Ausgabe 
28.7.1906
 
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beschieden. Tas eine war eine Tour nach Holland', wo ungeahnte Triumphe seiner warteten. Das andere war seine Bekanntschaft mit Johannes Brahms, der ihm von Joachim empfohlen war und seine ersten Kompositionen vorspielte. Tie Freude an dem neu aufsteigenden Genie war seine letzte.

Tas erste bedenkliche Symptont war, daß er Anfang Februar plötzlich des Nachts aufstand und Licht verlangte, da er von Franz Schubert ein Thema erhalten habe, das er sofort aufschreiben müsse. Am 27. Februar war er bei der fünften Variation darüber angelangt, als ihn ein der­maßen intensives Angst- und Beklemmungsgefühl über­kam, daß er sich aus dem Kreise der anwesenden Bekannten Wegstahl und von der Rheinbrücke in den Strom stürzte. Von Rheinschiffern gerettet und nach Hause zurückgebracht, machte er sich alsbald schweigend an die Fortsetzung seiner Variation. Tie nach der Katastrophe eintretende Erholung war nicht von Dauer; ihn selbst verlangte nach der Unter­bringung in einer Heilanstalt. So erfolgte denn am 4. März die Neberführung des unglücklichen Meisters in eine Privat- Jrren-Anstalt. Sein Denken war keineswegs zerrüttet und der Verkehr mit ihm durchaus nicht quälend oder beängsti­gend. 9htr todesmüde war sein Geist, abgespannt bis zum' Aeußersten.

So können wir von dem großen Künstler ohne trübe oder gar erschreckende Erinnerung Abschied nehmen. Noch am Rande des Grabes steht seine Gestalt in lichtem Glanze da; hatte sein Geist auch seine zündende Kraft verloren, sein edler Sinn und sein überreiches Herz sind ihm bis ans Ende treu geblieben.

Am 29. Juli 1856, nachmittags 4 Uhr, wurde Robert Schumann von seinen Leiden erlöst.

Wahrlich, ein tragisches Schicksal.

Ueber die Behandlung der Blinddarmentzündung sand unlängst in der Berliner medizinischen Gesellschaft eine Er­örterung statt. Der Vorsitzende Pros. v. B e r g in a n n kennzeichnete den gegenwärtigen Stand der ärztlichen Auffassung bezüglich der Beurteilung und Behandlung dieser verbreiteten Krankheit. Es kamen außer dem Vorsitzenden drei unserer bekanntesten Forscher und Gelehrten zum Wort, de» Riinifer Kraus, der Kinderarzt Heubner und der Pathologe Orth. Alle drei brachten zum Ausdruck, daß der Bekund am Krankenbett nur selten eine sichere anatomische Beurteilung des Falles gestatte; Professor Orth ivieS aus Grund seines Beobachtungsmaterials ausdrücklich darauf hin, daß man an dem herausgeschnittenen Wurmfortsatz um diesen handelt es sich ja bei der sogenannten Blinddarmentzündung häufig sehr schwere Veränderungen nachiveisen könne, die sich vorher nicht kenntlich gemacht hätten und umgekehrt. In 9 bis 10 v. H. der operierten Fälle war anatomisch nichts Krankhaftes zu finden; an­dererseits können, ivie Orth betont, auch ganz schwere Fälle ohne Operation zur Ausheilung kommen. Professor Heubner als Kinder­arzt hält die Verantwortung des Arztes für so schwer, daß er eine frühzeitige Operation vorzieht; auch Prof. Kraus bekennt sich mit Rücksicht aus die schwierige Bewertung der Krankheitserscheinungen eher als einen Freund der Operalion. Nur bei den leichten Fällen, den sogenannten Blinddarmreizungen, kann man aus einen operativen Eingriff verzichten; hier würde die Operation lediglich als eine Art Vorbeugungsmittel zu betrachten sein. Alle anderen Formen sind nach seiner Ansicht chirurgisch zu behandeln; beim die konservative Behandlung zeitigt bei Kindern eine Sterblichkeit von 4050 v. H., und auch von Erwachsenen sterben noch, immer ge­nug, die nicht operiert worden sind, Die Blinddarmentzündung hat gegenwärtig fast die Bedeutung einer Volkskrankheit, und die Be­völkerung selbst ist über die Häufigkeit der Blinddarmentzündung, die in manchen Familien sogar mehrere Opfer fordert, in hohem Grade beunruhigt. WünscheuSwert wäre, daß die offizielle Statistik auch dieser Krankheit ihre Aufmerksamkeit zuwendete, damit unsere Aussassung über Entstehung, Beurteilung und Behandlung der Blinddarmentzündung an Klarheit gewinne.

In einer zweiten Versammlung am 26. ds. Mts. wurde aus Wunsch des Staatssekretärs Grafen Posadowsky eine Konunission von neun Mitgliedern mit der Ausarbeitung eines statistischen Fragebogens über die Blinddarmentzündung beauftragt. Sodann sprachen die Professoren Israel, Krause, Rotter, Beck-Newyork und die Frauenärzte Pros. Leopold Landau und Geh. Medizinalrat Olshausen, Direktor der gynäkol. Universitätsklinik, bereit Aus­führungen alle auf beit Grundton gestimmt waren, daß bei einer Blinddarmentzündung die beste G e h r r e i n e R e t tu ng des Lebens eine möglichst frühzeitige Operation fei. Es kämen zwar zahlreiche Erkrankungen ohne Operation zur Heilung, aber es bestehe hier in etwa der Hälfte der Fälle die Gefahr des Rückfalles. Deshalb sei es auch nötig, wenn ein erster Fall ohne Operation glücklich abgelaufen sei, während der anfall­

freien Zeit einen operativen Eingriff vorzunehmen. In der nächsten Woche wird über dieses Thema weiter beraten weroen.

* Schloßen und schlohweiß. sSprachecke des Allgem, Deutschen Sprachvereins.s Mit Goethe's Hermann mag mancher Landwirt im Sommer zum wolkenschweren Gewitterhimmel mit den Worten ausschauen:Möge das drohende Wetter nicht etwa Schloßen uns bringen und heftigen Guß." Neben Schloße (bei Luther auch Schlose) steht die kurze Form Schlöffe, rote sie z. B. Schiller in der wunderbaren Schilderung in derBraut von Messina* anwendet:

Jene gewaltigen Wetterbäche,

Aus des Hagels unendlichen Schloffen,

Aus den Wolkenbrüchen zusantmengeflossen, Kommen finster gerauscht und geschossen, Reißen die Brücken und reißen die Dämme Donnernd mit fort im Wogengeschwemme, Nichts ist, das die Gewaltigen hemme.

Es ist eilt altes, urdeutsches, wenn auch int Althochdeutschen zufällig nicht belegtes Wort, das aber z. B. auch int Attengsischeil und Ältsriesischen verkommt; aber wenn auch sein Zusammenhang mitschließen" so gut wie sicher ist, so ist doch bte Bedeutungs­entwickelung nicht ganz klar, mau möchte beim bas Hagelkorn, die Schloße, als bie Vereinigung von Regentropfen auffassen, als Geschlossenes gegenüber dem weichen flockigen Schnee und dem wässerigen Regen". Neben schneeweiß, hagelweiß und schnee- hagelweiß gibt es auch ein Wort schloßweiß, also weis; wie Hagel- sclstoßen, aus dessen niederdeutscher Form slötewit, slbwit bie im Neuhochdeutschen geläufige Form schlohweiß entstauben zu (ein scheint. Andererseits lassen mundartliche Nebensormen, z. B. bremisch sluwit und so witt as en slu, vermuten, daß schlohweiß nichts anderes ist als oberdeutsches schlehweiß, das sich natürlich aus die Blüte des Schlehdorns bezieht^ während man sonst wohl mit den schwarzblauen Früchten, den Schlehen selbst, schöne dunkle Augen zu vergleichen pflegt.

Sprüche.

Alles Entdecken ist immer nur Wiederentdeckung verlorener Spur, Wenigstens was den Glauben bedeutet: Eine Glocke nur heimwärts läutet!

Eins, mein Sohn, wird stets das Rechte bleiben: Recht zu tun . . . Davon laß Nichts Dich treiben!

Sage, was braucht wohl jede Zeit? . . . Zeiterlösende Ewigkeit!

Wer erfreute sich des Lebens, Der in seine Tiefen blickt? . . . Aber Keiner hofft vergebens, Der den Blick zur Höhe schickt!

Bensheim. Karl E r n st K n o d t.

Preisrätsel.*)

(Citatenrätsei).

Nachdruck verboten.

Aus jedem der solgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Citat ergiebt:

1. O, ich bin klug und weise, Und mich betrügt man nicht.

2. Wohl dein! Selig muß ich ihn preisen, Der in der Stille der ländlichen Flur.

3. O süße Stimme! Vielwillkommner Ton Ter Muttersprach' in einem fremden Lande!

4. Selig durch die Liebe, Götter.....

5. Mein Leipzig lob' ich mir!

Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.

6. Dies Kind, kein Engel ist so rein.

7. Als ich noch im Flügellleide

In die Mädchenschule giug.

8. Die Hindus der Wüste gelobe», feine Fische zu essen. 9. Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein.

*) Lösungen sind mit AufschriftPreisrätsel-Lösung" versehen, innerhalb acht Tagen an die Redaktion bet Gießener Familien blätter" einzusenben.

Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer:

Es gab noch mehr der Zähren In dieser trüben Welt, Wenn nicht die Sterne wären Dort an dem Himmelszelt; Wenn sie nicht niederschauten In jeder klaren Nacht Und uns dabei vertrauten, , _ Daß Einer droben wacht. Martin Greis.

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Puch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.