt. A.: „Singt die Dame denn gut?" — B.k -,,O ja, wie eine Nachtigall . . . die sich etwas erkältet hat!"
* Der Verlobnngsort. „Du hast dich auf der Reise? verlobt — das ist ja überraschend, wo lvar denn das?" —- „Ich weiß wirklich nicht, wie der Tunnel heißt!"
* Im Atelier. Gutsbesitzer (ein sehr schönes Stilleben betrachtend): „Das Bild möcht' ich schon kaufen —- aber mein' Leibspeis' müssen Sie mir noch dazu malen: eine Schüssel voll Knödel!"
Rätsel.
Ein Bauer streute unverdrossen
In seinem Garten Körnlein aus;
Ta ist just mitten drin ersproffen
Ein „l". — Was wars, was ward daraus?
Auflösung in nächster Nummer:
Auflösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummer: Abkürzungen: tr‘= Treff, p — Vigne, c — Coeur, car = Garreau, trB — Treff-Bube, pA — Pique-Aß, cD Coeur-Dame u. s. f.
Mittelhand erhielt: trA, trb, tr7, pA, pZ, pK, p9, cZ, cK, c9, im Seat liegen c8 und ear7; Hinterhand hat den Rest. Verlauf des Spieles:
1. V. pB M. trA H. trB — — 15 Augen
2. H. carA 53. ear9 M. pA = — 22 „
3. H. earK 53. earZ M. tr7 = — 14 „
Die weiteren Stiche bekommt der Spieler bis auf cD, wobei die Gegner aber 24 Augen erhalten.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäls-Bnch- und Steindruckerei, R. Lang«, Gießen.


