Ausgabe 
27.8.1904
 
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wehr zur Ablieferung seiner Waffe und führte ihn, trotz allen Schimpfens und Fluchens nach dem Gemeinde­kotter ad.

Herr von Höchjstfeld schäumte vor Wüt, da aber sein Begleiter fein Wort Deutsch zu verstehen schien, so war es ihm absolut unmöglich, sich verständlich zu machen.

Höchstfeld auf Dolina!" schrie der Major in höchster Erregung und überzeugt, daß der dumme Kerl bei Nenn­ung dieser beiden, ihm doch sicherlich bekannten Namen, auf seinen Irrtum kommen müsse. Der Waldhüter nickte indes nur höhnisch,, als ob er sagen wollte: Also auch drüben hast Du gewildert. Tu Lump! und trieb ihn rücksichtslos vorwärts.

Zähneknirschend ergab sich der Major in sein Schicksal und ging vor dem, mit schußbereiter Waffe hinter ihm Daherschreitenden dem Dorfe Stepenaze zu.

Von den ersten Häusern an schloß sich ihnen ein immer mehr und mehr mrwachsender Troß an. Die Kinder, die sich an dem seltsamen Schauspiel ganz besonders ergötzten, riesen ihm eine ganze Blütenlese der wunderbarsten Kose­namen zu, und da er diese glücklicherweise nicht verstand, und deshalb daraus auch nicht reagierte, so taten sie noch ein übriges und bewarfen ihn unter Gejohle und Ge- qretsche mit Straßen schmutz und Lehmkugeln. Seiner Sinne kaum mehr mächtig, rief Herr von Höchstfeld in den nachf- drängenden Haufen:

Ihr verfluchten Schurken, kennt Ihr mich denn nicht? So sagt doch diesem Ochsen, wer ich bin!" '

(Fortsetzung folgt.)

Aus dem Schwarzwalde.

(Nachdruck verboten.)

Wie wohlig streckt cs sich in dem schmalen Bett, das in einem Zimmerchen steht, zu dessen Fenstern herein Berggipfel grüßen und würzige Tannenlust weht. Äh, man weiß, daß einem hier nichts int Frühlingsschlummer stört, kein Pfeifen die Träume zerreißt, kein teppichklopfender Küchendragoner die sanften, für die Stimmung des ganzen Tages bedeutungsvollen Dämmerungs- zustände des Halbschlummers mit schrlllen Disharmonien ver­nichtet. Man freut sich darauf, daß der Waldbach draußen noch rauschen wird, wie er es am Abend tat, als er uns in den Schlaf sang, daß eine Amsel uns ihr Morgenlied zwitschern wird oder Zn Fink, und daß wir vielleicht die Herdenglocken läuten hören.

Das Walddörfchen liegt int Schwarzwald, das ich ausgesucht habe, um jene tiefe, wohltuende Nervenrast zu halten, die uns Städtern so nötig ist wie das liebe Brot. Ich schlummerte gegen Mstternacht mit den angenehmsten Erwartungen ein. Da plötz­lich reißt mich ein donnerndes Getöse aus einem der entzückendsten Träume, die mir je beschert gewesen. Ich fahre empor. Das Morgenlicht ringt noch mit den Mächten der Finsternis. Fahl lugen die bewaldeten Höhen durch die Fensteröffnungen. Was be­deutet, das? Stürzt da draußen ein Berg zusammen? Oder introdnziert sich solchermaßen ein Schwarzwaldgewitter? Aber mein fruchtloses Grübeln wird durch einen zweiten Schlag unter­brochen. Nun springe ich aus den Federn und stecke den Kopf durchs Fenster. .Was ist denn da blos los?" frage ich.Dösch isch ei Grüsch vom Herrn Schwarz aus Freiburg!" sagt vergnügt eine Stimme über.mir, und wie ich aufschaue, sehe ich in das lustige Antlitz meines Tischgenvssen vom gestrigen Abend, das unter einer mächtigen Zipfelmütze austaucht. Er hat nämlich eine Glatze wie der Exerzierplatz groß. .Was für ein Schwarz?" frage ich gedankenlos, aber verdrießlich.Der das Pulver er- funde hat!" entgegnet der Schalk. .Sie schieße nämlich, die lustige Bube!" Und .auf weitere Erkundigung erfahre ich, daß heuer der Grundstein zu einer neuen Kirche gelegt werden soll, was man offenbar nicht ohne Mitwirkung von Kanonen für denkbar hält. Seufzend ergebe ich mich in mein Schicksal. Mst der er­sehnten Ruhe war es eben nichts für heute. Denn die Buben schossen weiter, als wäre ihrem Landesvater ein Prinz geboren, und die Berge gaben den Schall verstärkt zurück. Es war ein heidenmäßig christliches Vergnügen, das mich schließlich zum Früh­aufsteher machte und aus dem Dorf in die Berge trieb. Morgen war ja auch noch ein Tag, an dem ich über den verunglückten Ruhebeginn von heute sicherlich Herzhast lachen würde. Und so wanderte ich durch die prächtigen Edeltannenwälder, an Keinen, hier trotz des regenarmen Sommers lustig weiterplätschernden Quellen vorüber, unbekannten Bergkuppen entgegen. Von ver­streuten Wallnußbäumen lockten die grünen Früchte, sodaß ich nicht widerstehen konnte und lange Finger machte. Es sah mich ja niemand in dieser himmlischen Waldeinsamkeit- Aber der Ried- tnattbauer, hei dem ich gegen Msttag Einkehr hielt, erfuhr es doch. Von meinen Fingern nämlich, die sich schön gebräunt hatten, als solle ich ein Zigeuner werden, und sie müßten den Anfang dazu machen.So müscht's immer gechn, win eins lange Fingerle ma.cht!" sagte..er schmunzelnd und brachte mir zum Willkommen

das traditionelle Gastmahl: Brot mit leicht mit Knobloch eingerie­benem Krenspeck und Kirschwasser. .Es hieße den Bauer belei­digen, wollte man nicht zulangen. Außerdem schmeckt es delikat, nämlich das Kirschwasser. .Alkohol soll ich ja nach Möglichkeit meiden. Und der kristallklare Willkommstrunk füllte ein respek­tables Wasserglas. .Nachher führte mich der Bauer durch sein prächtiges Besitztum, das Haus mit dem weitausladenden Dach und den braunen Galerien um Giebel und Längsseüe, die Scheune, die über den Wohnräumen liegt, aber durch Einbau des Hauses in die Berglehne doch mit Pferd und Wagen zu erreichen ist, die Ställe, in denen das saubere Vieh steht, allerdings ohne die harmonischen Glöcklein, und die Brennerei, in der er sich seinen Bedarf anKirfchgeischt" selber herstellt. Dieses Kirschwasser des Schwarzwaldes ist eine höchst kräftige Nummer und hat mit dem Sherry Brandy der Engländer nichts gemein. Es erinnert am meisten an den Slibowitz oder Pflaumenschnaps, den wir törichter- weife den Czechen in Massen abkaufen. .Man follte stast desserr dem Kirschwasser des Schwarzwälders mehr Raum gönnen, soweit man dem nichtsnutzigen, manchmal aber doch recht willkontmenen Alkohol nicht ganz und gar die Tür verschließen will. Die halbwilden Kirschbäume, aus deren Früchten der Bauer hier dieses Wasser" brennt, stehen in manchen Teilen des Schwarzwaldes in großen Mengen und müssen.zur Blütezeit im Mai zwischen dem lichtgrünen Laub der Buchen und dem dunsten Tannengrün ein eigenartig schönes Bild hervorzaubern.

Ehe ich Abschied nahm vont Riedmattbauern, .lernte ich auch sein Töchterlein kennen, eine gesunde Zwanzigerin mit schelmisch- braunen Augen und rotglühenden Wangen. Das Haar trug sie in einem Nest am Hinterkopf befestigt. .Ihr Weißes Brusttuch zeigte eine höchst farbenfreudige Blumenkante. Ach, aber auch sie konnte mir den Estauben an die Wahrheitsliebe Freiligraths nicht toiebe« geben, der mir schon vorher arg in die Brüche gegangen war.

Und ihr, im Schmuck der langen Zöpfe, Ihr Schwarzwaldmädchen braun und schlank"

hatte es mir im Sinn gelegen, als ich hereingefahren war in diest grüne Herrlichkeit. Aber die Schlankheit habe ich bisher ver­geblich gesucht. Sie haben alle einen stattlichen Hüstumfang, der unsere Begriffe von Schlankheit weit übersteigt, diese Schwarz­waldschönheiten. .Ist das nun in dem halben Jahrhundert, seit­dem Freiligrath das Lied gedichtet, so sehr anders geworden? . . . Ich stellte die gleiche Frage abends an meinen Tischgenossen, der die Lösung des Rätsels wieder mit überraschender Schlagfertigkeit zu tage förderte.Die Schlanke sind ehe damals alle übersch Meer gefahre!" erklärte der schalkhafte Schwob und blinzelte mich so fröhlich dabei an, daß ich mitlachen Mußte. Recht hat er. Es sind jaAuswanderer", bte der Dichter schildert. Aber es ist doch schade, daß nicht ein paar Schlanke wenigstens daheim geblieben sind damals !" ... A. R.

Die Wohltaten der Mkterien.

Die großen Entdeckungen über den ungeheuren Einfluß einer großen Zahl von Batterien auf die Uebertragung von Krankheiten haben die ganze Sippe dieser Kleinwesen derart in Mißkredit ge­bracht, datz die meisten Menschen gar nicht mehr glauben wollen, daß man überhaupt etwas Gutes über die Batterien sagen könnte. Das ist nun ein dicker Irrtum, denn man tarnt auf der andern Seite sogar nachweisen, daß die Bakterien für viele Dinge, die zu unserer Lebensführung .und zum Lebensgenuß gehören, durchaus unentbehrlich sind. Man kann sogar die Frage aufwerfen, ob unser Leben ohne Batterien überhaupt denkbar wäre. Diese Auffassung ist noch nie in so ernster Weise hervorgehoben worden, wie durch die Forschungen von Dr. Charrin, der in einer der Pariser Aka- nentie der Wissenfchasten eingereichten Arbeit nachgewiesen hat. daß erwachsene Tiere in einer völlig batterienfreien Luft und bei batterrensreier Ernährung.in ihrer Lebensfähigkeit erheblich be­einträchtigt werden. r, . , ..

Der Forscher hielt eine größere Zahl von Meerschwemchen, bte die gleiche Menge von Nahrung erhielten. Alle Nahrungsstoffe waren durch Erhitzung von Batterien befreit. Die eine Gruppe von Tieren bekam sie in diesem sterilisierten Zustand zu fressen, während sie für die übrigen Tiere erst noch mit Staub bestreut, also sicher wieder mit Bakterien verunreinigt würben. Es stellte sich heraus, daß die mit sterilem Futter versehenen Tiere nach einem Zeitraum von 3 bis 5 Wochen stzrben. Wenn eines der Mecrschtveinchen, wie es in wenigen Fällen geschah, auch bei der gewöhnlichen Ernährung früher' starb, so ließ sich immer nach- weisett, daF besonders giftige Bakterien in dem der Nahrung hinzugefügten Staub enthalten gewesen waren. Die Sektion ergab, daß die steril -gefütterten Tiere Darmentzündungen unb Gallen- störungen erlitten Hatten. E» ist zum Verständnis dieser Tatsachen zu berücksichtigen, .daß in den Eingeweiden aller lebenden Wesen immer lebende Batterien vorhanden sind, die aber wegen der Berührung mit verschiedenen chemisch ungünstig wirkenden Stoffen ein schweres Dasein haben. Sie würden daher bald gattz ver­schwinden, wenn der Mensch und die Tiere nicht immer mit ihrer Nahrung aufs neue Batterien aufnähmen. In der Tat haben die bakteriologischen Untersuchungen gezeigt, daß im Darm der steril gefütterten nnd daran gestorbenen Meerschweinchen überhaupt keine Bakterien mehr vorhanden waren.