1906
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Mittellose Mädchen.
Noman von H. E h r Hard t.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Eine förmliche Wut fraß an seinem so jäh aus süßen Träumen geweckten Herzen.
„Sie sind so anders als sonst, Fräulein Ruth!" Er konnte seinerseits die Bitterkeit, die ihn verzehrte, nicht unterdrücken, „haben Sie Launen?"
Sie maß ihn mit einem hochmütigen Blick, der ihm die Röte ohnmächtigen Zorns ins Antlitz trieb.
„Ich bin, wie ich immer war", gab sie knapp zurück, „ich habe eingesehen, daß diese letzten Wochen ein Irrtum waren und ich kehre nur zu meinem alten vertrauten Ich zurück. Es ist das beste für mich."
Er biß sich auf die Lippen. Deutlicher konnte sie ihm ja gar nicht sagen, daß sie sich beide getäuscht hatten, sie, indem sie ihn zu lieben meinte, er, da er sich ihrer Liebe sicher wähnte. Ein Helles Auflachen kam aus seiner Kehle, in dem der wehe HerzenSton verklang. Er verbeugte sich spöttisch.
„Sie haben nicht nur das Zeug zu einer großen Malerin, Sie wären auch eine vorzügliche Schauspielerin geworden, Fräulein Meridies!" sagte er mit Hohn, während sein Herz qualvoll zuckte und vergebens gegen den Zauber ihrer Erscheinung rang, „man kann Ihnen zu Ihrer Vielseitigkeit nur gratulieren."
Ruth drohte ihre Fassung zu verlieren. Sie kämpfte bereits gegen aufquellende Tränen. Sollte sie ihm die Wahrheit ins Gesicht schleudern, auf seinen beleidigenden Hohn ihre ganze Verachtung? Ihr verletzter Frauenstolz drängte dazu, -aber derselbe Stolz gebot ihr, zu schweigen. Mit ihrer Verachtung zugleich gab sie ja auch ihre Liebe preis und von der durfte er nie erfahren. Lieber mochte er sie der Koketterie und Treulosigkeit anklagen, als daß sie ihm diesen Triumph gönnen würde.
Sie zwang sich zu einer schlagfertigen Antwort.
„Ich habe eben in jeder Weise Ihnen nachgecifert, MeisterI" meinte sie, eines Lächelns fähig, das sein letztes schwaches Hoffen zerstörte.
Gegen ehrlichen Zorn oder trotziges Schmollen hätte er mutig und zuversichtlich den Kampf begonnen, vor dieser lächelnden Gleichgültigkeit streckte er die Waffen. Er war nicht der Mann zu betteln, wo er genau wußte, daß er nichts zu hoffen hatte. Deshalb schien ihm auch ein Alleinsein mit Ruth zwecklos. Bei jeder anderen hätte er an eine Sinnesänderung geglaubt, hätte sich zugetraut, ihre Liebe zu
erringen, dieser Natur gegenüber kam ihm das gar nicht in den Sinn.
Mit dem ersten Blick, den sie ihm heute geschenkt, wurde ihm schon die Gewißheit, daß sie ih>n verloren war — es hätte bei einer Ruth nicht eines Wortes mehr bedurft, ihn davon zu überzeugen.
„So leben Sie denn wohl, Fräulein Ruth l" sagte er, seine innere Bewegung meisternd, „das Bild lasse ich heute noch durch meinen Diener in die Ausstellung besorgen, wo ich alles nötige bereits geordnet habe. Ich wünsche Ihnen einen guten Erfolg dafür — und darf ich sagen „Auf Wiedersehen ?"
Er sprach es aus und wußte doch ganz gut, daß es kein Wiedersehen für sie geben würde. Und er widersprach nicht, als sie abgewandt sagte:
„Leider nicht, Meister. Meine Verhältnisse gestatten mir nicht, die Stunden bei Ihnen fortzusetzen. Haben Sie Dank für alles."
Nun durfte er doch noch einmal die schmale, Spuren harter Arbeit tragende Hand umfassen — ehe sie es hindern konnte, hatte er seine Lippen darauf gedrückt. Kein Wort brachte er mehr hervor.
Und als er an Fräulein Rieiner hcrantrat, sich von ihr zu verabschieden, klang seine Stimme fremd und heiser.
Seine Haltung war nachlässiger noch als sonst, da er zur Tür schritt, Ruths Auge, groß und starr, haftete wie gebannt auf ihm. Ihre weiß gewordenen Lippen bewegten sich. Sollte sie ihn zurückrufen?
Aber er liebte sie ja nicht. Noch gestern abend hatte er wohl mit der blonden Lora heiße Abschiedsküsse getauscht.
Sic schloß die Augen und preßte die Lippen fest zusammen.
Da klappte die Tür.
Ec war gegangen.
12.
In eintönigem Gleichmaß verrannen die nächsten Tage. Ein dumpfes Verwundern kam Ruth Meridies zuweilen, daß sie an jenem Mittag, da ihres Lebens Sonne für immer gesunken war, nicht den Verstand verloren hatte oder in ein schweres Nervenstebcr verfallen war, wie das doch in Romanen den Helden und Heldinnen so oft passiert und womit ihnen barmherzig eine lange Zeit bewußten Leidens erspart wird. Ihr ersparte das Schicksal nichts, keine Stunde der langsam schleichenden Tage und Nächte, da ihr fieberndes Hirn beständig arbeitete, sich auflehnend gegen die Grarisamkeit dieses Todcsstreiches und doch nicht fähig, ihrer getäuschten Liebe Herr zu werden.
Sie hatte Stunden, da ihr Stolz sich bettelnd und jain-


