Ausgabe 
31.12.1904
 
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Unterwegs fragte sie wie beiläufig:Kennen Sie Herrn Main Werring schon länger?"

Hab' ihn mein Lebtag nicht gesehen, als hier an Bord. Als ich zuerst seinen Namen hörte, meinte ich, er gehörte zu Ihrer Familie, erfuhr aber bald, daß das nicht der Fall wäre."

Einen Augenblick später saldierte sie die ihr borgelegte Liste und fand schnell, was sie suchte. Schon die erste Seite zeigte ihr in der bekannten Handschrift des Sekretärs den Namen:

Harold Stott Mainivaring."

(Fortsetzung folgt.)

Plaudereien aus der KaiserstadL.

(Nachdruck verboten.)

su Tannenbaum, o Taimenbaum. Kein Feuer, keine Kohle. Komm herab, o Madonna ... Trunten im Unterland. Es kann ja nicht immer so bleiben.

In das Lied vom Tannenbaum mit den treuen Blättern konnte diesmal mancher Familienvater nur mit gemischten Gefühlen ein­stimmen, weil ihm seine Erfahrungen auf dem Gebiete des Christ­baumhandels böse mitgespielt haben. In den Vorjahren konnte inan nämlich, wenn man die in Berlin sogar einst vom Oberbürger­meister gepflegte Tugend des Wartens zu üben verstand, seinen Christbaum für ein Spottgeld erstehen. Am heiligen Albend schlugen die Händler, die sich mit Tannen allzu reichlich versehen hatten, zu jedem Preise los und triumphierend rückte das Haupt der Familie mit entern Pracht-Exemplar in die Wohnung ein, das am Tage zuvor noch ans 34 Mark bewertet wurde und ihm heute für ein Trittel der Summe überlassen worden !var. Tie Parole der ganz Klugen hieß also auch diesmal: Warten! Und sie warteten und rieben sich heinilich die Hände, wenn sie hörten, daß der Flur­nachbar für einen Elendsstaken von Tanne zwei Mark bezahlt hatte, für den fie beim Kehraus noch keine fünfzig Pfennig bieten würden.Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt!" sagt Wilhelm Busch. Und es kam anders. Berlin hatte nämlich in biefent Winter eine viel geringere Ein­fuhr an Christbäumen als sonst. Allein auf dem Platz hinterm Großgörschenbahnhof waren ca. 150 Lowries weniger angekommen als tut Vorjahre, und so geschah es, daß der grüne Markt diesmal überraschend schnell geräumt war und am heiligen Wend die Preise für den kargen Restbestand plötzlich verblüffend in die Höhe gingen. Tie kläglichsten Exemplare, die sonst verächtlich beiseite geschoben oder verschenkt wurden, kamen zu Ehren und fanden ihre Liebhaber, und die klugen Spekulanten, die so für halbe und Trittelpreise schwärmten, mußten stöhnend verdoppelnd und verdreifachen, um noch eines der nicht nur zur Sommerszeit grünenden Bäumchen zu erwischen, wobei die vergnügten Händler übrigens noch viel mehrgegrient" haben sollen als ihre Ware! Und mancher überschlaue Zauderer konnte überhaupt nicht mehr in den Besitz des weihnachtlichen Hauptrequisits ge­langen und kehrte grollend zu den heimischen Penaten zurück, eilt in seiner Weisheit blamierter, im Ansehen tief gesunkener Mann, dem das Lied vom Tannenbaum fortan schmerzliche Be­trachtungen wecken wird.

Natürlich sind auch unter bett biesjährigen Weihnachtsbäumen jene Gefühle, denenkein Feuer, keine Kohle" an Brennhitze gleich kommt, reichlich durch sunkelnde Verlobungsringe legiti­miert worden, aber um es offen einzugestehen, an diese, junge Mädchenherzen höher klopfen lassenden Geschehnisse dachte ich pro­saischer Mensch gar nicht, als ich den Liedanfang niederschrieb. Ich dachte vielmehr an die kalten Backöfen, in beiten sonst die knus­perigen Berliner Semmelchen und Knüppel Gestalt und Farbe gewinnen. Der Polizeipräsident hatte für die Bäckergesellen eine Freinacht" verfugt und so kam es, daß am zweiten Feiertag in ganz Berlin, Hotels und Krankenhäuser nicht ausgenommen, kein frisches Gebäck zu haben war (Ein U e b e l st a n d, der auch in Gießen von sehr vielen stets recht schmerzlich em­pfunden wird. Es sind doch wahrlich nicht alle Menschen Knchcn- essir, vielmehr verschmähen, ja verabscheuen sogar nicht wenige alles Festtagegebäck, das bett Magen auf Monate hinaus zu ver­renken pflegt. Also täten wahrlich auch Gießener Bäcker gut, alle Feste ebenso ihr Gebäck zu liefern wie an anderen Tagen. D. Red. t>. Gieß. Anz.) Nur in wenigen Bezirken, wo die Meister mit freiwilligen Helfern" den Betrieb aufrecht erhielten, wurde für bett nötigsten Bedarf gesorgt; doch versuchten auch hier die Innun­gen, durch Benachrichtigung der Polizei Hindernisse zu fchaffen. Ta man sonst in der Weltstadt gewöhnt ist, täglich dreimal frische Backwaren kaufen zu können, gehörte diese polizei­liche Beschränkung wahrlich nicht zu den angenehmsten Weihnachts­bescherungen, und es wäre bedauerlich, wenn sich eineFreinacht" für die geplagten Teigkneter nicht auch unter Aufrechterhaltung des Betriebes ermöglichen ließe. Es brauchen doch nicht alle auf einmal zu feiern. Müssen doch auch Postboten, Schaffner, Lokomotivführer und viele andere in dieser Nacht ihren

Dienst tun und sich durch eine spätere Ruhezeit dafür entschädigen lassen!

Noch in manchen anderen Dingen sind die Forderungen der Polizei nicht gerade glücklich zn nennen. Da entstehen z. B. in den Vororten Häuser mit vier Etagen und einem Dachgeschoß, alles solide und dauerhaft gebaut; breite Eingänge, bequeme Treppen bis obenhin, znm Ueberslnß ein sicher konstruierter Fahrstuhl, auch bis ins Dachgeschoß, das der Bauherr wie eine Etage aus­gebaut und zu Ateliers eingerichtet hat. Der Plan ist seinerzeit genehmigt worden, die Ateliers sind fertig und sie werden auch vermietet. Aber die Freude dauert nicht lange. Eines schönen Abends sieht der Schutzmann Licht hinter den großen Ateliers- senstern nnd gleich darauf steht er auch schon oben vor bet er­schrockenen Malerin, die sich dort niedergelassen hat. Es ist nicht erlaubt, diese Räume zu bewohnen! Sie müssen ausziehen!" Ja, warum?"Baiipolizeiverordnung, Paragraph so und so!Aber sch stöhne doch hier angenehmer und auch vor Feuers- gesahr weit geschützter als in meinem alten Atelier im Norden, wo ich schmale, steile Treppen und keinen Fahrstuhl hatte." Ter Schutzmann zuckt die Achseln. Er hat die Paragraphen auch nicht geschaffen.Komm herab, o Madonna Theresa", klingt's wie eine Illustration zu dieser Szene von der Straße herauf, vielleicht ans den gespitzten Lippen eines Schusterjungen. Tas arme Malweibchen muß ziehen! Eine merkwürdige Fürsorge, muß man sich sagen, wenn man sich beeilt, und deut pfeifenden Bengel folgt, um zu sehen wo i h mseine Tage wie die Quelle rasst los hin" fließen. Und da kommen wir vielleicht in eine jener Souterrain-Wohnungen, die mit ihrer ewigen Dämmerung, ihrer feuchten, stockigen Luft ihrer Enge und Niedrigkeit die wahren Schlupfwinkel für alle die heimtückischen kleinen Feinde des mensch­lichen Organismus sind, die unsere Forscher nach mühsamemKampse endlich unternt Mikroskopgestellt" haben. Eine ganze Familie von fünf nnd mehr Köpfen muß hier Haufen; der Mann betreibt feilt Gewerbe darin; der Küchendunst tut ein übriges; hier ist viel­mehr Gefahr für ein Menschenleben als oben in der luftigen, gut gebauten Maler-Mansarde. Und doch schafft hier noch immer kein Paragraph Wandel! Jst's drunten int Unterland halt gar so schön? fragt wehmütig der Menschenfreund, der an dem Elend vorübergeht. Aber das neue Jahr steht vor der Türe. Vielleicht ist es das so oft und so heiß ersehnte, das uns endlich alle die Wünsche Erfüllt, die uns das Herz bewegen! Vielleicht ent­thront es doch einmal den braven heiligen Schablonimus, der (eine Prokrusteskünste nicht nur in den Schreibstuben der Obrigkeit übt, sondern auch in tausend Kontoren und Werkstätten regiert, uns im Eisenbahnkonps nnd Straßenbahnwagen begleitet und bei allen Gedankenlosen Triumphe feiert.

Es kann ja nicht immer so bleiben hier unter dem wechselnden Mond!" Und so wollen wir denn für das kommende Jahr das beste hoffen, lieber Leser, und uns mit dem alten fröhlichen Zuruf trennen, wenn auch er allerdings etwas von der Schablone an sich hat:Prosit Ne ujahr!" . A. R.

Hlene Wiicher.

Rillen, Tr. Wilh., Neues mediz. Fremdwörterbuch f. Heil­gehilfen, Krankenpfleger. Schwestern rc. (66 S.) Leipzig, Krüger & Co. 1.20 Mk. m ,

We b er, Tr. G., Die Verhütung des frühen Alterns. Mittel und Wege zur Verlängerung des Lebens. (IV, 91 S.) Ebenda. 1.50 Mk.

Gje ms-Selm er, Agot, Tie Toktorsfamilie im hohen Norden. Ein Buch für die Jugend. Einzig autoris. ließet?, von Fr. Marco. (158 S. m. e. Umschlagzeichnung von Willh Schwarz.) München, Tr. I. Marchlewski & Co. geb. 2 Mk.

Umstellrätsel.

Nachdruck verboten.

Es sollen sieben Wörter gefunden werben von der unter a angegebenen Bedeutung. Von jedem dieser Wörter ist durch Um- stellung der Buchstaben ein anderes Hauptwort zu bilden von der Bedeutung unter b. Sind die richtigen Wörter gesunden, so be­zeichnen die Anfangsbuchstaben der Wörter unter b ein europäisches Gewässer.

a. b.

1. Gefäß

2. Gebäck.

8. Türkischer Titel,

4. Insekt.

5. Nutzgewächs.

6. Biblischer Name.

7. Gewand.

Zeichen.

Schlange.

Teil des Gedichts.

weibliches Wesen.

Land in Asien.

Insel int Miftelmeer.

Fluß in Spanien.

Auslösung in nächster Nummer.

Auslosung des magischen Quadrats in vor. Nr.: MORD OPER REUE DREI

Redaktion: Paul Witt ko. Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'scheu UnivMsitätZ-Buch- und Steindtuckerei, N. Lange, Gießen.