wuchernd Moos und Epheu hervor. Um das ungefüge, ungestrichene Holzkreuz schlingt sich ein Gewinde von tiefroten Vogelbeeren, und in die srischgehackte Erde ist ein Herz von Hagebutten gezeichnet. — Auf dein nahen Reisighaufen sitzt ein junges, blühendes Weib. Seine Lippen bewegen sich eifrig im Gebet, und die Kugeln eines geweihten Rosenkranzes gleiten unaufhaltsam durch seine Finger.
„Der Herr sei seiner Seele gnädig, und lasse ihn ruhen in Frieden, Amen!" murmelte es und erhebt sich. Den Kopf an den Eichenstamm gelehnt, schaut die Frauengestalt finsteren Blickes nach dem Friedhof hinüber, und die Hände krampfen sich in den Falten des Rockes.
„Jedes Grab ist gesegnet! — Jede unschuldige Kindesseele, die da drunten schläft, hat ihre Weihe empfangen. Alle, alle schlummern in geweihtem Boden — nur du nicht, armer Franz!" Sie ist an dem Grabe in die Knie gesunken und birgt ihr Antlitz in den Händen. „Abseits von den Menschen liegst du — ein Ausgestoßener!" Sie weint leise. Ihr Körper zuckt zusammen, wenn der Gesang von brüliert ihr Ohr erreicht. r—\ —
„Lena!"
Das Weib fuhr Beim Klange der Männerstimme jäh in die Höhe und flammernder Zorn jagte über ihr tränen- überströmtes Gesicht.
„Du hier? An diesem Grab? Woher nahmst du den Mut, mir da gegenüberzutreten?" sie schrie es heraus in schrankenloser Empörung, die Arme zur Abwehr ausgestreckt, als wollte sie diese gtuhestätte vor Bern Tritt des Mannes schützen. Beide Hände auf sein Gewehr gestützt, stand jener ruhig, aus seinen Augen schimmerte tiefes, großes Mitleid.
Langsam trat Lena auf ihn zu.
„Nicht er hat sich ums Leben gebracht — du bist sein Mörder!" stieß sie in heiseren Lauten hervor. „Er war jung, arbettsfrolh und liebte mich, sein Weib! Er hatte keinen Grund, freiwillig aus dem Leben zu scheiden! Du, und all' die anderen Leute lügen, wenn sie sagen, er hätte sich erschossen. Ich weiß es besser. Du hast es getan! Du gönntest mich ihm nicht, und da" — ein wildes Schluchzen zerriß ihre Stimme.
Auf des Beschuldigten Stirne schwoll die Zornesader, aber er bemeisterte sich sichtlich.
„Lena, btt bist ein Weib, sonst" — er rückte an dein grünen Jägerhute, nnd wischte mit dem Handrücken über die heiße Stirne. „Wenn mir das ein anderer sagte! — Ich eilt Meuchelmörder! Feige aus dem Hinterhalt einen Menschen niederknallen, weil" — er rang nach Worten — „weil er mir mein Liebstes stahl — ja, im ehrlichen Zweikampfe, Zahn um Zahn, Auge um Auge! Ich wußte ja, — du liebtest ihn! Was hätte mich da alles andere nützen können? Du hattest ihn gewählt — ich beschied mich. Glaube mir, Leua, ich litt sehr! — Ich wußte, daß er dir nicht treu" — Ein Aufschrei des jungen Weibes unterbrach den Sprechenden.
„Still!" kreischte sie. „Das ist nicht wahr! Du bist ein Lügner! Pfui! Tote unter der Erde zu beschimpfen!! — Er liebte mich. Nur mich. Mit tausend Eiden hat er es mir täglich zugeschworen. Täglich. — Ach du allmächtiger Gott, es kann ja nicht sein. Es kann nicht, es darf nicht!"
Ihre Augen Brannten in lodernder Glut, und ihre zitternden Hände strichen über das einfache Holzkreuz.
Der Jäger lächelte schmerzlich.
„Leua! Was tat ich dir! daß du mich so verkennst. Habe ich dich je Belogen? Denke zurück an eine frühere Zeit. Bevor jener andere kam und dich mir mit seinen glatten Worten wegnahm. Dich, für die ich mein Herzblut tropfenweise gegeben hätte! Ich wußte, daß er dich Betrog. Ich wußte, daß er mehr als einmal drüben in der Stadt ihm anvertraute Gelder verspielte, verjubelte, die sein Oheim immer wieder deckte; noch viele wußtens, deshalb!
auch Brachen sie gleich den StaB, als man ihn an jenem Morgen hier an dieser Stelle erschossen fand.
„Er hat nicht mehr aus und ein gewußt in seinen schlimmen Streichen, und hat sich entleibt", sagten sie. — Volksstimme, Gottesstimme! Liebe ist Blind, und du in deiner Waldeinsamkeit wußtest von all dem nichts. — Du hast dich abgeschlossen, in bitterm Groll, und schwer an- schuldigendem Verdacht. — Lena! — Dir ist wohl in deinem Vertrauen für den Toten! Möge nie der Tag kommen, an dem dein schöner Wahn schwindet. Ich werde dich nicht niehr stören!" —
Sie sah ihr nach, der schlanken Jägergestalt, deren offener Blick noch 'eben auf ihr geruht, auf ihr, dem Weibe — des Selbstmörders. — Ihre Augen fanden keine Träne mehr. Starr und eindringlich richteten sie sich fragend auf das stille Grab, Antwort heischend. Lange saß sie so, in finsterem Grübeln. Bilder der Vergangenheit zogen an ihr vorüber. Nun ihr Mißtrauen einmal erwacht, kam es nicht mehr zur Ruhe. Manches, dem sie früher keine Bedeutung geschenkt, tauchte auf und ward ein Glied zu der Kette einer Schnld.
„Nein!" — sie erschrak vor ihrer eigenen Stimme, „ich will es nicht glauben!" Aber es kam doch zaghaft heraus. Müde erhob sie sich und schritt nach dem nahen dichten Gebüsch, wo es tiefgrünes Federmoos gab, das sie zu einem frischen Kranze winden wollte für den Toten! —
In einer engverschlungenen Wurzelbildung hatte sich etwas Weißes verfangen, ein dickes zusammengefalteteH Blatt. Gleichgültig glitten ihre Blicke darüber hin, es schien Berechnungen zu enthalten. „15 Ster Kiefernholz. 20 Klafter Buchenholz re." — las sie. Doch plötzlich weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen — es waren ihres verstorbenen Mannes Schriftzüge. — Die Berechnungen waren mit Tinte geschrieben, vom Regen etwas verwaschen. Sie ergriff das Schriftstück in höchster Erregung und fand auf der andern Seite mit Bleistift, in senkrechten Buchstaben, Ivie ihr Mann zu schreiben pflegte, folgende Worte:
Liebes Weib!
Vergieb mir, ich kann nicht anders, ich muß in den Tod gehen. Ich habe eine große Suinnte, die für die Forstkasse bestimmt war, in der Stadt verspielt. Der Spielteufel hat meinen Vater ins Unglück gebracht, nun auch mich. Der Oheim hat nicht mehr helfen können, und es wäre auch zu spät gewesen, der Forstmeister ivnßte es schon, mein früherer Schatz, die Walpnrg, die in der Stadt dient, hat einen Brief an ihn geschrieben, aus Eifersucht. Er wird es vielleicht nicht anzeigen, weil ich viel bei ihm gelte, aber entlassen muß er mich doch, und das ertrage ich nicht. Leb wohl schöne Welt, und du, liebes Weib1, du bist ja noch jung und wirst es verwinden! Dieses Blatt lege ich neben mich. Verweht es der Wind, erfährst du vielleicht nie meine Schnld, findet man's aber, wirst du mir verzeihen, denn du hattest mich lieb1. Ein letzter Küß
Dein Mann Franz.
Zwischen die Baumstämme hindurch huschte die Dämmerung und wob ihre grauen Schleier, es begann empfindlich kühl zu iverden. Das junge Weib kauerte noch im Moos und starrte entgeistert ans das verhängnisvolle Blatt in ihrer Hand. — Als sie dann mit gesenktem Haupt durch den Wald schritt, erscholl fröhliches Hnndegebell dicht vor ihr, das eine jähe Röte in ihr Antlitz jagte, denn dem Hunde folgte auf dem Fuße fein Herr.
„Du noch da, Beim hereinBrechenden Abend, Lena? Er trat auf dem schmalen Waldwege zur Seite, sie vorüBer- zulassen. Aber sie hemmte den Schritt und streckte ihm mit abgewendetem Gesicht das Blatt hin. • Ein wenig • verwundert nahm er es entgegen. Als er gelesen, nickte er nur stumm. Ernst suchte sein Blick den ihren. Sie trat dicht an ihn heran und nahm seine Hand zwischen ihre beiden.
„Verzeihe mir, Jakob, wenn du es kannst!" flüsterte


