Kameradschaftlich schüttelte sie dem berühmten Maler tie Hand und unterzog ihn dabei einer sehr gründlichen Musterung.
„Ruth ist doch zu komisch I" reflektierte sie im stillen, „sie hat nie davon gesprochen, daß er so gut aussieht."
Gut aussehen, das war bei Suse der Ausdruck, in den sie sehr viel bestechende Eigenschaften eines Mannes, wie Vornehmheit, Eleganz, tadellose Figur rc. zusammenfaßte.
Willy Hammer betrachtete seinerseits mit gemischten Empfindungen das bildhübsche kecke Gesichtchen seiner zukünftigen Schwägerin. So sehr es ihn sonst interessiert hätte, die Geschwister Ruths kennen zu lernen, heut wünschte er sie ins Pfefferland.
Um Ruths willen zwang er sich zur Liebenswürdigkeit.
„Sie freuen sich auch über das schön werdende Wetter, mein gnädiges Fräulein!" meinte er lächelnd, „ganz so wie ich — ja, ich hatte eben Ihr Fräulein Schivester zu einer Spazierfahrt verleiten wollen."
Unwillkürlich hafteten seine leidenschaftlichen Augen bei den letzten Worten auf Ruths tief erglühendem Gesicht.
„Ach!" bedauerte Suse, als echte Evastochter mit einem Schlage die Sachlage überschauend, „da kommen wir als rechte Störenfriede, ich hätte es Ruth so gegönnt, daß sie auch mal eine kleine Erholung —"
Ein beredter Blick der Schwester bannte ihre Zunge. Sie schwieg betroffen.
„So erlauben Sie mir doch wenigstens, Sie alle nach Haus zu bringen!" schlug der Maler vor, „der Taxameter wartet nun doch einmal —“
„Es geht nicht!" fiel Ruth hastig ein, „ich habe eine unaufschiebbare Besorgung — wirklich eine dringende," bekräftigte sie, da sie die Unmutsfalte auf der Stirn des geliebten Mannes hervortreten sah. In ihm regte sich der Trotz des verwöhnten Menschen.
„Nun gut, denn nicht!" sagte er schroff und wollte sich zum Gehen wenden, da faßte die impulsive Suse ihn lachend am Arm.
„Nehmen Sie uns wenigstens mit, Herr Hammer, Walter und mich, wir sind nicht mehr in einem Wagen gefahren, seit wir vor Jahr und Tag von Mutters Begräbnis kamen."
„Aber Suse!"
Ruth rief es ganz entsetzt. ■ Was mußte denn Willy Hammer von der jungen Schwester denken?
Aber dem hatte Suses natürliche Frische die gute Laune wiedergegeben.
„Sie sind überstimmt, Fräulein Ruth. Sie müssen nun auch mit, Die Besorgung können Sie doch sicher auch am Nachmittag erledigen."
„Natürlich, ehe Du zu Tante Hertzberg gehst."
Und nun nestelte sich auch Walter zärtlich an die große Schwester und sein blasses Gesicht, seine schönen, traurigen Augen unterstützten sein Bitten: „Jahr dorh mit uns, liebe Ruth!" aufs eindringlichste.
So gab sie lächelnd, halb kopfschüttelnd über ihre Schwäche nach.
Sie stiegen ein. In flottem Trabe gings durch die in der Mittagsstunde stark belebten Straßen. Die Sonne hatte sich durchgerungen und zerstreute in ihrer strahlenden Macht die Wolken, welche sich noch in das lichte Himmelsblau schoben.
Sie spiegelte sich wohlgefällig in den Pfützen der Straße, wandelte jeden Wassertropfen in einen funkelnden Diamanten, gab allen Dingen neuen Glanz, neue Farben und neue Schönheit.
Sie wob um Suses Kopf einen goldenen Heiligenschein und legte auf Ruths üppiges Haar einen bläulichen Metallschimmer.
Willy Hammer genoß den Anblick der beiden so verschiedenen schönen Schwestern mit dem Auge des Künstlers. Er vergaß darüber fast seine große Enttäuschung.
Immerhin betrachtete er Suse schon als zu sich gehörig und freute sich darüber, daß er auch noch mit der reizenden Schwäaerin brillieren würde. Die wurde vielleicht auch Hans
Günthers Ehescheu besiegen. Weil er sich ihr gegenüber unbefangener fühlte, widmete er sich ihr mehr als Ruth, für die es ihm schwer fiel, gleichgültige Worte zu finden. Seine innere Erregung machte sich in großer Lebhaftigkeit Luft. Suse, die in den Wagenkissen lehnte, als sei sie nie im Leben zu Fuß gegangen, gab ihm in ihrer heimlichen Freude auf den Nachmittag an Temperament nichts nach. Sie hatte tausenderlei zu fragen nach dem Leben der Sphäre, die ihr fremd und doch verwandt war.
Er erzählte fesselnd von Münchener Künstlerredouten, von sommerlichen Kostümfesten, zu denen die Münchener Künstler sich irgendwo auf dem Lande zu vereinen pflegten, von kleinen intimen Zusammenkünften in den Ateliers großer Meister, da die Wirte immer irgend eine poetische Ueber- raschung für ihre Gäste bereit hatten — er sprach von seiner Absicht, einmal nach München zurückzukehren, da Berlin zu nüchtern, zu prosaisch sei, für den unverheirateten Künstler besonders.
„Sie werden doch gewiß bald heiraten?" meinte Suse keck, ihn schalkhaft anblinzelnd.
Er lachte.
„Woraus schließen Sie das, mein gnädiges Fräulein?" „Nun, die Gondelei hier durch Berlin mit uns Dreien, das find ich so gemütlich, hausväterlich von Ihnen — das sieht so nach Familiensimpelei aus."
Willy Hammer warf einen Blick zu Ruth hinüber, die tat, als ob sie das unüberlegte Geplapper der jungen Schwester überhört habe, und sagte rasch und ernster, als die Situation es rechtfertigte:
„Ihr Scharfblick ist bewunderungswürdig — ich wage nichts mehr zu leugnen. Ich erlaube mir bereits jetzt, Sie int Namen meiner zukünftigen Frau zu einem exquisiten Diner mit künstlerischem Schick einzuladen."
Der Uebermul brach nun doch bei ihin durch. Er schüttelte über sich selbst lachend, den Kopf.
„Die Schecke geht wahrhaftig wieder ntal mit mir durch!" sagte er halb entschuldigend, „das ist, wenn Sonnenschein zu schnell auf Regen folgt. Fräulein Ruth wird ja allen Respekt vor deut strengen Meister verlieren."
„Wenn sie noch welchen hat!" warf diese neckend ein und in ihren schönen Augen blitzte ein Funke auf. Es war das Weib, das ihre Herrschaft über den Mann zu fühlen begann.
In demselben Moment war der Wagen vor ihrer Wohnung angelangt. Er hielt mit scharfem Ruck. Und während Suse leichtfüßig heraussprang, beugte Willy Hammer sich nahe zu Ruth hinüber und flüsterte heiß:
„An dem Respekt liegt dem Meister auch sehr wenig, Ruth."
Er konnte nicht weiter sprechen, denn schon hatte Suse sich umgewandt und wartete der Aussteigenden. Beinahe wäre sie herausgeplatzt:
„Ihr wollt Euch wohl im Wagen verheiraten!"
Aber zur rechten Zeit gab sie sich in Gedanken einen Klapps auf den vorlauten Mund. Daß er nicht genügend Wirkung erzielt, zeigte sich beim Abschiede, da sie nach einigen Dankesworten meinte:
„Schön wars ja, aber der Klapperkasten hätte noch Gummiräder haben müssen. Na, dafür tonnen Sie ja nischt, Herr Hammer."
Er verbeugte sich.
„Auch die Gummiräder verspreche ich Ihnen, sobald ich eine Frau habe."
Suse schüttelte ihm kardial die Rechte.
„Famos! Ich glaube, wir werden noch mal die besten Freunde, Meister!"
„Verzeihen Sie ihr!" bat Ruth, ihm die schmale Hand reichend, „sie ist noch der reine Kindskopf, gar nicht zum Ernst zu erziehen."
„Sie ist entzückend", gab er zurück, „aber dafür ist sie ja auch Ihre Schwester."
Sie entzog ihm rasch die Hand, die er sehr fest gedrückt hatte und weil sie auf seine Schmeichelei keine Antwort


