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(Nachdruck verboten.)
Wlla Jalconieri.
Bon Richard Voß.
Zweiter Band.
(Fortsetzung.)
Nichtig, und die Villa Falconieri. . .
Was ich von ihren Bewohnern weiß, erzählte mir meine Kammerfrau. Weine Quelle ist also gerade kein silberheller Maldbach.
Ter schöne Landsitz gehört der Prinzessin Lancellotti, die sich rings um Frascati eine kleine römische Provinz zusammengekauft hat. Sie ist eine vortreffliche. Regentin. Tenn die Tame ist nicht nur die liebenswürdigste, sondern auch die gebildetste und klügste von uns römischen Fürst- innen. Von ihren drei Frascataner Villen hat sie haushälterisch zwei vermietet: die berühmte Tusculana an die Propaganda, und die traumhaft phantastische Falconieri an einen Sonderling.
Erinnerst Tu Tich eines Grafen Cola Campana?
Ich meine den Dichter Campana!
Im Kloster schwärmten wir für seine in unser Heiligtum eingeschmuggelten, weltschmerzlichen Poesien ä la Byron und Leopardi. Wir lernten die schwermütigen, pompösen Strophen heimlich auswendig, berauschten uns an der pathetischen Pracht ihrer Sprache, deklamierten sie im Klostergarten, versteckten das Bändchen Gedichte tagsüber in unseren Gebetbüchern, nachts unter unseren Kopfkissen, schrieben den Namen Cola mit Blut, welches wir uns mühsam aus dem aufgeritzten Finger drückten, auf rosa Papier und verwahrten das Blatt am Herzen. Wir träumten von den ekstatischen Naturschilderungen, den glühenden Liebesgedichten — erlebten sie. . .
So verrückt!
Und von allen Tollen war die kleine Viviane die tollste.
Ans Caprice vermutlich.
Ist das nicht merkwürdig? Taß ich einstmals allen Einstes sür »etwas schwärmen konnte — wenn auch nur aus Laune. Wie das klingt: „Einstmals!" Und es ist grade volle sechs Jahre her. Noch so jung zu sein und sich schon so alt zu fühlen, so morsch wie entnervt. In Frankreich nennt man, was ich meine und vielleicht nicht ausdrücken kann: „morbide".
Es bezeichnet eine geistige Blässe unseres Jahrhunderts.
Ich hatte meine entsetzlich jugendliche Schwärmerei für einen neuen Dichter des uralten Weltschmerzes bereits lange vergessen, hatte des Grafen Cola Campana nie wieder gedacht, wußte kaum noch, daß ein solcher Manu „einstmals" einer der gefeiertsten Poeten Italiens gewesen war.
Tenke doch! Dieser nämliche Graf Cola Campana, das Ideal unserer unschuldigen glücklichen verrückten Jugendzeit ist in der Villa Falconieri. mein Nachbar.
Jetzt fällt mir ein: schon damals galt der poetische Gras sür einen sonderbaren Schwärmer; und schon damals hörten wir im Kloster allerlei über ihn flüstern. Wie gierig wir Kleinen lauschten, ward einmal von einer der „Großen" sein Name geannnt. Waren es wohl Frauen- geschichten?
Bitte, hilf meinem miserablen Gedächtnis.
Richtig! Man erzählte uns schon damals, daß der Säuger der düsteren schwermütigen „Nächte", der Rolle eines literarischen Salonlöwen wahrscheinlich überdrüssig, mutterseelenallein in einem alten Märchenschlosse hause.
Tas war also die Villa Falconieri!
Warum haust er dort?
„Cherchez la femme —" natürlich!
Tcnn dieser Pessimist, Menschenfeind und was er sonst noch sein mag, scheint sich dort oben ganz vergnüglich ein» genistc«- zu haben. Eine schöne Freundin teilt — wie meine etwas schlammige Quelle mir berichtet — des gräflichen Poeten „Einsamkeit" unter den berühmten Steineichen der Villa.
„O madame! On parle d'une trös gründe Passion."
Und meine romantische Pariserin — denn bisweilen können auch moderne Kammerfrauen romantisch sein -- verdrehte voller Entzücken die Augen.
Eine große Leidenschaft. . .
Findest Tu nicht, daß die Phrase einen eigentümlichen Klang hat, wenn es auch nur eine Phrase ist?
Eine große Leidenschaft. . .
Es rauscht und braust, stürmt und tost in den Worten.
Eine große Leidenschaft. . .
Ein Alpengipfel steigt vor Dir auf, ein Abgrund öffnet sich zn Tcinen Füßen. Es jubelt Tich an in den Lauten, es schluchzt darin. Es ist Himmel und Hölle, es ist qualvolles Leben und glückseliger Tod. Es ist alles — alles!
Wie Tn siehst, machte die Redensart von der großen Leidenschaft auf mich Eindruck. Tenn bist Tu schon einmal in Teinem Leben einer großen Leidenschaft begegnet, einer wahrhaft großen?
Ich nicht.
Es muß eigentümlich sein, ganz eigentümlich.
Dieser edle Graf Cola Campana mit allen seinen mehr oder minder herrlichen Poesien, mit meiner ganzen einstmaligen verrückten Backfischschwärmerei für ihn, würde mich jetzt nicht das mindeste kümmern, wenn er seine „große Leidenschaft" nicht hätte. Ich denke viel darüber nach; und je mehr ich darüber nachdenke, umsoweniger verstehe ich die Sache. Und je weniger ich sie verstehe, um so erregter und nervöser macht es mich. Es mutz etwas Wunderbares darum fein. Ich möchte es für mein Leben gern kennen lernen — natürlich nur durch einen andern; denn es an sich selbst zu erfahren, das müßte sein —.


