Ausgabe 
28.11.1907
 
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die lieben leuchtenden Guckaugen! zurück." Und intimer von neuem herzte sie während ihrer Worte die willenlos sich Ergebende.

Endlich fand auch Marie die Sprache wieder, mit einem schwachen Lächeln faßte sie die Hand der Freundin rind schaute dieser in die Augen, jedoch mir, um den Blick mit einem Seufzer von neuem zu senken.Wie schön dn geworden bist, Her­mine", sagte sie leise.

_Nun fange mir gleich mit Schmeicheleien an, freilich, die Rose hat's leicht, dem bescheidenen Veilchen Komplimente zu sagen nein, lasse dich nur anschauen. Papa ' hat mir bereits viel von dir erzählt, mich darauf vorbereitet, wie ich das glück­lich verheiratete Frauchen ganz so anders finden würde, !vie meine alte, liebe Marie, die immer lackendem Sonnenschein glich."

Die junge Fran seufzte.Das Leben ist ernst, man kann nicht immer heiter sein . . . heute zumal mein Köpf schmerzt mid) unerträglich", setzte sie mit einer nervösen Gebärde hinzu.

Tu", lachte Hermine,wenn das etwa der bewußte Wink mit dem Zaunpfahl sein soll, mich in Bälde wieder zu ver­krümeln, so zieht das nicht bei mir. Du weißt, ich bin dick­fellig, besonders, wenn es gilt, eine alte, vertraute Freundin Von neuem zu erobern!"

Geschickt wußte sie es einzurichten, daß sie ins Plaudern kamen. Taktvoll vermied sie dabei jede Erinnerung an Dinge, welche die junge Frau schmerzen oder sonst peinlich berühren konnten. Mit innerer Genugtuung durfte sie dafür bemerken, daß zusehends die erste Befangenheit der Jugendfreundin wich, diese gesprächiger wurde und selbst auf ihren körperlichen Zu- stand zu vergessen schien.

So verging ein Stündchen fast im Fluge. Die Freundinnen waren derart im Austausch alter, genteinsamer Erinnerungen vertieft, daß fie den Eintritt des Fuhrherrn ganz übersahen und erst auffuhren, als dieser unmittelbar vor ihnen stand. Her­mine nahm es wohl wahr, tote beim Erblicken ihres Gatten die frühere gedrückte Gemütsstimmung die Freundin überkam und diese einsilbig wurde.

Wie reizend von Ihnen, daß Sie meine arme Marie auf­suchten", meinte Eilenburg, nachdem die erste Begrüßung vorüber. Mein Frauchen ist melancholisch in der letzten Zeit, nun wird die Freude sie gewiß aufheite.ru? Gelt, Marie?" wendete er sich direkt an die junge Frau, indem er sich über diese beugte und ihr zärtlich die bleiche Wange streichelte.

Mit Wohlgefallen ruhte Herminens Blick auf der stattlichen Erscheinung des Fuhrherrn.Ich bin schrecklich neugierig ge- esen. Sie kennen zu lernen," plauderte sie fröhlich.Ich habe mir Sie nämlich ganz, ganz anders vorgestellt . . . jünger, weniger stattlich, dabei blond und ohne Bart."

Damit kann ich allerdings nicht aufwarten", gab der Fuhrherr lachend zurück.Mutter Natur schuf mich schwarz . . doch nur die Außenseite." Er faßte die Hand feiner Frau und behielt sie in der seinigen.Ich hoffe wenigstens, Marie wird Ihnen das bestätigen. Ich gebe mir alle Mühe, Gnade vor ihren Augen zu finden. Doch tote kamen Sie dazu, sich eine solche Vorstellung von mir zu machen?"

Ganz einfach. Ich glaubte Marie kürzlich beim Bran­denburger Tor im Wagen mit einem solch' blonden Schöpfuugs- Herrn zu sehen. Doch natürlich war das ein Irrtum meiner­seits", setzte sie rasch hinzu, als sie wahrnahmi, toie sich die Wangen der jungen Frau geisterhaft entfärbten.

Ein Irrtum, der sich nun und hoffentlich nicht zu meinen Ungunst en aufgeklärt hat", bemerkte Eilenburg lachend.

Unter der Tür erschien das Dienstmädchen' und meldete einen Kunden an, der unten im Kontor auf den Fuhrherrn wartete.

Dieser erhob sich sofort.Ja, ich komme schon." Er wendete sich an Hermine.Da müssen Sie mich schon entschnl- digen. Ich hübe eilt gutes Geschäft, aber es erfordert auch einen Mann. Zumal heute, wo ich mein Frauchen mitvertreten muß. Doch habe nur keine Angst", meinte er lachend,die Arbeit wird dir Nicht geschenkt, sei du nur erst wieder frisch und munter. Sie Hai die ganze Buchhaltung unter sich und ist überhaupt die Seele vom Geschäft", erläuterte er, zu der Besucherin gewendet.Sie wills nicht hören, aber es ist so. Ob im Kontor,^ in| der Küche oder sonst im Haushalt, sie ist überall die Erste. . . Und abends erst, da spielt sie zum Entzücken Klavier und singt wie ein richtiger kleiner Waldvogel. . . das heißt", setzte er mit schwermütigem Anflug hinzu,eigentlich muß es da, wie int Märchen heißen: Es war einmal. Seit dem Frühjahr ist's an­ders geworden und das Klavier ist verstaubt." Er tätschelte wieder der gezwungen Lächelnden die Wange.Tas gibt sich wieder, gelt, Mariechen? Ich habe sone Ahnung, als würdest btt bald wieder frisch und munter, wien Fisch tut Wasser,"

Er schritt hastig bis zur Tür, winkte von dort aus seiner Frau nochmals herzlich zu und ließ die beiden Freundinnen allein.

Da kann man ja von' ganzem Herzen gratulieren", meinte Hermine, als sich die Tür hinter dem Fuhrherrn geschlossen! hatte.Tu hast allem Anschein nach einen prächtigen Mann."

Marie nickte trübe; sie sprach nicht und doch flackerte ner­vöse Erregtheit ans ihren Blicken, als brannte sie darauf, die Freundin etwas zu fragen.

'Wie komisch, daß ich mich so versehen konnte", ging Her­mine nun direkt auf ihr Ziel los.Doch wirst du es mir glauben, Marie? Ich hätte wirklich geschworen, dich erst unlängst in einer Droschke mit einem blonden Manne, der viel jünger als dein Gatte war, aber lange nicht so gut und treu zn blicken schien, zusammengesehen zu haben." Wohl nahm sie das Erstaunen der Freundin wahr, doch entschlossen, nicht darauf zn achten, fuhr sie im leichten Plaudertone fort:Es kann ja auch der Sohn deines Mannes gewesen sein. Doch nein, das ist nicht möglich, denn Papa sagte mir ja, daß ihn eine Verfehlung ins Gefängnis gebracht hat. Da könnte er nicht gut in einer Droschke mit dir spazieren fahren . . . das heißt", meinte sie gedehnt, als ob die Erinnerung daran eben erst käme,das weißt du wohl noch gar nicht? Gestern hat sich plötzlich herausgestellt, daß dein Stiefsohn der Gefängnisbehörde einen Schabernack gespielt und sich einen Ersatzmann, einen ge­wissen Karl Wilhelm Hildenbrand, geleistet hat, der an seiner Statt bisher in Plötzensee gesessen hat. Was sagst bu dazu? Doch was ist dir, du wirst wirklich krank", unterbrach sie sich in anscheinender Besorgnis, die ins grünliche spielende Gesichts­farbe der Freundin gewahrend.

Sie wollte den Arm um sie schlingen, sühlte sich aber von Marie zurückgestoßen.Nein, laß mich.... mir fehlt nichts . . . nur Ruhe!"

Doch Hermine hielt sie trotz ihrer Abwehr umschlungen und zwang sie mit sanfter Gewalt, ihr in die Augen zu schauen.. Doch dir fehlt etwas", hauchte sie ihr sanft ins Ohr,die Freundin nämlich, der du dich rückhaltlos anvertrauen kannst."

Tie junge Fran versuchte sich von neuem loszumachen. Ich verstehe dich nicht, ich ich habe niemandem etwas anzn- vertrauen!" hauchte sie wie angestrengt.

Närrchen", flüsterte Hermine wie vorhin,hatten wir je ein Geheimnis voreinander? und nun willst dn fremd tun, wo. ich zu dir gekommen bin, um dir beizustehen ... in der Stunde der Not, wo du eine treue Freundin nötig hast!" setzte sie eindring­lich hinzu.Ich weiß etwas, Marie. . . und da litt es mich nicht mehr zu Hause, ich mußte zn dir, um dir zu raten . .. dir zu helfen und sei es auch gegen dich selbst. . . verstehe; mich doch endlich. Dn Liebe, Gute!"

Eine schreckhafte Veränderung ging in den fahl gewordenen Zügen der jungen Frau vor sich. Mit entsetzensstarrem Blicke schaute sie die über sie Gebeugte erloschen an und um ihre Lippen zitterte ein krampfigesl Erbeben.

Sekundenlang hielt die krarnpfige, unnatürliche Anspannung ihres wie in Fieberfrösten erschauernden Leibes an; dann brach sie völlig zusammen und lag wie ein hilfloses Kind in den schirmenden Armen der Freundin.

(Fortsetzung folgt.)

Kitt vnrvchtes ZMtt.

Novellette von Emma Kinzle.

Ein herber Geruch von welkem Laub und feuchtem Moos! erfüllt die klare Luft. Martenfädeu spinnen schimmernde Brücken um Hecken und Bäume, und vom blauen Himmel lacht die Sonne nieder ein melancholisches Lächeln, das! wunderbar harmoniert zu der schaffensmüdeu, sich zum Winterschlase rüstenden Mutter Erde.

Vom nahe» Dorskirchhofe herüber töut Gebet und Ge­sang. Wie eine schmale schwarze Schlange windet sich die! Allerseeleuprozession um die geschmückten Gräber, prangend in einer Symphonie leuchtender Farben, die eher an Lebens­freude mahnen, als an den Tod. Da ist auch nicht ein Grab, das ungeschmückt wäre, und lveun schon Kreuz und! Name fehlen auf eingesunkenen Hügeln, so deckt es dennoch ein schlichter Kranz, ein Strauß bunter Dahlien, und eine, junge oder vom Alter zitternde Hand sprengt mit dem Buchsbaumzweig geweihtes Wasser darüber.

Am Waldessaum liegt ein einsames Grab. Dunkle. Tannen, hohe Eichen rauschen dem darunter Schlummernden ein ewiges Leid. Zwischen der Tufssteinfassung drängt sich!