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„Bäh" machte Dräute. Es sollte verächtlich klingen. Der Mann hatte sich bloß einen Witz erlaubt. Man macht nicht so respektlose Witze. Ein gräßlicher Kerl, dieser Jonathan W. Brigham! lind wenn er mit dem nächsten Schiff käme und mit zwei Millionen bar, er kriegte seinen Korb. Das war sie auch Max schuldig.
Nun wurde ihr das Herz schwer, da sie an ihren kleinen Leutnant dachte. Wie sollte man sich denn heiraten können, wenn e r nichts hätte und s i e auch nichts! Nicht einmal das unumgänglich nötige Kommißvermögen! Das war vor ein paar Jahren sogar noch erhöht worden. Der Kaiser wollte seine Leutnants wahrscheinlich nur an reiche Kommerzien- ratstöchtcr verheiraten. Traute seufzte. Sie hatte den Eltern gar nichts von dieser heftigen Liebe erzählt. Wozu auch? Es hätte nur dramatische Szenen und schrecklichen Aerger gegeben. Vielleicht war es ganz gut, daß Max nach Berlin kam. Da verlor mau sich aus den Angen. Aber adieu sagen muhte sie,ihm. Und da war denn das Rendezvous bei der Tiui Sandratt verabredet worden. Unpassend :— selbstverständlich. „Bäh" machte sie wieder, wie ein junges Schäfchen, und drehte sich auf die andere Seite.
Aber sie fuhr jäh in die Höhe. Sie hörte auf dein Korridor den Schritt und das Herannahen ihrer Mutter. Hui war sie ans dem Bett! Ein glättender Handstrich über die Decke, und nun saß sie auch schon auf dein Stuhl, riß ihr Nähkörbchen von der Kommode, zog in fliegender Hast ihre Bluse aus und tat so, als nähe sie mit eiltet Bemühen einen widerspenstigen Knopf fest.
Richtig, die Mutter war es. Sie stand in der Tür und sah streng aus.
„Was machst du denn da!" fragte sie.
„Ich näh mir einen Knopf au," entgegnete Traute.
„Ich dachte, du faulenztest schon wieder."
„Kein Bein, ich bin die Tätigkeit selbst."
Die Mutter zog die Tür hinter sich zu. „Also, Traute, denke dir, die Thea hatte d o ch eine Perle verschluckt," begann sie von neuem. „Eine kleine goldene Perle, denke bloß an."
„Ja, Mama, ich kann doch nichts dafür," entgegnete Traute. „Ich kann die Augen unmöglich überall haben."
Nun strömte ein Hagel von Vorwürfen auf Traute herab. Wenn die Mutter einmal loslegte, pflegte sie nicht wählerisch in der Auswahl ihrer Worte zu sein. Sie schimpfte gewaltig. Es sei zum Verzweifeln mit ihr. Nicht einmal die Thea könne man ihr auf ein Piertelstündchen anver- trauen. Aber natürlich: ihr stecke nichts als der Tennisplatz im Kopfe.
„Es ist meine einzige Erholung," sagte Traute maulend. „Was habe ich denn sonst vom Leben!?"
„Was habe i ch denn gehabt?" fuhr die Mutter auf. .„Wir sind nicht reich genug, um die Zeit zu vertrödeln! Wir haben zu arbeiten, sonst geht die Karre nicht werter . . ." Sie setzte sich auf den Bettrand. . . . „Ich möchte wissen, wer der Leutnant Roeßler ist," fuhr fie fort.
Traute biß sich auf die Lippen. Was wußte die Mutter von ihm?
„Welchen meinst du?" fragte sie.
„Mit dein du neulich auf der Promenade gegangen bist."
Trante machte ein harmloses Gesicht. „Ach d er?" sagte sie und lachte. „Ein höflicher, liebenswürdiger und sehr harmloser Mensch. Oder hat mau dir vielleicht erzählt, er fräße junge Mädchen?"
„Ich verbitte mit so alberne Redewendungen — hast du mich verstanden? Klothilde sagt, du wärst mit dem Leutnant neulich in der Frühstücksstube von Baumgarten gesehen worden. Ist das wahr?"
„Klothilde hetzt immer. Es ist eine Gemeinheit. Die ganze Geschichte ist nicht der Rede wert. Eva Delbrück, Lili Menkens und noch ein paar andere umreit auch mit dabei, also eilte ganz gute Gesellschaft. Die Herren wollten bei Baumgarten eilt Glas Sherry- trinken. Da sind wir für einen Augenblick mitgegangen. Ist das so gefährlich?!"
„Jedenfalls nicht passend. Deine Freundin Eva ist auch nicht die beste. Aber gegen sie will ich noch gar nichts sagen. Dagegen die Sandratt — du weißt, der Vater erlaubt den Umgang nicht mehr, er will ihn nicht."
„Sie verkehrt sogar bei Delbrücks. Lächerlich!"
„Gantz egal. Die Delbrücks können sich manches er- lauben. Wir haben vorsichtiger zu sein. Was hast du für heute noch vor?"
Traute überlegte in Windeseile. Sie mußte wieder lügen. „Ich wollte zu Lili Menkens — wegen des Basars,^ sagte sie stockend.
„Zum Besten des Seeheims?"
„Ja, Mama."
Die Mutter nickte. Dem großen Maifest konnte man sich nicht gut entziehen. Es kostete freilich wieder ein neues Kleid, aber das half nichts. Auf diesem Basar traf sich alles, was zur Gesellschaft gehörte und von ihr geduldet wurde.
„Geh vorher mal zu Klothilde heran, Trautchen, und frage sie, ob ich durch ihren Vater nicht eilt paar Pfund Kraft-Kakao, lveißt du, den Helene früher immer trank, ob ich von dem nicht ein paar Pfund zum Einkaufspreise kriegen kann. Die Lene sieht wieder so piepsig aus."
„Schön, Mama."
Die Mutter hätte sich erhoben. Ihr Blick streifte wie forschend das feine Gesichtchen Trantes, ein längliches Oval von schöner Linie. Da kam ihr die Stimmung zurück. „Was du für hübsche rote Lippen haft," sagte sie; „kommunal her!" Und rasch fuhr ihr Zeigefinger über den Schmelz des Mundes. Dann betrachtete sie den Zeigefiuger und lachte. „Ich dachte schon, du hättest nachgeholfen," meinte sie.
Traute schnitt eine Grimasse. „Ui ji!" rief sie. „Na aber, Mama! Zum Färben bin ich doch noch zu jung!"
„Kommt alles vor. Fräulein von Simkowitz ist angestrichen wie ein Lattenzaun."
„Hat's aber auch nötig, und ich nicht!"
„Nein, du nicht" . . . Die Mutter gab ihr einen Kuß, „Du bist die einzige von uns, die Maunsgefallbarkeit hak. Verscherze sie dir nicht. Ich denke noch mit Schrecken an die Geschichte mit dem Ueberliugen zurück."
Ein Schatten ging über Trautes Stirn; aber er blieb! nicht hasten.
„Grab doch Vergangenes nicht immer wieder aus, Muttchen ! Er war ein braver Junge, und ich hatte ihn gern. Aber das Wasser war viel zu tief. Soll fich öfters ereignen. Nun sitzt er als Assessor in Kiel. Es freut mich, daß er wenigsteits an der Waterkant geblieben ist. Mauuiamat denke ich noch an ihn zurück. Doch es tut mir nichts weh dabei."
„Ganz gut, daß du nicht zu den Tieferen gehörst. Eins Leidenschaft wäre nichts für dich."-
^Nein, mein Kind. Es geht auch so. Im übrigen ängstige ich mich nicht: bei den Köhlers findet die Leidenschaft teilten Einlaß. Wir sind verständige Leute."
„Das hat Friedrich gezeigt. Er hätte auch noch eins andere bekommen als Klothilde."
„Mit seinem Stockschnupfen und seinen hohen Schultern! Da hätte er lange suchen können. Er ist für seins Art ganz gut aufgehoben. Aber d u kannst schon mehr Ansprüche machen. Bloß laß dich nicht durch eilte glatte Larve bestechen. Da kommeit zeitig genug Falten hinein. Geld ist praktischer."
„Danke für die Lehre. Der in Guatemala hat ja BimsS genug."
„Ach, der! Erstens--- na, darüber brauchen wir
uns nicht aufzuregen! Guatemala liegt 'n bißchen anßerm Wege. Bist du zum Kaffee wieder hier?"
„Den trink ich bei Lili."
Sie ging wieder. Traute spitzte die Lippen und pfiff ein Liedchen. Sie packte ihr Nähzeug ein und schloß dann die Kommode auf. Es sah nicht ordentlich ans in dem! Gefach. Bänder, Rüschen, Taschentücher und Strümpfe befehdeten sich. Es war wie. ein Schlachtfeld. Trantes Hände fuhren in das Chaos hinein. Sie nahm ein paar slohi- braune Strümpfe und rollte sie auf. Es war ein Loch in dem rechten. So griff sie nach einem schwarzen Paar,- das sich noch taktfest gehalten hatte. Dann kleidete sie sich! hastig aus.
Die lilafarbenen Strumpfbänder waren ansgefasert und das Korsett saß schlecht. Wenigstens war die Bluse neu, sah man ihr auch das Warenhausgenre an. Traute würde iniß- launig. Nun wär der Frühling da, und sie hätte kein Frühlingskostüm. Alle ihre Anzüge waren Flickwerk. Ihre Augenbrauen senkten sich, ihr Gesicht wurde finster. WäM> rend sie sich die Stiefel zukitöpfte, stieß sie ein paar zornigs Worte hervor,
c (Fortsetzung folgt.)


