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|te int Sommer stundenlang, Tag für Tag, sich im Stielet übten, wie sie ost im glühenden Sonnenbrände unermüdlich den harten Ball fingen und warfen, «ni> wie sie mit dem schweren Schlagholz sich abmühten, um die möglichste Fertigkeit in dem schweren Spiel zu erlangen. Daß sie auf diese Weise durch die etwa neunjährige Uebung während der Schulzeit mehr oder minder gute Kricketer, um bei diesem Beispiel zu bleiben, werden, ist erklärlich; haben sie dadurch aber nur das erreicht? O nein, viel mehr! Sie haben jene Ausdauer, Zähigkeit und Beharrlichkeit sich angeeignet, die dem englischen Volkscharakter eigentümlich ist und die der Nation die schönsten Früchte getragen hat. England ist stark, weil der einzelne Engländer stark ist.
Zur Selbstbeherrschung zwingt das Jügendspiel. Der gute Spieler muß sich fortwährend in Zucht halten, denn ein nachlässiges, träumerisches Wesen, unbedachtsames Handeln, ein auch nur augenblickliches Sichgehenlassen röcht sich oft auf der Stelle. Ferner schleifen sich manche Unvollkommenheiten des Wesens auf detn Spielplätze am besten ab'. Viele verzogene Muttersöhnchen haben hier ihre Eitelkeit, Selbstgenügsamkeit, Selbstüberschätzung, Blasiertheit, Unverträglichkeit, ihr. trotziges und schmollendes Wesen und ihre Selbstsucht für immer abgelegt oder doch gemildert.
Wenn einerseits alle Kräfte der freien Tat und des selbständigen Wollens durch das Jugendspiel in hohem Mäße gefördert werden, so lehrt es anderseits am besten von allen uns zur Verfügung stehenden Erziehungsmitteln den Wert der zielbewußten Unterordnung, des unbedingten Gehorsams gegen die gewählten Führer. Das Gehorchen und Sichfügenlernen ist eine schwere Kunst, und manchem ist das Leben schon dadurch verdorben worden, daß er das in seiner Jugend nicht gelernt hat. Im Spiel wird aber auch der bornierteste und eingebildetste Knabe mit dem Kopfe darauf gestoßen, daß ein willkürliches Durchbrechen der Gesetze oder ein Ungehorsam gegen die Ordnungen des Führers von den schlimmsten Folgen für die ganze Partei ist. Sollte er das einmal selber nicht einsehen, nun, seine Spielgenossen bringen ihn schon, nicht immer durch zarte Mittet, zur richtigen Erkenntnis. Denn die Jugend übt strenge Rechtspflege. Durcheinander erziehen die Spielenden sich zu Geduld, Bescheidenheit und Verträglichkeit. Der Ungeduldige wird geduldig, der Anspruchsvolle bescheiden, der Zänkische verträglich, der Trotzige nachgiebig, der Schmollende versöhnlich und der Hochmütige entgegenkommend und freundlich.
Die gegenseitige Selbsterziehung durch das Spielleben ist eben etwas ganz besonders Wertvolles. Weise Lehren gehen Bei der Jugend leicht zum einen Ohr herein und zum andern wieder hinaus; Erfahrungen werdet! schwerer vergessen.
Kraft, Selbständigkeit und Mut erlangt die Jugend im allgemeinen nicht durch unsere geistige Schulausbildung. Ohne richtig betriebene Leibesübungen wird kein kern- haftes Geschlecht herangezogen werden können. Es ist also durchaus nicht bloß die Rücksicht auf die leibliche Gesuud- heit der Jugend, die eine ausgiebige Pflege von Leibesübungen an den Schulen verlangt, sondern die Sorge dafür muß als eine der wichtigsten für die gesamte Erziehung angesehen werden. Wir Schulmeister neigen leicht dazu, die Erziehung von dem Gesichtspunkte ans zu betrachten, was der Schule an sich gut ist und denken oft dabei zu wenig an das, was der Nation not tut, das sind aber keine folgsame Knaben, sondern kraftvolle, selbständige, mutige Männer.
Nun könnte man sagen, daß die Schule doch den Knaben nicht zum Stiege, zum Kampf und Streit erziehen solle, und daß daher das Jugendspiel den Charakter ungünstig beeinflusse. Aber man vergißt bei solcher Behauptung, daß der Schüler beim Jugendspiel den Stieg von der besten Seite kennen lernt, da er nicht für sich selber kämpft und streitet, sondern für seine Partei. Er muß oft im Interesse des Sieges seiner Spielgenossenschaft selbst sich zurückhalten, trotzdem es ihn vielleicht gewaltig drängt, seine Geschicklichkeit zu zeigen. Sein eigenes Ich geht in dem Streben für das gemeinsame Ganze auf, und das ist ein besonders wichtiges Erziehungsmoment. Denn was der KUabe auf dem Spielplatz gelernt hat, das überträgt er als Mann auf das Leben und somit erzieht das Jugendspiel zu Gemeinsinn und zu kräftigem, patriotischem Tun und Handeln, zu nationaler Caharkterstärke.
Auch wirkt die Freude, welche jedes richtige Jugendspiel durchzieht, dahin, daß der Kampf und Wettstreit des Spieles das Gemüt nicht verroht. Denn rechte Freude wirkt immer veredelnd, und solche richtige harmlose Freude bringt das Jugendspiel in reichstem Maße mit sich.
Jü dein auch für den deutschen Erzieher sehr lesenswerten Büchlein, Tom Browns Schvoldahs, heißt es von den englischen Jugendspielen Kricket und Fußball, daß sie „Einrichtungen erzieherischer Weisheit sind, Spiele ohne Selbstsucht, bei denen der einzelne in seiner Genossenschaft aufgeht, für deren Sieg er spielt". Das ist vollkommen richtig.
Ist der Lehrer selber kein verknöcherter Schulmeister, sondern ein wirklicher Erzieher, so wird er auf dem Spielplätze leicht den rechten Ton finden, um seinen Schülern ein Freund zu werden und nicht nur ein Zuchtmeister zu sein. Die Hauptsache bei der Erziehung, das merkt jeder rechte Lehrer, je älter er wird, ist doch die Liebe. Darum Lehrer uud Schüler zusammen hinaus zum Spielplatz! Dort wird auch am ehesten in unser Schulleben der Zug unbedingter Wahrhaftigkeit hineinkommen, der ihm meinen Erfahrungen nach leider mehr abgeht, als dem englischen.
Einer von den Gründen zu unwahrem Wesen liegt bei den größeren Schülern vielfach in den unrichtigen Erholungen, insbesondere in dem mit der Nachahmung studentischer Sitten zusammenhängenden Küeipenleben und dem S ch ü l e r v e r b i n d u n g s w e s e n. Der Kämpf hiergegen ist ja seitens der Lehrerkollegien und der Unterrichtsbehörden mit großem Ernst geführt worden, und dennoch ist der Uebelstand nicht ausgerottet, sondern wuchert, oft mit größerer Vorsicht betrieben, in unferm Schulleben weiter. Ich meine, man beachtet bei diesem Kämpfe nicht immer genug die positive Abwehr. Insbesondere findet ja das jugendliche Gemüt seine größte Freude und Befriedigung in dem Verkehr mit den Kameraden. Solcher Verkehr muß aber, wenn er Einzelfreundschaften überschreitet, einen Inhalt haben, dieser muß ein guter sein und mit den Zwecken der Schule in keinem Widerspruch stehen. Den findet man in einfachster Art in den Jugendspielen und verwandten Leibesübungen in freier Luft, tote Rudern, Wanderfahrten usw. Alle erlaubten, von der Schule beaufsichtigten Turn-, Spiel-, Ruder-, Wander- und ähnlichen Vereine der Schüler sind das beste positive Mittel gegen die unerlaubten Schülerverbindungen.
Daß durch die Spiele im Freien die Schüler durch ihr Zusammensein zu gemeinsamen Kneipen geradezu veranlaßt würden, ist mir und anderen Freunden unserer Sache einzeln entgegengehalten worden. Es ist möglich/ daß nach vollendeteut Spiel die Schüler zusammen ein Glas Bier getrunken haben. Das kann man Primanern und Sekundanern gelegentlich auch wohl gönnen. Wer gegen das gewohnheitsmäßige KUeipenleben, den Tods geistigen Strebens, und gegen die Versuchungen geschlechtlicher Verirrungen gibt es für die Jugend kein besseres Mittel, als die Gewohnheit, die Erholung in den Jugendspielen und verwandten Leibesübungen in freier Luft zu finden.
. Jedoch das Hans bleibt stehen!"
Was wohl der gelahrte Magister Thelling, der in dem freundlichen Harzstädtchen Goslar vor langen Zeiten in seinem noch heutigen Tages berühmten Heim ein still-beschauliches Gelehrtendafein geführt hat, sagen würde, toeitn er jetzt in unseren Tagen auf einige Zeit zu uns niederstiege und von den Gerüchtent hörte, die über sein ehemaliges Heim im Umlauf sind? Er würde wahrscheinlich der Meinung sein, daß die Welt noch närrischer geworden, als sie schon zu seiner Zeit gewesen. Denn wer dazumal ein eigenes Hans errichtete, war letzenfest! davon überzeugt, daß es, falls nicht etwa Kriegesnot oder Feuersbrunst ein vorzeitiges Ende über dasselbe heraufbeschworen, für immer auf dem einmal gewählten Platz bleiben und sich von Kind auf Kindeskind vererben iverde, bis ennnal mich feine Tage gezählt seien und cs an Altersschiväche verschwinden müsse. Und daß dies letzte erst in recht später Zeit emtreten könne, dafür sorgte schon die Güte des verwandten Baumaterials und die Geschicklichkeit der ausführenden Handwerker. Auch war man dazumal weder so flink bei der Hand, wenn es galt, em neues Wohnhaus zu errichten, denn der Platz in den meistenteils befestigten Städten war durch die Umwallung beengt und außerhalb der Mauern weite Gebiete durch Bebauung der Allgemeinheit zu erschließen, ging damals auch nicht gut an; zudem hatte der Bauherr in jenen längstvergangenen Zeiten das beimißte Bestreben, möglichst dauerhaft uud solide zu bauen, sowie. den Bau nicht zu übereilen durch fortwährendes Drangen. Lieber


