1907
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■ KW WGM Rillet
Aus der eigenen Spur.
Kriminalwman von Otto Aoecker-
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ueberrascht, keines Wortes mächtig, erhob sich Witte und starrte auf die ebenfalls wie gebannt stehende Leonie, als ob diese geradewegs vom Himmel herabgestiegen sein müßte. Dann, streckte er zaghaft die Hände nach ihr aus. Leonie . . . Du . . Sie hier, Fräulein Selllmbach?" rief er schwach, als mißtraute er noch immer der Körperlichkeit Ihrer Erscheinung.
„Andre — Herr Witte!" stotterte die nicht minder Befangene. >,Jch habe es doch in. der Zeitung gelesen . . . und da durfte ich es doch nicht leiden, daß Du — daß Sie auch nur eine Stunde länger unschuldig schmachten."
Flammend rot wendete sich der Maler an Hansemann. „Herr Rat", beteuerte er pathetisch, „ich weiß zwar nicht, was bas gnädige Fräulein hier Ihnen mitgeteilt hat, doch ich versichere Ihnen auf Mannesehre, daß ich mich in durchaus dezenter Form imb nur von der Veranda aus mit ihr unterhalten lind —"
„Hergott, nun fängt der auch noch an!" rief Hansemann in komischer Verzweiflung. „Herrschaften, ich erinnere Sie an die Worte unseres unsterblichen Schiller — es kann's aber auch ein anderer gesagt haben: „Ist denn Liebe ein Verbrechen und so weiter mit Grazie." Er ivandte sich an den Kvmmissar. „Apropos, Thvnitnren, was mir da gerade beifällt." — Und damit verwickelte er den Beamten in ein Flüstergespräch von zumindest fünf- minntiger Dauer, während dessen er denr -jungen Paare konstant den Rucken kehrte. Dann, als er sich, nach vorherigem Räuspern wieder den beiden zukehrte, tat er hoch erstaunt, sie mit hochroten Gesichtern aus einer Fensternische treten zu sehen. Lächelnd drohte er mit dem Finger. „Ich tvill hoffen, daß da inzwischen keine Verdunkelungen versucht worden sind." Er trat an den Maler heran und bot ihm die Hand. „Machen Sie keine Geschichten", brummte er, als der andere nur zögernd _ und wie befremdet einschlug, „ich denke, die Sache wider Sie löst sich in Wohlgefallen auf. Jedenfalls wünsche ich Ihnen durch meinen Händedruck zu bezeugen, daß ich persönlich an Ihre vollständige Unschuld glaube. Das' fassen Sie nicht etwa als Entschnl- digung auf. Mein Auftreten gegen Sie war durch meine Amtspflicht vorgeschrieben. . . und machen Sie sich wieder so verdächtig, so verhafte ich Sie noch ein halb Dutzend Mal mit Vergnügen. Er lachte kurz auf. „Zur Stunde kann ich Ihre Freilassung noch nicht verfügen, zumal verschiedene Formalitäten zu erfüllen sind, auch der Hausmeister Buhlinger noch zur Sache zu vemehnnn ist. Nun, der Mann ist ohnedies geladen und wird bald kommen . . . Sie, Fräulein Selkenbach, müssen sich eine ähnliche Prozedur gefallen lassen. . . Kommissar Thom- men wird Sie mit Aufgebot aller ihm zur Verfügung stehenden Liebenswürdigkeit vernehmen.
Mit einer auffordernden Bewegung nach der Tur ging er voran, dem Maler Gelegenheit bietend, sich von der Daine seines Herzens nochmals ausgiebig zu verabschieden.
17. Kapitel.
Heute war der Konlorplatz, vou welchem aus die junge Fran des Fnyrherrn sonst ihre geschäftige Tätigkeit zu entwickeln pflegte, lccr geblieben. Marie vefand sich kurz vor der Mittagsstunde in dem geräumigen, utit altväterlicher Behäbigkeit eingerichteten Wohnzimmer ihrer im Vvrderzimmer belegen en Etage. Sie trug den Kopf verbunden und lag regungslos ausgestreckk auf einem Ruhebett: nur in großen Zwischenräumen erhob sie sich angestrengt, um den kühlenden Umschlag zu erneuern.
Zuweilen erschien mit besorgtem Gesicht Eilenburg selbst im Zimmer; er war auf einen Sprung vom Korridor heraufgekoinmen^ um sich nach dem Befinden seiner kleinen Frau zu überzeugen. Auf den Zehenspitzen schlich sich der große, starke Mann alsdann bis zu bem Ruhebett. Er schaute mit Blicken inniger Liebe' auf die Leidende; doch vergeblich hoffte er deren Blick zu begegnen. Sobald sie seinen behutsamen Schritt draußen hörte, kehrte sie das Gesicht schon nach der Wand und in dieser Lage verharrte sie unbeweglich, bis das Geräusch seiner Schritte draußen wieder verklungen ivar. Es war gerade, als lvottte die junge Frau dem Blicke des Gatten nicht begegnen; als ängstige sie sich vor diesem noch nrehr und empfinde ihn schnierzlichcr, als das siechende Kopfweh, welches sie mm schon seit Tagen marterte.
Draußen klingelte es. Gleich erschien das Dienstmädchen int Zimmer und meldete eine Besucherin an, die sich nicht zurück- weisen lassen wollte, sonderir darauf bestand, angenommen zu werden.
„Ich bin nicht in der Lage, Besuche zu empfangen ... ich bin krank!" stöhnte die Leidende. „Hast bu es der Dame nicht gesagt?"
„Sie meinte, dann wäre sie erst recht am Platze. Sie müßte die Dame unter allen Umständen sprechen."
„Tas muß ich auch!" ertönte in diesem Augenblick der warme Alt Herminens. Sie war dem Mädchen auf dem Fuße gefolgt und schob dieses mm ohne viel Umstände aus dem Zimmer, hinter ihm die Tür schließend. Die beiden Jugendfreundinnen waren allein.
In großer, peinlicher Ueberraschung hatte sich Marie von ihrem Lager erliobeu. Wie entgeistert starrte sie die plötzlich Erschienene an, ohne auch nur einen Versuch zu machen, ihr cut- gegenzngehen und sie zu begrüßen.
Hermine schien diese spröde Zurückhaltung indessen nicht wahrzunehnren. Sie eilte auf die junge Frau zu und schloß diese in ihre Arme. „Habe ich dich endlich wieder, meine böse, liebe Marie?" rief sie bewegt, sich neben der Freundin uieder- lassend und bereit Hüfte umschlingend. „Ich sollte dich schelten, weil bu es über das Herz hast bringen können, mich so lange zu verleugnen. Konntest du denn ganz auf unsere Mädchen- schwüre vergessen. Doch nein, die Freude in mir über dies heutige Wiedersehen ist zu groß, als daß ein Mitzwn sie entweihen dürfte. Ich kann dir kaum ausdrücken, wie unendlich ich mich freue, dich wieder zu haben . . . und nun sage nur rasch, Liebste, was dir fehlt. . . gewiß, du siehst leidend aus, so blaß und ängstlich. Doch was ailt es! Ich schaffe dir die Voten Backen,


