Samstag dm 28. Oktober
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Die weiße Frau.
Roman von W. Collins.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Hilflos sah sie mich an, aber ich fuhr unerbittlich fort: Ich beabsichtige erstens an Mr. Gilmores Kompagnon zu schreiben, Laura, d-a er uns für jede neue Verlegenheit seine Hilfe angetragen bat. So wenig ich auch das Gesetz kenne, so sicher bin ich dessenungeachtet, daß es -eine Frau gegen solche Behandlung schützen kann, wie sie dir heute von diesem rohen Wüterich geworden ist.
Du wirst ihn zur Verzweiflung treiben, sagte sie, und unsere Gefahren noch um das Zehnfache vergrößern.
Ich fühlte das Wahre, das entmutigend Wahre dieser Worte. Aber ich vermochte es nicht über mich, ihr dies offen zu bekennen. In unserer schrecklichen Lage gab es keine Hilfe oder Hoffnung für uns, als indem wir das Schlimmste wagten. Ich sagte ihr dies mit vorsichtigen Worten. Sie seufzte bitterlich, doch machte sie keine Einwendungen. Dann srug sie, an wen ich außerdem zu schreiben beabsichtige.
An deinen Onkel, sagte ich. Mr. Fairlie ist dein nächster männlicher Verwandter und das Haupt der Familie. Er muß und soll sich ins Mittel legen.
Laura schüttelte traurig den Kopf.
Ja, ja, fuhr ich fort, ich weiß wohl, daß dein Onkel ein schwacher, selbstsüchtiger Mensch ist. Aber laß mich ihn nur überzeugen, daß er sich dadurch, daß er sich jetzt ins Mittel legt, für später unvermeidliche Mühe, Unannehmlichkeit und Verantwortlichkeit erspart, und er wird sich um seiner selbst willen schon rühren. Ich weiß, wie man ihn nehmen muß, Laura, ich habe einige Uebung darin gehabt.
Dann verließ ich Laura. Ich hörte, wie sie ihre Türe abschloß.
Ich war kaum bis an die Treppe gelangt, als mich das Verschließen der Tür von Lauras Zimmer darau erinnerte, daß e§ vielleicht geraten sein möchte, wenn auch ich die meinige verschlösse und den Schlüssel bei mir trüge, so lange ich nicht in meinem Zimmer sei. Mein Tagebuch war bereits nebst anderen Papieren in meinem Tischauszuge verschlossen, aber meine Schreibmaterialien lagen noch offen da. Unter diesen befand sich ein Petschaft, das die sehr gewöhnliche Wappenfigur zweier Tauben, die aus einer Schale trinken, trug, und einige Bogen Löschpapier, auf denen noch der Mdruck der letzten Zeilen, die ich gestern abend in die Blätter eintrug, zu sehen war. Unter dem .Einflüsse des Argwohns, der jetzt ein Teil meines Selbst geworden zu sein schien, erhielten selbst solche > Kleinigkeiten, wie diese, ein zu gefährliches Ansehen, als daß sie ohne Schutz gelassen werden durften — sogar der ver
schlossene Tischauszug schien mir in meiner Abwesenheik nicht hinlänglich verwahrt, bis nicht auch die Wege, dazu zu gelangen, sorgfältig abgeschlossen waren.
Ich fand kein Anzeigen, daß irgend jemand in meiner Stube gewesen wäre, während ich mich mit Laura unterhalten hatte. Meine Schreibmaterialien (welche anzurühren ich dem Stubenmädchen streng untersagt hatte) lagen ziemlich wie gewöhnlich über den Tisch zerstreut. Der einzige Umstand, der mir etwas auffiel, war, daß das Petschaftt ordentlich neben Bleistiften und Siegellack in der kleinen Kristallmuschel lag. Es war (wie ich zu meinem Bedauern gestehe) nicht meine Gewohnheit, es hier so ordentlich hineinzulegen, noch erinnerte ich mich, dies getan zu haben. Da ich mich jedoch auf der anderen Seite nicht entsinnen konnte, wo ich es hingeworfen, und ob ich es nicht vielleicht ganz zufälligerweise diesmal an die rechte Stelle getan., ließ ich mich durch diese Kleinigkeit nicht noch mehr verwirren, als ich es infolge der Ereignisse des Tages bereits war. Nunmehr schrieb ich die Briefe an Mr. Fairlie und den Rechtsanwalt. Als ich damit fertig war, brachte ich sie Laura.
Du hast sie also wirklich geschrieben? rief sie 'aus. O, Marianne, setze dich keiner Gefahr aus, ich bitte dich!
Nein, nein — sei ohne Furcht. Laß sehen, wie viel Uhr es ist? —
Es war ein Viertel vor sechs Uhr. Demnach batte ich Zeit, nach der Dorfschenke zu eilen und noch vor Tische wieder zurück zu sein. Falls ich bis später am Wend wartete, mochte ich keine zweite Gelegenheit finden, um das Haus in Sicherheit zu verlassen.
Laß den Schlüssel umgedreht im Schlosse, Laura, sagte ich, und besorge nichts für mich. Falls man nach mir fragen sollte, so rufe durch die Tür und sage, daß ich auf einem Spaziergang aus sei.
Wann wirst du wieder zurück sein?
Vor Tische, ganz sicher. Mut, Liebe, morgen um diese Zeit wird bereits ein umsichtiger, zuverlässiger Mann für dich handeln. In Mr. Gilmores Abwesenheit ist sein Kompagnon unser bester Freund.
Vorsichtig verließ ich das Haus und eilte ins Dorf, ohne daß es jemand merkte. Ich begegnete überhaupt nur einem Lastwagen.
Ich langte also, ohne irgend etwas zu bemerken, int Wirtshause an, und freute mich, als ichhah, daß die Wirtin Fanny mit der größten Freundlichkeit ausgenommen hatte. Man hatte ihr ein kleines Zimmer angewiesen, wo sie nicht durch das Geräusch der Schenkstube belästigt wurde, und außerdem ein sauberes kleines Schlafgemach int oberen Teile des Hauses. Bei meinem Anblicke brach sie wieder in Tränen aus.
Suche dich darüber hinwegzusetzen, Fanny, sagte ich, deine Herrin und ich werden deine Freundinnen bleiben und dafür sorgen, daß niemand dir Schlimmes nachsagt. Jetzt höre mich an. Ich habe sehr wenig Zeit übrig und


