1906
Mittetlole Mädchen.
Roman von H. Ehrhardt.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
War sie erst seine Braut, dann traute er sich auch die Macht zu, sie zu einer Uebersiedelung mit den Geschwistern nach Erkner auf seine Kosten zu bewegen. Er trennte sich nicht sechs Wochen von ihr, das stand bombenfest.
Sein Entschluß machte ihn ganz ausgelassen glücklich. Er dachte schon an allerlei Kleinigkeiten, die seine Verlobung mit sich bringen würde, daß er am besten seine Mutter noch heute telegraphisch hierher beordern wollte, damit etwaige Bedenken Ruths sofort vernichtet, der gute Ton in ihrem Sinne gewahrt wurde, er dachte an die ehrliche Freude seines alten Heinrich, an das verblüffte Gesicht Hans Günthers, der erst vor wenigen Tagen von einer längeren Studienreise nach Holland zurückgekehrt war und dem er Ruths Existenz noch immer verschwiegen hatte — er dachte auch an das spöttische Lächeln der schönen Lora, die in letzter Zeit große Stift bezeigt hatte, ihn an Stelle des fahnenflüchtigen Artilleristen wieder in Gnaden anfzunehmen.
Ein leises Unbehagen beschlich ihn bei dieser letzten Vorstellung, er fühlte, daß Ruth in diesem Punkte sich nie zu der leichtherzigen Auffassung anderer Frauen aufschwingen würde, daß sie erst sein Weib sein mußte, ehe er es wagen konnte, ihr solche Sünden zu beichten, weil sie dann eher Verständnis dafür haben, dem Reumütigen leichter verzeihen tvürde.
Und in Gedanken sah er sie in seinen Arm geschmiegt, sah ihr schönes dunkles Auge in frauenhaft gütigem Verzeihen auf sich ruhen. Es sollte bald sein, sie hatten ja auf nichts zu warten und Großstadt und reichliche Geldmittel schafften in wenigen Wochen ein der Geliebten würdiges Heim. Und zuerst würde er reisen mit ihr, wohin ihr Begehren sie zog, ob nach dem Norden oder dem Süden.
Ueberwältigt von seinen leidenschaftlichen Zukunftsträumen griff er verstohlen nach der Hcmd des neben ihm stehenden Mädchens und führte sie einen kurzen Moment an die heißen Lippen. Niemand hatte es gemerkt, aber Ruth stand wie gelähmt vor Schreck uno Seligkeit zugleich.
Kam es denn nun wirklich, das Glück, und trug sie auf tvcicher, schaukelnder Welle an das Gestade eines wunderbar schönen Landes, während weit hinter ihr das öde, unwirtliche Eiland der Not und des Schmerzes für immer versank?
Ihr schwindelte vor dem Uebermaß der Freude, die über sie hereinbrechen sollte-.
Ihr war's, als würde sie es nicht ertragen können. Menschen, die lange im Dunklen gestanden haben, scheuen das helle Licht. So ging es auch ihr. Sic fürchtete sich vor dem blendenden Licht und sie war bestrebt,. das Alleinsein mit dem geliebten Mann noch ein wenig hinauszuschieben.
Als die Gefährtinnen sich zum Aufbruch rüsteten, legte nach sie den Pinsel, den Willy Hammer ihr seit ein paar Minuten wieder überlassen hatte, beiseite und es war ein so angstvolles Flehen in dem BKck, den sie auf den Mann neben sich richtete, daß dieser von der stummen Bitte ge- rührt, im Gefühl der Sicherheit ihres Besitzes, nicht gegen ihr Fortgehen protestierte. Nur so lange wußte er sie noch aufzuhalten, daß sie schließlich als die letzten allein die Treppe hinabgingen.
Sie sprachen kein Wort, aber ihre Herzen zitterten sich entgegen.
Erst im Flur unten brach Willy Hammer das beklemmend süße Schweigen und sagte weich:
„Haben Sie noch ein wenig Zeit für mich, Ruth? Dann erfüllen Sie mir eine Bitte nnd fahren Sie ein Stück mit mir durch den Tiergarten. Sehen Sie", er öffnete vor ihr die Tür nnd wies mit einem freudigen Lächeln auf die Straße hinaus, „es ist unterdes schön geworden, gleich wird di« Sonne scheinen."
Durch Ruths Kopf wirbelten in einem einzigen Augenblick die verschiedensten Vorstellungen — der notwendige Gang zu Tietzheim, die schnell verworfene Vorstellung, daß er vielleicht unnötig war — die Erwägung, ob Suse bei dem veränderten Wetter doch noch nach Halensee fahren und schon mit dem Alittagesien warten würde.
Als sie nicht gleich antwortete, nahm der Mann ihr Schweigen als Zustimmung und winkte einem eben vorüberfahrenden Taxameter, der erfreut sein Rößlein zügelte, gerade in dem Moment, als dicht vor ihm ein junges Mädchen in Begleitung eines Knaben den Fahrdamm überschritt.
Es waren Suse und Walter Meridies, die nun erfreut auf die Schwester zueilten, wobei Suse schon von weitem rief:
„Es wird schön, Ruth! Famos, was? Nun fahr ich doch noch nach Halensee — ich bin extra hergelaufen, um Dir's zu sagen. Habe mir Walter als Garde mitgenommen. Nu komm aber fix, daß wir bald essen und beim Anziehen mußt Du mir auch helfen — meine rosa —"
Durch einen Blick der Schwester wurde sie erst jetzt darauf aufmerksam gemacht, daß Willy Hammer, der deg Wagens wegen sich etwas von Ruth entfernt hatte, zu ihr gehörte.
Aber Verlegenheit war ihr nicht eigen.


