Ausgabe 
11.6.1906
 
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niernb am Boden wand, bereit, alles zu dulden, wenn der geliebte Mann nur noch einmal mit leidenschaftlichem For­dern vor sie hintreten würde, willig, ihm in völliger Hingebung in die Arme zu sinken, sobald er ihr diese Arme öffnete. Sie geißelte sich mit verletzender Selbstverachtung, mit schonungs­losen Verdammungsurteilen über ihre unwürdige Schwäche, ihr beschämendes Unterliegen, aber es ließ sich nicht weg­leugnen und nicht bezwingen: sie liebte ihn. Sie liebte ihn mit der alles verzeihenden, als duldenden Frauenliebe, die nichts will als das Glück des Geliebten. Und sie hatte in I seinen Augen gelesen, daß er ein Glück von ihr erhofft hatte, j Ein rasender Schinerz folterte sie in dein Gedanken, daß sie ihm doch Unrecht getan haben könnte. Wie immer, streng und ehrlich sich selbst gegenüber, gestand sie sich nach ernster Ueberlegiuig ein, daß sie ihn zu rasch verurteilt hatte. Man soll erst genau prüfen, ehe man verdammt. Aber die Tat­sachen tauchten vor ihr auf und sprachen gegen ihn mit er­drückenden Beivcisen. Und mit der Erinnerung an den leicht­sinnig spöttischen Blick der glücklichen Rivalin kam dann der alte Ekel wieder und mit ihm der Stolz und die Ver- achtnng. Sie rieb sich auf in diesem endlosen Kampfe zwischen Stolz und Liebe. In fieberhafter Arbeit suchte sie Betäubung.

Durch die Vermittelung der Geheimrätin hatte sie den ersten Privatauftrag, die Kopie eines alteii Familienporträts, I erhalten. Daran malte sie stundenlang, um durch körperliche Anstrengung den verzweifelten Gedanken zu entrinnen. Sie mußte auch Geld verdienen, das momentan nötiger bei ihnen war, als je.

Karl stand vor seinem Assessor-Exanien. Er hatte ge­schrieben, daß er Ende August nach Berlin kommen würde und daß er hoffte, bei den Geschwistern wohnen 311 können, um dadurch etwas Geld für notwendige Anschaffungen von Garderobe zil ersparen. Ohnehin hatte er für sein Examen noch ein Extradarlehen von der Geheimrätin erbitten müssen, daß jedoch kaum hinreichte, den dringendsten Forderungen der nächsten Zukunft zu genügen. Er ahnte im Grunde nicht, wie schwer die Geschwistern sich in Berlin durch das Leben käinpften.

Ruth hatte, um ihm die Flügel nicht zu lähmen, ihr durch eigenen Erwerb gesichertes Dasein stets in möglichst rosigen Farben gemalt, sodaß er keine Bedenken trug, sich für ein paar Wochen als Gast bei ihnen anzumelden. Es wäre Ruth entsetzlich gewesen, dem Bruder aus pekuniären Gründen die Gastfreundschaft zu versagen und sie setzte all ihre Kräfte daran, ihre Finanzen bis zu seinem Eintreffen möglichst günstig zu gestalten.

Die Sorge für Walter hatte ebenfalls die Geheimrätin übernommen.' Er reiste in wenigen Tagen nach Ahlbeck, wo er in einer gut empfohlenen, preiswerten Knabenpension Auf­nahmen gefunden.

Ruth hatte in diesem Punkte die Großmut der alten Tante nicht zurückweisen können, galt es doch die Gesundheit des ihr anvertrauten Bruders. Da wurde die Annahme diesesAlmosens' zur heiligen Pflicht. So sehr sie den jüngsten Bruder liebte, im stillen sehnte sie den Tag herbei, da die großen, ernsten Knabenaugen nicht mehr in stummer, banger Frage an ihrem blassen Gesicht hängen würden, da sie nicht mehr mit anhören mußte, mit welcher Begeisterung der vierzehnjährige von dem lustigen Herrn Hammer sprach, mit dem sie damals eine so herrliche Fahrt durch Berlin ge­macht hatten.

Der Eindruck war dem Knaben ein unauslöschlicher ge­wesen. Unbewußt hatte er wohl empfunden, daß in jener Stunde das Glück an ihm und den Seinen vorüber gestreift war ein flüchtiger Gast.

Daß es für immer von ihrer Schwelle geflohen war, das sagte nur Ruth sich im Schmerz der Gewißheit.

Suse hatte sich wohl ein bißchen gewundert, daßdie Bombe beim Abschied nicht geplatzt war", wie sie sich drastisch auszudrücken pflegte, aber sie kannte ja Ruths Zurückhaltung, die den Maun wohl noch ein Weilchen im Zaum halten tvürde.

Im übrigen maß sie sich selbst einen Teil der Schuld bei, da Ruths ernste, gedrückte Stimmung an jenem Morgen, die gleichwohl merken ließ, daß sie nicht dem Schmerz des Abschieds entsprang, Willy Hammer wohl kaum zu einer Er­klärung ermutigt haben mochte.

Und diese Stimmung wurzelte Suses Meinung nach in der schmerzlichen Entrüstung über ihren, Suses, unverzeihlichen Leichtsinn. Das junge Mädchen fühlte sich denn doch durch diese leidvolle Trauer, die Ruths ganzes Wesen jetzt wie ein melancholischer Hauch umfloß, im tiefsten Herzen erregt. Die trotzige Siegessicherheit, mit der sie ihre Rechte vertreten, ge­riet stark ins Wanken und daneben wuchs ein leises, nagen­des Scham- und Reuegefühl empor, gegen das sie sich ver­gebens wehrte.

Sie dachte vernünftiger und intensiver nach, jetzt, da sie ihre gährenden und unreifen Ideen in einem Moment des leidenschaftlichen Impulses in laute Worte gekleidet hatte.

Und je mehr sie ruhig überlegte, desto mehr drängte sich ihr die Haltlosigkeit ihrer Ansichten auf, die von der Allgemeinheit übernommen, den unaufhaltsamen Verfall von Moral und Sitte mit sich führen mußten. Auch die Stellung, die sie Trautendorf gegenüber behauptet hatte, schien ihr nun in in häßlichem Licht. Sie schämte sich all dessen, was sie ihm so oft über ihre Wünsche in betreff einer reichen Heirat gesagt, womit sie ihn grausam und bewußt so sehr gequält hatte. Und es war ihr auf einmal, als habe sie ihm die Treue gebrochen, als sei ihre Liebe herabgewürdigt mit den leichtfertigen Worten, die sie in jener Nacht dafür gehabt hatte.

In ihrer kleinlauten Gemütsverfassung, dem demütigen Schuldbewußtsein ihres leichtsinnigen Herzchens erstarkte die Liebe für Trautendorf zu einer Macht, die vorläufig den reichen Freier für die nächste Zeit sieghaft aus dem Felde schlug.

Alle Zukunftspläne wurden verworfen. Nur die Gegen­wart, nur die Liebe ihres Fritz war schön und beglückend. Eine starke Sehnsucht nach ihm begann sie zu sassen, daran anknüpfend ein förmlich erstickendes Wonnegefühl, mit dem sie in Gedanken den festen Druck seiner Umarmung, die Glut seiner Küsse, die immer gütige, zärtliche Nachsicht für ihre Torheiten empfand.

(Fortsetzung folgt.) ~

Are Bayerische Jululärrms-AusMung.

.Bon. P. O st e n. Nachdruck verboten.

Nürnberg, die berühmte Stätte altdeutscher Kunst und Kultur wird in diesem Sommer sicher eine ganz besonders große Zahl von Fremden auzuziehen. Bei der Beratung der großen Sommerreise kann die Bayerische Landesaus­stellung jetzt als besonderer Magnet der altdeutschen Stadt nicht unberücksichtigt bleiben. Das bekannte, ans allen Bahnhöfen angebrachte und viel bespöttelte Dreimänner- Plakat hat sich ja ziemlich nachhaltig dem Gedächtnis derer einqeprägt, die überall sein müssen, wo etwas los ist. In Wahrheit bietet aber Nürnberg, das in allen deutschen Gauen, ebenso wie im Auslande, als das eindrucksvollste Bild deutscher Vergangenheit bekaunt ist, eine vortreffliche Folie für eine Industrieausstellung, die den Geist der mo­dernen Neuzeit verkörpern will. Dieser bemerkenswerte Kon­trast bildet denn auch einen eigenartigen Reiz dieser Stadt und insbesondere ihrer Ausstellung.

Ist die Ausstellung sehenswert? Das ist die erste Frage, die ein alter Ausstellungsbummler zu beantworteu hat. Obwohl ich nun weit davon entfernt bin, eine bayerische Landesausstellung mit einer Pariser oder einer amerikani­schen Weltausstellung zu l . gleichen, so muß ich doch sagen, diese Nürnberger Ausstellung ist eine der schönsten und originellsten, die wir seit 10 Jahren zu sehen Gelegenheit hatten.Originell" ist ein sehr mißbrauchter Ausdruck. Aber ich finde keinen, der treffender wäre. Wenn man cm alle die großen Ausstellungen bet'- letzten Jahre zuruck- denkt, namentlich an die internationalen Ausstellungen, so findet man, daß überall das System herrschte, die Be­sucher zu blenden und zu überrumpeln. Es wurden ge-