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Tina, Tina! Es müßte sein, als käme ein Gestorbener aus dem Grabe zu Tir.
Ich werde sentimental. . . Pfui!
Alle Sentimentalität ist geschmacklos, und jede Geschmacklosigkeit ist häßlich. Und damit wäre ich für mich yei dem Ende aller Tinge angelangt.
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Stelle Dir vor: der Mann mit der großen Leidenschaft ist ein alter Herr! Tenn mit fünfundvierztg Jahren ist der Mensch doch alt. Wenigstens muß er sich alt fühlen, uralt. Und dann noch immer eine große Leidenschaft haben. Tas ist einfach lächerlich.
Und — es ist unästhetisch!
Woher ich das Alter des Grafen so genau weiß? Nicht durch meine romantische Kammerfrau; sondern aus einer etwas sichereren Quelle, dem Konversationslexikon. Ich entdeckte es zu meinem großen Erstaunen in der Bibliothek und bin ordentlich stolz darauf, daß wir so gebildet sind, ein Konversationslexikon zu bestzen . . . Graf Cola Campana ist im Jahre 1847 in Mailand geboren, hat sehr jung mit seinen Dramen die italienische Bühne geradezu beherrscht, ist sehr bald vom Repertoire vollständig verschwunden, ist seit beinahe zwanzig Jahren in der Literatur verschollen, von der Welt vergessen, in Melancholie, Einsamkeit und kranken Nerven untergegangen.
Es klingt schwermütig, nicht wahr?
Im Konversationslexikon steht von der famosen großen Leidenschaft natürlich nichts zu lesen. Mir scheint das eine Wort alles zu sagen, alles zu erklären.
Wir Frauen sind eben viel weiser, als ein Konser- vationslexikon.
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Madame Charme, meine zürnende, strafende, alles verstehende, alles vergebende Madame Charme: ich habe über unsere „göttliche Welteinrichtung" so viele lästerliche Gedanken. Sie ist — wie so viel anderes auf Erden — im Grunde genommen nichts als eine Komödie, obenein eine herzlich schlechte Komödie; denn man kann dabei nicht einmal lachen.
Aber zum Lachen--ist folgender Spaß:
In vierzehn Tagen ist Ostern, und heute hat sich der Prinz von Camaldoli zu den Mönchen begeben, um im Kloster seine alljährliche Pönitenz zu tun. Ist das nicht eine köstliche Boufsonuerie? In Camaldoli — es liegt eine halbe Stunde von hier, den Berg hinauf, unter dem Kreuz von Tusculum — lebt der Prinz volle zwei Wochen in ftrenger Klausur. Er betet, fastet, büßt. Er betet, fastet und büßt alle seine Sünden ab, um sich alsdann mit einer Seele, so weiß wie eine meiner Lilien, in die Arme einer Dame der Welt oder Halbwelt zu stürzen. IN den verschiedensten schönen Armen bleibt mott cher mari ein volles Jahr, bis auf der Welt wieder Oftertr wird und die große jährliche Gewissenswäsche von neuem beginnt.
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Tu mußt noch einmal etwas über den Mann mit der „großen Leidenschaft" in der Villa Falconieri hören.
Seine Freundin wird hier allgemein einfach nur „Ma- dama" genannt. Ihr Name ist Maria. Sie soll einmal ein Wunder von Schönheit gewesen sein. Bevor sie „Ma- dama" wurde, war sie eine Signora. Ihr Mann hatte die Tenuta der Villa Falconieri gepachtet und lebte mit seiner wunderschönen Maria seelenvergnügt inmitten seiner Oel- wälder und Weinberge.
Da kam der menschenscheue gräfliche Poet, mietete den Palast, faßte für die wunderschöne Maria die famose große Leidenschaft und nahm die Tarne ihrem Manne fort. Es gab nicht einmal einen Totschlag dabei. Nur Geld kostete die Sache, sehr viel Geld. Doch Geld besaß der dichtende Graf so viel wie ehemals Ruhm. Zuerst wollte der Mann der schönen Maria allerdings nach seinem Tolchmesser fassen; zum Glück erinnerte er sich jedoch rechtzeitig, daß er Italiener wäre, ließ sein Dolchmesser vorsichtig in der Scheide und steckte das gräfliche Geld in die Tasche. Ter Mann verschwand aus der Falconieri; die Frau blieb, und — es blieb die große Leidenschaft.
Habe ich Dir die Geschichte von dem edlen Grafen und der wunderschönen Maria nicht hübsch erzählt? Sie klingt beinahe wie eine alte Romanze; der Refrain lautet:
„Und es blieb die große Leidenschaft."
Gestern war ich in der Villa Falconieri, das heißt im Park. Das ist eine köstliche Wildnis! Ganz allein war ich
dort, sogar ohne meine perfekte Kammerfrau, ein Mangel an Schicklichkeit, den die schäbigste Frascataueriu einfach shocking finden würde. Ich sah nur einen Urwald von Bäumen, Büschen, Blüten, hörte nur einen Chor von Nachtigallen. Aber von der wunderschönen Maria, vulgo Madama, sah und hörte ich nichts, ebensowenig von unserem einstmals angeschwärmten Poeten.
Und das ist gewiß recht gut; denn die wunderschöne Maria wird alt und garstig geworden sein, und der berühmte Dichter alt und fett — was noch viel abscheulicher ist.
Bei der Billa ist ein Teich unter Cypressen.
Ich saß lange am Rande, schaute in das schwarze Wasser, wo ich mein schneeweißes Spiegelbild wie eine himmlische Erscheinung erblickte. Dazu rauschte in den alten Totenbäumen der Wind wie Sphärenmusik.
Ich hätte immer so dasitzen mögen, in das stille, dunkle Wasser schauen und auf das Rauschen in den Cypressen- wipfeln lauschen.
Es ist so recht der Ort, um auszuruhen. *
Heute entdeckte ich, daß gleich hinter unserer Pinienwiese ein grünes Pförtlein direkt in die Oliveta der Villa Falconieri führt. Das Pförtlein ist verschlossen; aber der Gärtner hat den Schlüssel, wie mir die Kammerfrau verriet. Siuen Schlüssel hat auch der Gärtner von der Falconieri.
Tas grüne Pförtlein paßt demnach gut in einen kleinen sehr intimen Roman. Schade um die. schöne Gelegenheit, die ich mir entgehen lassen muß. In dem Roman meines Lebens weiß ich mit einem Pförtlein- nichts anzufangen.
Morgen gehen meine sechsundzwanzig manvefarbenen Blätter au Tich ab, meine geliebte Reizende! Und jetzt drücke ich meine weißen weichen Wangen an Tein stolzes kühles Gesicht und sage Dir gute Nacht; denn es ist spät geworden, vielmehr bereits früh.
Ja, liebste Seelsorgerin, ich will es Dir nur bekennen: ich habe wieder schlechte, schlechte Nächte! Weder Morphium noch Sulfonal helfen Deinem armen Beichtrinde mehr. Nichts hilft mir! Nichts hilft mir, als des Nachts stundenlang, stundenlang umherzuwandern, bis ich zu Tode ermattet hinsinke.
Uebrigens bin ich hier nicht der einzige Mensch, der nicht schlafen kann . . . Wenn ich. in einem Delirium von fiebernder Erschöpfung mein Fenster ausreiße, so sehe ich dicht über mir einen Stern schweben.
Es ist jedoch kein holdes Himmelslicht; sondern die Petroleumlatnpe des verschollenen Poeten in der Villa Falconieri.
Der Mann muß auch schlechte, schlechte Nächte haben; denn Nacht für Nacht glüht über mir der große Funken.
Erst luenn der Morgen graut, erlischt er.
Ob die beiden einsamen Flammen sich wohl verstehen würden, wenn sie zueinander sprechen könnten?
Schwerlich!,
Gewiß gar nicht!
Aber dem Schlaflosen dort oben muß gegen seine schlechten Nächte auch nichts mehr helfen können. Nicht einmal die Arme der wunderschönen Maria, die er einem anderen Manne fortnahm; nicht einmal feine famose „große Leidenschaft".
Tu siehst, in dem einen sind wir beide Leidensgefährten: Seine wunderliebliche, nixenhafte, unverbesserlich weltliche, unaussprechlich melancholische Viviane, und der alt und fett gewordene Sänger der Schwermut.
Wir armen Schlaflosen!
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Fort Uind fort höre ich es in mir brausen und fluten und stürmen: „eine große Leidenschaft, eine große Leidenschaft!"
Tie Phrase hat sich in meine Seele gefressen.
Ein Königreich für eine große Leidenschaft, die Welt für eine große Leidenschaft, das Leben, die Seligkeit!
Man muß sie nur fühlen können, Heilte, dumme Viviane. *
Villa Taverna-Borghese, 15. März.
Tu verschwendest Deine Sorge um mich schimmerndes, schillerndes, ruschliges'Eidechslein, liebe Barmherzige. Ich sterbe ganz gewiß nicht an der Schwindsucht! Mein Blutspeien bedeutet nichts als eine neue Nuance aus der unendlichen Skala weiblicher Koketterien oder Raffinements — wenn Tu es durchaus so nennen willst. Das Leben ist viel zu häßlich; und ich bin viel zu reizend, um eines so


