Ausgabe 
24.6.1911
 
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Das nette Mädel.

Roman von Fedor von Z beltitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

v®Ich ziehe tvor, seinen Scherz mit einem ähnlichen Scherz- Wort zu beantworten."

iD ,Vaii, du hältst seine Anfrage für einen schlechten Witz?"

(Hast du sie für etwas anderes gehalten?"

! Traute schwieg. Ihre Brauen stiegen niedriger und Näherten sich einander; über der Nasenwurzel zeigte sich ein Fältchen. Ihr Blick glitt im Zimmer umher. Aber) die Gedanken flogen über das Zimmer hinaus und gingen in tropischer Flora spazieren. Da lächelte wieder der nied­liche Mund, und das Fältchen über der Nasenwurzel schwand, mtb die Brauen gingen höher, und die Stirn wurde klar. Was würde der Max dazu sagen! ? Sie schwang den Brief.

Väterchen, schenk mir den ja? Du brauchst ihn ja nicht."

Väterchen war schon inr Einschlafen. Seine rötlich bewimperten Augenlider hoben sich ein lueitig, und hie Nase zuckte.I bewahre der muß doch beantwortet werden," knurrte er in halben Schnarchtönen.

Es steht ja aber nichts weiter Geschäftliches drin, Väterchen. Herr Brigham möchte bloß eine Auskunft über i warte mal über I. G. Krause haben und will uns leinen ausgestopften Quesal schicken. Was ist denn das? Ist Has ein Affe? Väterchen, schläfst du schon?"

Es schien so. Aber völlig schlief er noch nicht. Er schnurchelte mehr als daß er schnarchte, und versuchte auch wieder die Lider zu heben. Die Lippen bewegten sich, sprachen aber nicht. Sie hätten ganz gern gesprochen, doch die Müdigkeit war stärker als der Wille. Sie wollten der Traute eigentlich noch eine Strafpredigt halten, wegen des Pumpversuchs bei Friedrich und der koddrigen Geld- Wirtschaft: eine häufiger wiederholte Strafpredigt. Aber der Gedanke fand vom Gehirn aus nicht mehr seinen Weg Ku den Lippen.

Traute betrachtete aufmerksam den Vater. Sie fand «ihn schrecklich häßlich. Und dann fiel, als sie sich herum­drehte, ihr Blick in den Spiegel. Sie sah ihr hübsches Gesicht und fragte sich, wie es wohl komme, daß sie gar keine Ähnlichkeit mit dem Vater habe. Und auch mit der Mutter recht wenig. Sie wax wie eine Gerte und die Mütter wie ein Gummiball. Sie war blond und' sonst alles |tCber Familie braun. Sie war wirklich aus der Art ge-

Aoch hielt sie den Brief in de? Hand. Sie lächelte sich selbst im Spiegel an, schelmisch. Und pfiffig, rind streckte wie M M W ZrmgenMK MiML Mim faltM

sie den Brief zusammen und verbarg ihn zwischen zwei Blusenknöpfen, warf noch einen Blick aus den schlafenden Vater und schlich leise hinaus.

Traute hatte für den Nachmittag viel vor. Bor allem war da das Stelldichein bei der Saudratt. Sie überlegte, was sie für eine Notlüge gebrauchen sollte, um ihre Ab­wesenheit bei dem Familienkaffee zu entschuldigen. Auf den Tennisplatz ließ man sie nicht gern, selbst über das Kränzchen bei Eva Delbrück rümpfte man die Nase, und die Besuche bei Tini Sandratt hatte man ihr sogar ver­boten. Warum? Natürlich, die Tini war fein Dugend- bold, aber es konnte auch! keiner sagen, daß sie einen schlechten Ruf habe. Wahrhaftig nicht! Sie hielt sich sogar sehr zurück, und war es wirklich wahr, daß der junge Everstedt sie protegierte, so merkte man in der Oeffentlichkeit davon jedenfalls nichts. Das mit dem Everstedt hätte übrigens Lili Menkens aufgebracht, und die schnurrte gewöhnlich.

Traute war in ihr Stübchen gegangen. Seit vorigem Jahr hatte sie es durchgesetzt, daß sie diesen winzigen Raum allein bewohnen durfte. Aber es hatte viel Aufregung gekostet. Die Wohnung wär klein, und alles schachtelte sich eng zusammen. Das Stübchen hatte früher der Emma gehört; die war nun auf dem Hängeboden neben der Küche untergebracht worden.

Traute war selig, ihr Zimmerchen für sich zu haben. Es bot gerade Platz für das schmale Bett, für Kleider­schrank, Kommode und Waschtisch. Das einzige Fenster führte auf den Jellegraben hinaus. Unten floß schwarz­graues Wasser, und wenn es geregnet hätte, rauschte es ordentlich. Gott sei Dank roch es nicht schlecht, nicht einmal im heißen Sommer. Der Graben hatte aus einer Seite einen Trottoirsteig, der aber wenig benutzt wurde. Dann kam eine gelbe Mauer mit vielen Fenstern: die Hinter­front einer Fabrik für künstliche Blumen. Wenn Traute am Schreibtisch saß, konnte sie die Mädchen gegenüber arbeiten sehen. Die beiden, die ihren Platz dicht am Fenster x hatten, kannte Traute schon seit Jahresfrist. Es wär eine Braune nird eine Schwarze; beide hatten Wuschelköpfe, sahen ein wenig keck aus, hätten aber hübsche und freundliche Gesichter, und es gefiel Traute, daß sie bei ihrer Arbeit viel lachten. Einmal waren Traute durch das offene Fenster ein paar rote Papierrosen in das Zimmer geflogen. _ Sie hatte sie aufgenommen und gedankt, und von dieser Zeit ab nickten die Mädchen drüben und hüben sich jeden Morgen begrüßend zu.

Traute hätte die Stiefel ausgezogen und sich faul auf das Bett geworfen. Dann las sie noch einmal den Brief des Mister Brigham (im Hause Köhler hieß jeder Ameri­kanerMister", ganz gleich, wo er herkam). Das war wahrhaftig ein putziger Bruder! Und wollte auch gleich baldgefälttge Antwort haben, ton sein neues Wohnhaus vergrößern zu lassen. Wie mochte das aussehen? Ob eA eine Veranda mijt.W Hatte?