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langsam aber gut, war der Wahlspruch, und der Erfolg zeigte, daß er berechtigt sei. Ist auch die damalige Bauausführung nach dein heutigen Stande der Technik nicht mehr als vorbildlich anzusprechen, den derzeitigen Verhältnissen nach war sie vorzüglich. Man betrachte nur einmal die Art und Weise der mittelalterlichen Bauten und man muss zugestehen, daß die damalige Generation wohl wußte, wie mit einfachen Mitteln, ja selbst in dem anspruchlosen Fachwerkbau, neben dauerhafter Ausführung auch künstlerische Wirkungen 51t erzielen seien. Man muß dabei auch wiederum in Betracht ziehen, daß mancher Balken in der langen Zwischenzeit erneuert wurde, zum großen Teil zeigt uns solch ein Bauwerk doch noch das ursprüngliche Material.
Das Wohnhaus des Magister Thclling in Goslar, dessen^auf- fallend steiles Giebeldach dem altertümlichen Aussehen dieser Stadt noch eine ganz besonders eigenartige Note zufügte und dessen für unseren heutigen Geschmack zum Teil grotesk-komisch wirkende Holzschnitzereien einen der Hauptanziehungspunkte für die Besucher der alten Kaiserstadt bilden, ist bereits einmal vor dem Lose, für immer von dem Erdboden zu verschwinden, bewahrt worden. Jin Jahre 1870 glich das aus der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts stammende Gebäude im allgemeinen einer Ruine. Dem völligen Verfall fonitte nur durch sachgemäße Erneuerung Einhalt geboten werden nnd daß dieses auch wirklich geschah, zeugt von crfreulichein Verständnis für die Pflichten der jetzt lebenden Generation gegenüber den Dentmälernl einer altehrwürdigen Klinstcpoche. Daher muß es uns doppelt merkwürdig berühren, wenn man in den letzten Wochen las, das „Brusttuch" — so wurde das altertümliche Gelehrtenheim allenthalben seiner eigenartigen Bedachung wegen genannt —fei 'an einen amerikanischen Milliardär verkauft und solle deshalb abgerissen werden, um drüben, jenseits des „großen Teiches" zu neuem Dasein wieder aufzuerstehen. Ist es glücklich soweit mit uns gekommen, daß wir nicht nur in dem Bestreben, ein möglichst einheitliches Stadtbild hervorzubringen, von den überlieferten alten und originellen Bauformen unserer Altvordern abweichen, anstatt sie in sinngemäßer und den modernen Bedürfnissen angepaßter Form neu erstehen lassen, müssen wir uns auch noch mutwillig das mit Opfern bisher erhalten- verscherzen? Ist erst einmal mit derartigen Verkäufen der Anfang gemacht, wer bürgt dafür, daß der eingeheimste Dollarsegen nicht weitere Lust zu solchen Geschäften erweckt? Wahrlich ein recht anmutiges Bild für die Zukunft! Vielleicht haben wir dann auch noch einmal das Glück für ein charakteristisches deutsches Baudenkmal einen echt indianischen Wigwam eeinzutauschen, natürlich unter einer „entsprechenden" Daraufzahlung unsererseits. Unwillkürlich drängt sich doch da die Frage auf, können wir für unsere Kunst nicht auch Schntzmaßregeln treffen, wie sie in anderen Ländern bereits angewendet oder wenigstens doch von Staatswegen erwogen werden, daß ohne behördliche Zustimmung kein Kunstwerk außer Landes verkauft werden darf? Nun, es hat ja seit Bekanntwerden dieses Verkaufprojektes nicht an energischen Protesten gefehlt, die auch eine zeitweilige Dementierung der Nachricht zur Folge hatten, doch nicht lange und sie tauchte wieder in bestimmterer Form auf, so daß man augenblicklich nicht recht weiß, ob sie wahr oder falsch feu Doch steht bei der jetzt ivieder zu neuem Leben erwachten Heimatsliebe und dem wohlbegründeten Bestreben, einer bodenständigen Kunst > das Wort zu reden, zu hoffen, daß dem Gerücht keme wirklichen Tatsachen zu Grunde liegen, und daß der Tourist nach wie vor an den eigenartigen Bauformen des „Brusttuches" seine Studien über echt deutsche Art nnd Kunst anstellen kann.
Fürs Haus.
— In Hotels, Weinrestaurants, sowie bei Gastlichkeiten in unserer Häuslichkeit ist es immer noch üblich, die Speisekarte in französischer, statt in deutscher Sprache abzufassen. Die meisten Menschen sind nun mehr für ein , praktisches Eßstudium, als für ein theoretisches Sprachstudium und werden es der praktischen Wochenschrift „Fürs Haus" Tank wissen, wenn diese eine Anzahl dieser Bezeichnungen ihrem Verständnis näherbringt. So bedeutet Chateaubriand ein großes Filet, unter dem Zusatz ä la Richelieu verbirgt sich eine Garnitur von Gemüsen und Bratkartoffeln. Bechamel ist eine starkgewürzte Sahnensauce, meist mit einem Zusatz von Zwiebeln, ä la Colbert heißt garniert und gebacken; ä la Pompadour bedeutet eine Zugabe von Tomaten in irgend einer Gestalt; ä la Soubise ist gedämpfte Zwiebeln. — „Fürs Haus", das unter den Frauenblättern eine führende Stellung einnimmt, kann durch jede Buchhandlung oder Postanstalt für Mk. 1.50 vierteljährlich („Salonausgabe" Mk. 1.75) bezogen werden.
LirserErsches.
— u. C. $80erner, Imelda Lambertazzi. Drama. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Geh. 2.— Mk. — Auf dem Hintergrund der Kämpfe zwischen Ghibellineu Und Guelfen zu Bologna (1273) spielt eine Liebestragödie
ganz eigener Art. Imelda, aus ghibellinischem Geschlecht, vom Papste als „Friedensbraut" dem guelfischen Bonifazis Geremei verlobt, steht bei wieder ausbrechendem Hasse hilflos zwischen den Parteien. Die Männer ihres Hauses bedrängen sie; am schwersten ihr Vetter Pietro, der von Leidenschaft zu ihr verzehrt wird. Ihre ganze Hoffnung ist auf Bonifazio gesammelt, den sie kaum kennt; doch als er sich während des Kampfes zu ihr schleicht, entdeckt sie, daß er ein kindlich selbstsüchtiger, eitler Küabe ist, der sich ioeigert, mit ihr zu flüchten. In zorniger Verachtung weist sie ihn hinweg — da stürzt Pietro herein und streckt den Feind und Nebenbuhler mit einem Dolchstoß nieder. Dann, ihres Hasses gewiß und zur Sühne bereit, stößt er sich selbst den vergifteten Dolch durch die Hand; aber Imelda wirft sich auf deu Sinkenden und saugt die giftige Wunde. Und nun fällt alles Trennende zwischen den beiden, ausgelöscht ist alles Wilde, Unreine, gelöst alle Gewissensnot — die Seelen vereinigen sich in der Qual und dem Triumph des Hinscheidens. In der reichen Charakteristik der Gestalten, im Ausbau und in der Sprache erstrebt das Werk jene durch Form geläuterte, aber nicht beeinträchtigte Lebenstreue, wie sie Henrik Ibsen den Stoffen aus der Gegenwart, Konrad Ferdinand Meyer der geschichtlichen Begebenheit ungeeignet hat. Von beiden Meistern wohl hat dies dramatische Talent seine Schulung empfangen, d. h. die hilfreiche Ausbildung seiner eigenen, unschmiegsamen und unverkennbaren Art.
HarrSinschrifterr aus Ortschaften des Kreises Kirchhain.
(Originalbeitrag des Gieß. Anz.)
11. 3 4 3 versprech ich dir, (Treu für Treu)
3 zu bleibe» 4 und 4,
3 zu bleiben nimm in 8, Weil 3 bei 2 Vergnügen macht.
" *
12. Ein jeder sich vor Hochmut hüte, Wen» ihm des Glückes Reich erblühte, Es kommt ein Reif wohl über Nacht,
■" Der nimmt der Blüte Glanz und Pracht.
*
13. Tobias Naumann bin ich genannt, Meili Name fleht in Gottes Hund, Und alle, die mich kennen Und meinen Namen nennen, Den gebe Gott, was sie mir gönnen.
*
14. Ter Rauch vergeht, das Glas zerbricht, Das Kleid zerreißt und dauert uicht, ©in Haus muß endlich fallen, So geht cs mit uns allen.
Köuigspromenade.
Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Meile mit einander verbinden, daß man — wie der König auf dem Schachbrett — stets von einem Feld aus aui ein benachbartes übergeht.
Auflösung in nächster Nummer.
das
dir
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will
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ganz
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hülle
seiner
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nie
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glückt
rückt
will
pflückt
blume
einem
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windest
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jede
du
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Auflösung des Rätsels in voriger Nummer:
Spaziergang.
Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdrrick und Verlag der Brühl'sehen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


