Ausgabe 
1.6.1906
 
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wußte, schob sie den jungen Bruder, der sich an ihren Arni gehängt hatte und verständnislos von einen, zum anderen sah, vor sich hin.

Bedanke Dich, Walter! Wir müssen gehen."

Der Knabe hob die leuchtenden dunklen Augen voll scheuer Ehrfurcht zu dem Manne empor, der sein junges Herz bereits im Sturm gewonnen hatte. Nie war man so heiter und ausgelassen geivesen, nie hatte die angebetete Schwester so glücklich dreingeseheu, wie auf dieser Spazier­fahrt. Das war des Malers Verdienst. Und deshalb liebte Walter ihn von Stund an.

(Fortsetzung folgt.)

Die Gewitterperiode im Mai 1906.

(Original-Art. d. Gieß. Fain.-Bl.)

Wie der ewige Wellengang des Meeres spielen sich Wind und Wetter in der Atmosphäre ab. Wie die einzelnen Jahreszeiten in steter Folge mit ihren charakteristischen Eigenschaften Vvrüber- ziehen, so wiederholen fich auch innerhalb des ganzen Jahres! kleinere Perioden, bald nasse oder trockene, bald warme oder kalte. Das Launische und Unberechenbare der Witterung un­seres mitteleuropäischen Klimas läßt bei näherer Betrachtung doch eben eine auffallende Gesetzmäßig­keit erkennen, die ihren Ausdruck findet in einer ausgeprägten Erhaltungstendenz der einmal bestehenden Witterung. Gerade der diesjährige Mai hat dies deutlich bewiesen durch seine Ge - Witterperiode vom 5. biß 16. Wer an der Hand der! Wetterkarten diese Erscheinungen verfolgte, konnte leicht erkennen, daß in den 11 Tagen, wo Gewitter auf Gewitter mit kürzeren Pausen über unserer Gegend anftraten, die Wetterlage mit nur geringen Aenderungen ihr Gesamtbild beibehielt: hoher Druck im Osten und Norden, niederer im Westen und Süden. Gerade im Frühjahr und Frühfommer sind die günstigsten Bedingungen! zur Gcwitterbildung gegeben, in der raschen, kräftigen Erwärmung des Bodens nnd der unteren Luftschichten durch! die höher steigende Sonne. Doch es ist einleuchtend, daß dies nicht die einzige Ur­sache sein kann, denn wir haben im Sommer oft lange Trocken­perioden, wo die Einstrahlung der Sonne bei andauernd heiterem Himmel noch bedeutend größer ist, und doch hält die gewittcrlose Trockenheit oft wochenlang an. Die zweite Ursache zur Bildung von Wärmegewittern ist vielmehr in der großen Kälte der Luft einige Kilometer über der Erdoberfläche zu suche», ,too der Luft­körper noch nicht Zeit hatte, fich vom Boden her zu erwärmen, und gerade erst im Mai seine größte Kälte erreicht. Die dem Boden direkt auflagernden Luftschichten dagegen erwärmen sich! unter der Frühlingssonne sehr rasch dnrch Wärmeleitung von. der Erdoberfläche. Es tritt mm der Fall ein, das; sich innerhalb weniger Kilometer in vertikaler Erhebung starke Temperatur­unterschiede herausbilden zwischen den unteren und oberen Luft­schichten. Nun sind die. Bedingungen zur Gewitterbildung ge­geben. Eine geringe Störung dieser Aufeinanderlagerung von kalter und warmer Last führt zu einem gewaltsamen Ausgleich: die unteren warmen Schichten brechen plötzlich in die kälteren ein und erzeugen unter Bildung schwerer, wasserreicher Wolkenmafsen starke elektrische Spannnngsnnterschiede, die sich wiederum in Ent­ladungen, in Blitzen ausglcichen. Der ganze Vorgang der Ge- witterbildung bezweckt also schließlich nur einen Ausgleich starker vertikaler Temperaturgegensätze. Niederschläge, Hagel und Regen sind Begleiterscheinungen des schon eingeleiteten Ausgleichs.

Das ist im großen das Bild der sommerlichen Störungen der Atmosphäre in der Nähe der Erdoberfläche. Doch nicht alle Einzelheiten der Gewitterbildung stellen sich so einfach dar; gerade die eigentliche Bildung der Gewitter, die elektrischen Spannungen, und vor allem des Hagels und der ost gewaltigen Wassermengen Bieten der Forschung Schwierigkeiten, und vieles daran ist nur in feinen Anfängen aufgeklärt.

Für die Voraussage der Gewitter bietet besonders , der Umstand große Schwierigkeiten, daß die eigentlichen Wärme- gewiter nicht überall über einem ganzen Gebiet auftreten, sondern! meist zerstreut; auch liegen nie die Verhältnisse so günstig, daß ein Gewitter für Stunde und Ort genau vvransgesehen werden könnte. Sie entstehen vielmehr ganz unvermittelt, nehmen einen willkürlichen Sauf und lösen sich in größerer oder geringerer Ent­fernung vom Entstehungsherd wieder auf. Die wissenschaftliche Wettervoraussage hat sich seither meist damit begnügt, darauf aufmerksam zu machen, daß bei 6er betreffenden WetterlageNeig­ung" zur Gewitterbildung Befteijt, denn die Gewitter entstehen nur bann, wenn in den allgemeinen Witterungsverhältnifsen etwa über Europa die günstigsten Bedingungen gegeben sind; dahin gehören vor allem schwache Lustdrncknnterschiede, schwacher Luft­transport in horinzontaler Richtung, der eine Uebereinauder!- lagernng ganz verschieden warmer Luftschichten zuläßt. Daher! tritt die größte Gewitterhäufigkeit dann ein, wenn int Frühling oder Frühsommer ein flaches Gebiet hohen Druckes von nur geringer Stärke über Mitteleuropa oder dem Osten lagert. Es herrscht bann heiteres, ruhiges, sehr warmes Wetter. llnb bald bilden sich bann am Tage am Süidrand des Hochdruckes zahl­

reiche Gewitter und schreiten von Sübwest nach Ost über unser Gebiet, hinweg, wie es int diesjährigen Mai der Fall war

Die Gewitterperiode wurde am Nachmittag des 4 Mai ein­geleitet durch ein ausgedehntes Frontgewitter, das aus süd­westlicher Richtung ziehend unser Gebiet durchquerte und in Rhein­hessen besonders dnrch starke Regenfälle stellenweise Ueberfchwemm- ungen verursachte. In Oberhessen brachte dieser Gewitterzug nur geringen Regen und zog meist im Südwest vorüber. Damit begann die Herrschaft der int Osten langsam vorrückenden Zone hohen Druckes. Nachdem am 5. Mai infolge der am Tag vorher nieder- gegnngenen Gewitter vorübergehend Abkühlung eingetreten, und noch leichte Niederschläge gefallen, flieg vom 6. Mai ab die Temperatur wieder rasch an und erreichte am 8. Mai ihren höchsten Stand. Es folgte zunächst heiteres, warmes Wetter, das nur von zahlreichen Gewittern aus südlicher bis westlicher Rich­tung unterbrochen wurde. Daß alle diese Gewitter lokaler, sekun­därer Natur waren, trat darin hervor, daß sich alle untertags erst bildeten, infolge der täglichen Erwärmung des Bodens, und der damit zusammenhängendeii Wolkenbilduug. In der Regel war an allen Tagen dieser Gewitterperiode nachts und morgens der Himmel heiter, bann bildeten sich mit Mittag mit steigender! Sonne dichte, schwere Haufenwolken, die sich schließlich zur Ge- witterbildnng zusammenzogen, um während der Nacht sich wieder aufzulösen. Als Ende der Gewitterperiode ist der 15. Mai an» zusehen. Nachdem schon in den vorhergehenden Tagen die Tempe­ratur allmählich unter dem Einfluß der allenthalben nieder­gehenden Gewitter gesunken, trat am 16. der endgiltige Witter­ungswechsel ein, indem eine Depression, die tags vorher über Südwestenropa erschienen, sich quer über Mitteleuropa lagerte. Damit setzte unter starker Abkühlung eine Periode regnerischer, meist trüber Witterung ein, die sich erst gegenwärtig ihrem Ende zuneigt.

Für die Voraussage lag die Gewitterperiode relativ günstig, infolge der in beit letzten zwei Jahren gewonnenen Ersahrnngs- sätze. Doch um bie Sicherheit gerabe der Gewitterprognosen noch zu vervollkommnen, sind die Einflüsse der Bodengestaltung unseres engeren Gebietes auf Bildung und Zug der Gewitter noch nicht hinreichend bekannt. Um das zu erreichen, müßte ein möglichst enges Netz von Gewitterbeobachtungsstationen existieren, nach deren Aufzeichnungen sich Bildung, Wanderung und Auf­lösung in allen Einzelheiten erforschen ließe. Das wird vielleicht in den nächsten Sommern erreicht werben.

Für die Fugend.

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