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„Doch nicht mit mindrer Kunst und Fertigkeit „Haust sie am Bach, im Tütchen, auf beit Hügeln und in seinen Liedern von der namenlosen Kirche: „Gliche Gott nicht iir dem düstern kalten Bau von Menschenhand, „Gliche Gott nicht in der Predigt, die der Mensch iin Chorrock (spricht."
Da fühlte er wohl, daß diese Anschauungen sich nicht mit denen eines Pfarrers, der ein öffentliches Amt bekleidete, vertrügen. Er nahm 1843, da ihm dies die reichlichen Mittel, über die er durch seine Verheiratung verfügte, erlaubten, seine Entlassung aus dem hessischen Pfarrdienste und siedelte nach Frankfurt a. M. über, um sich ganz der schriftstellerischen Tätigkeit zll widnren. Bald ivnrde er in die durch Johs. Rouge eingeleitete freie religiöse Bewegung gerissen und nahm in Offenbach vorübergehend seinen Aufenthalt, um hier der 1845 durch Joseph Pirazzi begründeten deutschkatholischen Gemeinde bcizntreten und ihr viele Protestanten als „Licht- sreunde" zuzuführen. Ein noch lebender Zeitgenosse schreibt mir von dort, „es war mir eine Frellde, wenn mein Vater mich zu den Besuchen bei dem liebenswürdigen geistreichen Manne mitnahm". Das Jahr 1848 zog ihn wieder nach Frankfurt a. M., >vo er als Abgeordneter in das Vor- parlanicnt geivählt wurde. Nach der 48er Bcivegung gab er sich ganz den Sprachstudien hin. Es erschien kurz hintereinander „Pragmatische deutsche Sprachlehre" (1851), „Die alten Völker Europas mit ihren Sippen" (1861), „Vorschule der Völkerkunde und Bildungsgeschichte" (1864). Diese Werke verschafften ihm weithin Ruhm und Ansehen, von den Berliner und Pariser Akadeniien wurden sie mit den ersten Preisen bedacht und von der Hochschule in Gießen wurde ihin eine Professur angeboten. Letztere lehnte er jedoch ab, da er der Meinung war, daß die Ucbernahme einer solchen Stellung seine wissenschaftliche Tätigkeit zu stark beeinträchtigen würde. Späterhin nötigten ihn finanzielle Gründe doch, sich nach einer Verwendung umzusehen.
Es gelang ihm, in der Stadtbibliothek diese sich zu schaffen, indem ihm 1865 das Amt eines Stadtbibliothekars übertragen wurde. Doch wurden ihm die dadurch auserlegten Verpflichtungen bald zur Fessel; am 1. April 1876 legte er sein Amt nieder und zog sich nach Darmstadt in den Ruhestand zurück, ohne jedoch bis kurz vor seinem Tode, am 28. März 1883, seine schriftstellerische Tätigkeit auszusetzen. 1879 erschien sein hoch- rmd niederdeutsches Wörterbuch der mittleren und neueren Zeit, 1881 seine letzte Novelle: „Der Zögling der Ursulinerinnen". Auf dem Gebiet der Belletristik ist Diefenbach äußerst schöpferisch gewesen. Man tadelt zwar, daß er in seinen Romanen und Novellen seine Person zu weit vorschiebt, daß neben epischer Breite oft lange philosophische Auseinandersetzungen störend wirken; jeder aber, der den zweiten Zyklus seiner Novellen, „Elisabeth", und seine „Pfarcerskinder" mit Andacht gelesen hat, wird die Herzens- tiefe des Verfassers und die gute Zeichnung der geschilderten Charaktere bewundern. Noch mehr prägt sich erstere in seinen Gedichten aus:
„Liebe wird nicht ausgesungen, Eh' das letzte Herz verklungen";
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„Lieb ist nur Glück; und wär ste's nur alleine, Tag wirds genug von Einer Sonne Scheine, Lieb ist nur Glück; und wird es ewig sein, Blieb auch mit ihr ein treues Herz alleine."
Seine Hauptbedeutung liegt jedoch in seinen Leistungen auf dein Gebiete der Sprachforschung. Hier war er ein eifriger Sanunler, wobei er auf seine eigenen Anschauungen stets verzichtete, ein Anhänger des berühmten Sprachforschers Jakob Grimm. Ferner hat er sich wesentliche Verdienste um religiöse Reformen und Bildung des Volkes erworben. Noch steht er in der Erinnerung hiesiger Leute, die seine Schüler waren, als anregender tüchtiger Lehrer. Ein Schüler, dessen Ausbildung in den fremden Sprachen ihm viel Freude bereitete, war der frühere Pfarrer Jochem in Ruppertsburg. Letzterer sprach acht lebende Sprachen fließend und unterhielt dort längere Zeit ein Knabenpensionat.
Mit den Anschauungen seiner Zeit rang Diefenbach oft in heißem Kampfe mit dem ihm eigenen lebhaften Tem
peramente. In seinen formvollendeten Ghaselen hören wir ihn sprechen:
„Ich kann nicht ruhen, wie die andern Leute, Bin Tag und Nacht geheiinen Fiebers Beute!
Erleb' ich andres nicht, als andere Leute:
Erleb' ichs anders doch, als andere Beute."
Die Erinnerungen an den geistigen Vorkänipfer deutscher Einheit möge der heutige Tag lebhaft wecken.
Floßert Schttmnttn's Ende.
Die 50. Wiederkehr des Todestages Robert Schumanns (29. Juli 1906) gibt Gelegenheit, sich mit dem tragischen Ende des Meisters zu beschäftigen, der in der Blüte seines Schaffens, int Alter von nur 46 Jahren, dahingerafft wurde.
Nur 16 Jahre war es ihm vergönnt, mit seiner u ' ~ geliebten Gattin Klara Wieck, die er nach so harten Kämpfe., mit ihrem Vater erst spät erringen konnte, in innigster Harmonie zu wirken.
Schumattn wurde bekanntlich nach Düsseldorf als städtischer Kapellmeister gerufen und nahm diesen Ruf auch an, um am 2. Sept. 1850 nach dort überzusiedeln. Vorher machte das Ehepaar noch eine glänzende Konzerttour nach Hamburg, wo sie die Bekanntschaft Jenny Linds machten. Tie Fahrt an den Rhein sollte die letzte des uttglücklichen Künstlers sein. Er hatte infolge der geistigen Anstrengung und der mannigfachen Aufregungen schon Ende 1848 wieder stark unter Kopfschmerz zit leiden gehabt; Unruhe und Bangen ergriffen ihn, als er in einem Buche von der Existenz einer Irrenanstalt in Düsseldorf las. „Ich muß mich sehr vor allen melancholischen Eindrücken in acht nehmen. Und leben wir Musiker, Tu weißest es ja, so oft aus fonntgeu Höhen, so schneidet das Unglück der Wirklichkeit um so tiefer ein, wenn es sich so nackt vor die Augen stellt. Mir wenigstens geht es so mit meiner lebhaften Phantasie."
Mit solchen Gedanken zog Schumann seinem neu - stimmungsorte entgegen.
Ter Empfang Schumanns in der rheinischen Stadt war glänzend. Tie Einwohnerschaft tat alles, um dem gefeierten Meister und seiner Gattin ihre Verehrung zu bezeugen. Am 24. Oktober trat er mit seinem ersten Aw meniskonzert sein Amt an; auf dem Programm st, • <-
Adveutlied, während Klara Mendelssohns G-moll-Ä, ..g<rl spielte. Seine Düsseldorfer Tätigkeit sagte ihm während der ersten zwei Jahre sehr zu; sie bestand außer der Direktion der genannten Konzerte in der Leitung der wöchentlichen Uebungen des Gesangvereins und einiger in Verbindung mit dem katholischen Gottesdienst regelmäßig wiederkehrender Ausführungen. Daneben drängte es Schumann beständig nach einem Werk in größerem Stil, und hierfür wurde zunächst der Plan eines großen Oratoriums „Luther" ins Auge gefaßt, mit dessen Textdichtung Rich. Pohl betraut ward. Allein der Plan scheiterte einmal an Schumanns Gesundheitszustand, ferner aber deshalb, weil er fiel) mit dem Dichter nicht über die Form einigen tonnte. Und so blieb dieser weitansschauende Plan unausgeführt.
Im März zog es Schumann wieder auf einige Wochen nach seinem geliebten Leipzig. Er hatte die Freude, zu sehen, tote feine treue Anhänglichkeit an diese Stadt von der dortigen Musiktoelt in reichstem Maße erwidert wurde.
Im Sommer stellten sich bereits wieder Krankheitserscheinungen ein, Sie eine Kur in Scheveningen notwendig machten. Es waren die unmittelbaren Vorboten der Mtw strophe von 1854. Tie Wirkungen der Krankheit zeigten sich zunächst in einem auffälligen Nachlassen der schöpferischen Produktion. Das Schlimmste für den Meister waren die nunmehr mit erschreckender Häufigkeit auftretenden Ge- hörstäuschungen. Dazu kamen Täuschungen rhythmischer Art — es erschienen ihm beim Hören alle Zeitmaße zu. schnell —; endlich steigerte sich die Schwerfälligkeit seiner Sprache in hohem Grade.
Die Wahnvorstellungen ließen ihn nicht mehr los. Dias Schlimmste war, daß sie nunmehr auch seine Dirigententätigkeit in einer Weife zu beeinträchtigen begannen, die ihm selbst den Gedanken an den Rücktritt nahe legten. Dazu gesellten sich allerhand Jntriguen, denen sich sein müder Geist nicht mehr gewachsen fühlte. Bald gab er fein Amt endgiltig auf.
Noch zwei freudige Ereignisse waren ihm zu erleb


