tektiv Walden müsse cs gewesen sein ... was soll man nun glauben?"
„Herr Rat, die beiden haben auch die nämliche Gestalt." „Na, Walden ist doch etwas zierlicher gebaut."
„Es kam mir ja auch so vor, als ob es zwei Verschiedene gewesen wären, Herr Rat."
„Entschieden der zweite. Ich sagte gleich, der kam mir größer vor und er hatte auch einen Vollbart . . . doch den hat der Mann im Zimmer nicht", stockte der Schutzmann.
„Freilich nicht. Na, jetzt sputen Sie sich und holen die Kleider. Wenn Sie zurückkommen, halten Sie sich ruhig im Zimmer und geben keinen Mucks von sich, bevor Sie gefragt werden, verstanden?"
Rokohl salutierte stramm militärisch und eilte davon, um seinen Auftrag zu erfüllen, während der Rat mit nachdenklicher Miene ins Zimmer zurückkehrte.
Er fand den Maler mit Walden gerade eben wieder in heftiger und wie es schien unfreundlicher Auseinandersetzung begriffen.
Als Walden den wieder Eintretenden erblickte, wies er mit ausgestreckter Hand nach ihm- und äußerte gleichzeitig schroff: >,Hier ist Herr Rat Hansemaun und einzig maßgebend für Sie. Wenden Sie sich mit Ihren Behauptungen an ihn, mich aber verschonen Sie!"
„Nun, nun, so hitzig?" erkundigte sich Hansemann, in die vor Erregung glühenden Gesichter der beiden Streithähne schauend.
Keiner von ihnen gab eine Antwort; statt ihrer sagte Thommen: „Sie streiten sich noch um ihren Zirnmerwirt. Nach Herrn Waldens Version ist er nach Amerika unterwegs, der andere Herr dagegen will ihn durchaus ermordet wissen."
„Nun, das werden wir schon aufklären", entgegnete der Rat ernst, indem er nach seinem Schreibtisch schritt und vor ihm sich wieder hinsetzte. „Nehmen Sie doch Platz, Herr Witte," sagte er in merklich unverbindlichem Tone. „Hierher, wenn ich bitten darf", — er deutete auf einen in seiner Nähe befindlichen Stuhl. „Nach Ihrer Behauptung hat also Ihr früherer Zimmerwirt Gustav Schuhmacher dieselbe Gesichtsnarbe aufzuweisen gehabt."
„Das wird Ihnen jedes Kind in der Thomasinsstraße sagen können. Wie ich schon erwähnte, führte Schuhmacher ein ausschweifendes Leben und betrank sich fast täglich. Da er sich in seinem unwürdigen Zustand oft genug am Hellen Tage zeigte, so hatte er nur zu häufig die Schuljugend hinter sich. Ich selbst bin Zeuge von solchen widerlichen Auftritten gewesen. Im- trunkenen Zustande glühte seine Narbe förmlich; er war dann auch in krakehlsüchtiger, prahlerischer Stimmung und suchte die verhöhnenden Kinder durch Hinweis auf von ihm vollführte Großtaten abzuschütteln, erreichte natürlich aber nur das gerade Gegenteil."
„Dann kennen Sie diesen Schuhmacher also sehr genau?"
„Herr Rat, ich bin nicht umsonst Maler ... gar das Gesicht dieses Unglücklichen will ich tausenden heraus erkennen . . . sehen 'Sie, so sah er aus, sah er sich von den Gassenjungen! gefoppt". Er hatte während des Sprechens mit kecken Zügen eine Figur auf ein gerade handgerecht liegendes Blatt geworfen pnd reichte dies nun Hansemann.
Dieser besah cs nur nachdenklich. „So würden Sie im Stande sein, die noch über der Erde befindliche Leiche des Toten zu rekognoszieren?"
„Unbedingt!" versicherte der Maler.
„Dann muß ich Sie bitten, mich nach dem Leichenhause' zu begleiten, denn Ihre Aussage ist sehr wichtig und geeignet, unsere bereits gesicherte Identifizierung der Leiche über den Haufen zu werfen."
„Ich kann nur wiederholen, Herr Rat, daß sich Herr Witte irrt!" ließ sich eben Walden mit großer Schärfe vernehmen. „Eine Aehnlichkeit mag ihn beirren — ich will das Vorhandew- sein einer solchen einräumen, obgleich sie mir bisher nicht aufgefallen ist — von der Narbe abgesehen, welche indessen bei Schuhmacher, wie ich genau weiß, durch den Tatzenhieb eines aus dem Menagerie käsig entsprungenen Jaguars herrührt und mit der bei dem Toten sestgestellten Narbe nicht zu verwechseln ist. Im übrigen habe ich Gustav Schuhmacher, mit dem ich in meiner Küabenzeit eng befreundet war, selbst am Nachmittag vor der kritischen Nacht nach dem Lehrter Bahnhof gebracht — ich denke wohl, meine Erklärung sollte genügen, Herr Rat." Es lag ein Klang in seiner Stimme, den man sowohl auf Gereiztheit, als auch auf ein Gefühl unverdienter Kränkung zurückführen konnte.
Hansemann nickte ihm zwar wohlivvllend, wie beschwich- ttoenb zu, wendete sich aber, obne sich lange mit ihm aufzuhalten,
sofort wieder an den Maler. „Sie find von der Wahrheit Ihrer Angaben natürlich gleichfalls durchdrungen?" erkundigte er sich.
Witte nickte nachdrücklich; er saß mit übergeschlagenen Beinen, ans feinen bleichen Zügen sprach ein unbeugsam fester Entschluß. „Nicht nur das, Herr Rat, sondern ich kann meine Angaben auch beweisen, denn ich" — das sagte er mit erhobener Stimme, zugleich Walden herausfordernd dabei anblickend —■. „ich persönlich habe Gustav Schuhmacher nach der Droschke gebracht, in welcher er nachher seinen Tod finden sollte."
Totenstille folgte seinen Worten; selbst Rat Hansemann hielt den Atem und schaute seinen Besucher starr an, als erschiene ihm dieser eben in ganz veränderter, zuvor nie erschauter Gestalt.
„Sie fragten mich gestern abend, ob ich nicht ein Abenteuer erlebt hätte, als ich von Selkenbachs heimkehrte", fuhr Witte fort, ohne sich um den Eindruck zu kümmern, den seine Eröffnung gemacht hatte. „Gestern wich ich Ihnen aus, obwohl mich Ihre direkte Frage nach dem Betrunkenen frappierte. Ich konnte ja gestern abend noch nicht wissen, welch erschütterndes Ereignis . . . oder sagen wir besser, welche fluchivürdige Tat Sie zn Ihrer Frage an mich veranlaßte. Heute erachte ich es als meine Gewissenspflicht, Ihnen alles zu sagen, was ich weiß."
„Ich bitte darum!" Die Stimme des Rats klang förmlich; sein Blick schien bis in die Herzenstiefe des jungen Künstlers dringen zu wollen; doch dieser hielt ihm unbefangen stand.
„Ich sagte Ihnen bereits gestern abend, daß ich mich nach dem Verlassen des Selkenbachschen Hauses zu Fuß auf den Nachhauseweg machte. Wie ich die Tiergartenstraße entlang schlendere/ unmittelbar vor der Hildenbrandstraße, stolperte ich über einen menschlichen Körper. Es war zu dunkel, um den augenscheinlich schwer Bezechten erkennen zu können. Immerhin dauerte mich der Mensch und ich wollte ihn in seinem hilflosen Zustand nicht liegen lassen. So suchte ich ihn aufzuheben, wobei mir ein zufällig des Weges daherkommender Herr beistand und dann führte ich den Taumelnden in der Richtung nach der Bellevuestraße, unablässig nach einer Droschke spähend und rufend. Ich konnte indessen erst auf dem Potsdamer Platz einen Einspänner auftreiben. Mit Hilfe eines Schutzmanns suchte ich den völlig Trunkenen, der unausgesetzt Lor sich hinlallte und es ersichtlich immer mit einem Manne namens August zu tun hatte, in der Droschke unterzubringen. Wie dabei sein Gesicht plötzlich von einem grellen Laternenstrahl beleuchtet wurde, erkannte ich zn meinem großen Ekel meinen früheren Zimmerwirt. Ich mag meiner Empörung wohl auch lauten Ausdruck verliehen haben; ich weiß das nicht mit Bestimmtheit. Jedenfalls war mein Widerwille stärker als meine Hilfsbereitschaft. Obwohl der Schutzmann mich zum Bleiben nötigen wollte, riß ich mich kurz entschlossen los und ging meiner Wege."
Die Tür hatte sich schon seit einer Weile geöffnet und Rokohl/ einen Kleiderbündel über dem Arm, war wieder ins Zimmer getreten. Der Rat hatte ihm verstohlen angedeutet, sich ruhig zu verhalten und zuznhören; er selbst hatte dem Bericht des jungen Malers mit unverkennbarer Spannung gelauscht. Einen entschieden günstigen Eindruck hatte er auf ihn gemacht, daß Witte, sobald die Zeugenaussagen, von denen er ja keine Ahnung haben konnte, bestätigend in Betracht tarnen, sich streng an die Wahrheit gehalten hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Aas Iagendspü'l in gesundheitlicher und erziehlicher Kirsicht.
Fortsetzung aus Nr. 156.
Es handelt sich aber beim Jugenbspiel nicht allein um Erlangung leiblicher Tüchtigkeit und Gesundheit und Uebnng der Sinne, sondern wesentlich auch um die Entwickelung und Ausbildung seelischer Eigenschaften, des Mutes und der Selbständigkeit. Das Jugeudspiel ist ein Erziehungsmittel ersten Ranges auch für Geist, Charakter und Gemüt. Es fördert die Schnelligkeit des Entschlusses, die Besonnenheit in seiner Ausführung und den Mut, Verbünden mit Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart bei unvorhergesehenen Zwischenfällen. Das Nervensystem lernt den Impulsen des Willens auf den Augenblick gehorchen, und das Denkvermögen gewöhnt sich daran, rasch die ganze Lage zn beurteilen. Das sind aber Eigenschaften, die dem Manne im Kampfe um das Dasein von größter Bedeutung zu sein vermögen.
Vor allem erzieht das Jugendspiel, zu Ausdauer und Geduld. Es ist mir während meiner englischen Studienreise immer von größtem Interesse gewesen, die Schüler im Alter unserer Sextaner und Quintaner zu beobachten, wie


