Ausgabe 
27.5.1907
 
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bei hiesigen: Fürstl. Hochverordneten Konsistorium aus Ehe­scheidung antrug.

Kaum konnie ich im entferntesten so etwas ahnden, da sie als katholische Glanbensverwandiin auf völlige Ehescheidung ihren Religionsgrundsätzen nach nicht klagen durfte, indem die Triden- tinische Kirchenversammlung den schon mit dem Anathema belegt, der nur glaubt, daß daS hl. Sakrament der Ehe völlig gelößt werden könne, und in meinem ganzen Betragen nicht die mindeste Veranlassung zu solch einem ungereimten und unbesonnenen Schritt auffinden. Doch nein! nicht sie klagte, ich müste mich sehr in ihrem Herzen und Verstand irren; nicht sie erdichtete Umstände, erfand Abgeschmaktheiten : nein, dazu halte ich sie nicht fähig, und bin gar zu sehr überzeugt, daß die ganze Sache ein (Seroebe ver­worrener Phantasien und der a l l b e k a u n t en Inko n s e g ue uz Dritter Personen ist, welche ihre Einwirkungen und hirn­losen Trennnngsplane auch noch in die Ferne durch einen ivahn- sinnigen Briefwechsel, von Schwachköpsen vermittelt, fortsetzen.

In dieser Hinsicht übersah ich alle tausende Parentationen, alles romanhafte Gewinsel und ohnbärtige RaisouneinentZ, der chimärischen Klage, wie sie es verdiente, noch zur Zeit mit völliger Verachtung, und trug daher bei Fürstlichem Konsistorium den» Buchstaben des Gesetzes angen>essen, daraus an, daß ein gütlicher Verein zivischen meiner Frau und mir) »uöchte versucht werden. Hochverordnetes Fürstl. Konsistorium, welches ohnehiir den Vers»>ch der Güte, auch ohne meine Bitten, vermöge feiner höchstrühmlichstbekannten Gerechtigkeitsliebe von Anrtsivegen »vürde erkannt haben, verkündete daher den 17 teil dieses folgenden, der Sache völlig angemessenen Bescheid:

I n Ehestrittigkeits-Sachen

Sabina, des Fürstlichen Hauptmanns P. Ehekonsortin, einer gebohrenen H., dermals zu Neidengn, im Churfürstlich Mainzischen Klägerin

gegen

erwähnten ihren Ehemann, dahier zu Giesen, Beklagten. Bescheid.

Bcwandten Umständen nach ist unter beyden Eheleuten, die Güthe, vor allen Dingen angelegentlichst zu tentiren, und ihnen mit zweckmäßigen Vorstellungen' und liebreichen Ermahnungen dringend zuznreden, ihre zu vielen grosen Unannehmlich­keiten, allem Anschein nach, führende Streitigkeiten beyzulegen, und sich wieder zu vereinigen, zu welchem Ende, weil Klägerin dahier nicht anwesend ist, nach reqnisitoriales an das Churfürstl. Vicariat zu Aschaffenburg erlassen werden sollen, und diesem vorgängig hiernächst in der Sache weiter ergehen soll, was Rechtens. Von Rechts Wegen.

Ich bin vollkommen überzeugt, daß kein Vernünftiger es wagen wird, diesen Bescheid unrichtig zu interpretiren, oder gar dessen Vollstreckung entgegen zu arbeiten und eine Wiedervereinigung zu hindern, welche in Folge derselben statt haben dürfte. Sollte iedoch wider Vermuthen die Güte nicht stattfinden, sondern iene Klage inr Wege Rechtens weiter verfolgt werden müssen, so werde ich zu Vermeidung weiterer besoralichen unrichtigen Urteile, sämtliche Aktenstücke nicht nur dem Publicum im Drucke nach und nach mitteilen, sondern auch die dabei handelnden einzelnen Personen, in ihrem verschiedenen Interesse und Benehmen, gehörig, und der Wahrheit gemäs schildern, und immer meinem Wahlspruch getreu bleiben: Thu' recht, scheu' Niemand!

Giesen den 17 teil April 1802. , F. P....

Wie dieser so ergreifend als bombastisch dargestellte Eheroman zu Ende ging, das verschweigt desGießner Anzeigungs - Blättchens" auf Anzeigen beschränkte Höf­lichkeit. Jedenfalls ist das Eine klar daraus ersichtlich, daß unser liebes . Gießen damals ein ganz erbärmliches Klatsch­nest gewesen ist. Ob freilich die Flucht der mutigen Haupt- und Ehemanns P. in die Oeffentlichkeit die bösen Läster­zungen zum Schweigen gebracht hat, ist, wenigstens nach den Erfahrungen eines Gegenwartsmenschen, zum mindestens recht zweifelhaft.

Aus dem Jahrgange 1806 desG,-A.-Bl." erfährt man, daß in jenem Jahre die Schleifung des städt­ischen Walles stattfand.

Wie sich im übrigen vor 100 Jahren das bürgerliche Leben in Gießen im allgemeinen abspielte, wie es in und rings um Gießen damals aussah, davon erfährt man aus dem papierenen Munde der Großmutter des Gieß. Anz. so gut wie nichts. Damals erhob noch kein Bürger bängliche Eingesandt"-Klagen in gebundener oder ungebundener Rede im Wochenblättchen. Doch man darf wohl mis Reisc- schilderungen der damaligen Zeit Schlüsse ziehen auf das Aussehen von Stadt und Land. Darum sei daran erinnert, daß z. B. selbst das damals ca. 200 000 Einwohner zählende' Berlin all seinen Unrat nahe vor den Toren abludund sich jeder also vorstellen kann, welch ein liebliches Gemisch von Gestank die Exkremente von Berlin und das Aas der krepierten Haustiere" dem Reisenden dort, wie wohl auch

hier, entgegen dufteten. Sah man doch damals in allen deutschen Städten wenig darauf, tote Hunde oder Katzen selbst von den Straßen zu entfernen und ließ man doch selbst halbe Tage lang tote Pferde in den Straßen liegen.

Am Tage tat man im übrigen in Haus und Garten, Stall und Scheune seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Von einem Spazierengehen innerhalb der Stadt war keine Rede, denn es gab erstens überhaupt noch kein Pflaster und keinen Bürgersteig, sondern noch viel, viel mehr Staub und Morast in Frühling, Sommer, Herbst und Winter als heute, und zweitens keine Auslageuerker, sondern höchstens bei Handwerkern ein paar Schuhe oder Scheren, Messer, Pferdegeschirr und dergleichen. Am Abend aber machte man's gewöhnlich in der Art, wie 's Wilhelm Busch so hübsch und idyllisch inPlisch und Plum" erzählt:

Papa Fittig, treu und friedlich, Mama Fittig, sehr gemütlich, Sitzen, Arm in Arm geschmiegt, Sorgenlos und stillvergnügt Kurz vor ihrem Abendschmaufe Noch ein wenig vor dem Hause, Denn der Tag war ein gelinder, Und erwarten ihre Kinder.

Geistige Anregungen wurden damals den Bürgern trotz der Universität äußerst spärlich geboten. Im Mai 1808 gab es ganz ausnahmsweise einmal im Saal des Buschischen Gartens eine musikalisch-deklamatorische Akademie, in der mehrere Gedichte von Schiller, Bürger und Matthisson die Schauspielerin Emilie Harrer vortrug.

Wer sich am Theater erfreuen wollte, mußte nach Frankfurt reisen, das bekanntlich von 180613 unter napoleonischer Herrschaft stand und schon verhältnismäßig glänzende Opernvorstellungen zu Wege brachte, auch Masken­bälle und Konzerte, in Ermangelung eines entsprechenden Saales, im Schauspielhause gab. Oder nach Darmstadt, wo der Großherzog 1809 sein Theater für damalige Begriffe prächtig ausstattete und, sich gleichfalls namentlich der großen Oper zuneigend, persönlich intimen Anteil an dessen Leitung nahm. In Kassel war unterKönig Lustik" das deutsche Schauspiel aufgehoben worden und dafür eine musterhafte französische Oper und ein ebensolches Schauspiel nebst einem verschwenderischen Ballett eingerichtet worden.

(Fortsetzung folgt.)

Dekoration" tntb kein Ende.

Der BegriffDekorationsdivan" besagt so ziemlich alles. Ihm schließt sich eine lange Reihe von Objekten würdig an, deren! wesentliche Bestimmung darin liegt, zudekorieren'. .Wir nnifcn Dekorationsteller, die niemals Speise fassen lonnen, Dekorations­vasen und ebensolche Krüge, die weder Blumen, noch Wasser oder. Wein aufzunehmen geeignet sind,Dekorationssaulen an den Schranktüren, die nichts tragen, sondern nur angekiebt sind und mit den Türen auf- und zngchcn, Zigarrenabschneider. die mit dem Kvpf Bismarcks oder Moltkesdekoriert" sind, Glaser oder Krüge, die den Leib eines Pfäffleins oder eines Gnomen vorstellen, Glasmalereien, die keine sind, sondern klägliche Imitationen, an die Fensterscheiben zu hängen, um das ohnehin spärliche Tages­licht aus unseren Wohnungen gönzsisch zu bannen, Blumen.und Pflanzen, den lebenden, echten, getreulich nachgebildet, künstliche Palmen mit verzweifelt ausgestreckten starren Blätterfingern, Blattwerk und Girlanden an allen Formen und Gefasten, und in harmonischem Wetteifer mit all diesem Unrat schlechte Bilder, japanische Schirnie, Fächer nsw., mit denen die Wändege­schmückt" sind. _ , , . , ... .

Der kategorische Imperativ«chmückc Dem Heun ist der Urheber dieses erborgten fälschlichen Luxus, aber wir finden es auf den Straßen nicht besser. Gerade hält der Postwagen vor dein Hause, der Blick fallt auf das kleine Jaloiisienfenster, das unbegreislicherweise an dein Wagen angebracht ist. pbcr_ es tjt gar kein wirkliches Fenster, cs ist nur

Darauf gibt es ebensowenig eine befriedigende Anüvort wie auf die Frage, welchen Sinn die winzigen Balkons und Erwr an den Häusern haben, die so klein sind, daß sie keines Menschen Fuß betreten kann. Sie dienen augenscheinlich bloß alsDekoration,, wie jene lächerlichen, maulaufreißenden Masten, mit denen die Hausfassaden bis ins oberste Stockwerkverziert sind Wie das Fnnere und Aeustere der Läden ist, so sind natürlich auch, btt Menen Straßen und Plätze, die Parkanlagen und Monumente haben, die nichts weiter vvrstellen, als sogenannteDekorationen".

Die Vorgeschrittenen wehren sich und erklären: Bitte, der Dekorationsdivan ist überwunden, wir haben ein englisches Zimmer! Das englische Zimmer hat einen mächtigen Kamin,