Ausgabe 
1.2.1904
 
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unschönen Todes, wie Schwindsucht ist, überhaupt sterben zu können. Dieses schauderhaft häßliche Leben ist mir ein himmlisch schönes Sterben schuldig. Ich weiß noch nicht recht, welche Todesart es sein wird. Wer ich finde es gewiß; und dann

Der Prinz ließ sich in Camaldoli in die Zelle sperren, die König Hakob III. von England bewohnte. Aus diesem frommen historischen Gemach schreibt er mir täglich ein zärtliches Gattenbillet. Demnach müssen die Episteln, die er täglich durch seinen Kammerdiener an feine römische Freundin expedieren läßt, höchst zerknirscht und moralisch sein.

Ich lebe hier, als ob ich seit jeher hier gelebt und von der Welt niemals etwas anderes erblickt hätte als dieses tragische Landschaftsbild der römischen Campagna, durch die finsteren Wölbungen der Steineichenwipsel ge­sehen. Tas sind Kontraste! Diese große Natur und meine winzige Seele . . . Findest Du es nicht auch merkwürdig, daß ich hier vor Langeweile noch nicht umkomme?

Stelle Dir vor: abends besuchen mich bisweilen einige gute Landpastoren mich! Ist das nicht zu komisch? Ihre schwarzen, sehr würdigen Gewänder und meine schim­mernden, fließenden, leider sehr weltlichen Draperien! Sie werden mit Limonade und Kuchen gefüttert; und ich unter­halte sie nach der alten, guten Lebensregel:Mit den Wölfen muß man heulen".

Ich wollte. Tu hörtest einmal Deine kleine, raffi­nierte Lebenskünstlerin mit den geistlichen Herren Kon­versation machen. Ich schwatze über Frascataner Wein und Olivenöl wie ein wohlhabender Frascataner Bauer; über die demnächst erfolgenden heiligen Schauspiele der Sepolcri und der Fronleichnamsprozession, sowie über die sündhaft hohen Steuern einer unchristlich römischen Re­gierung wie ein schwerbedrückter kinderreicher Familien­vater, und über den sensationellen, hier in Frascati statt- gesundenen Skandal der armen Herzogin M..... wie

ein gutmütiger Pharisäer, der den Stein aufhebt, aber schließlich damit nicht wirft.

Tu siehst, ich bin vielseitig.

Natürlich beschwatzen wir auch die Leute von der Villa Falconieri; doch kommt dabei nicht viel heraus. Die wunder­schöne interessante Madama ist eben in Gottes Namen Madama". Meine frommen Gäste können es auch nicht ändern:Come si fa?" Und der Tichtergraf. . . Was für ein Mann das ist:Chi lo sa?" Die Hirten von Tusculum und Kohlenbrenner von Rocca-di-papa lieben ihn; die Mönche von Camaldoli und der Rufinella halten ihn für keinen besonders guten Christen, aber doch für einenbuon uomo"; seine Ticnstleute betrügen und be­stehlen ihn nicht; die Vogeljäger hassen ihn, und die übrige Frascataner Menschheit kümmert sich nicht um ihn. Das ist alles.

Auch meine trübe kammerfrauliche Quelle ist erschöpft. Also muß ich wohl oder übel mich selbst zu orientieren suchen; denn ich habe mich nun einmal kapriziert, auf die beiden Leutlein in der Villa Falconieri neugierig zu sein.

(Fortsetzung folgt.)

Ker Iom zu Wctzkar.

Skizze von M. Ploch.

(Nachdruck verboten.)

Aus der alten Reichsstadt Wetzlar kommt die bedauer­liche Künde, daß der dortige Tom eines der eigen­artigsten Bauwerke Deutschlands mehr und mehr zu zerfallen drohe. Eine sichere Aussicht, dem Verderben wirk­sam Einhalt gebieten zu können, liegt noch in weiter Ferne. Tie zu diesem Zwecke erforderliche Summe von ein und einer halben Million konnte bis jetzt, trotz der Opferwillig­keit der dortigen Bevölkerung und verschiedener Kunst­liebhaber, sowie auch einer nicht unbeträchtlichen Unter­stützung von feiten des preußischen Staates nicht annähernd aufgebracbt werden. Eine für die allernächste Zeit er­strebte, nach größerem Maßstabe geplante Tombaulotterie rst durch; die staatliche Gewährung einer solchen für Trier um Jahre hinausgeschoben worden. Auch nach Erlangung der genannten Summe würde es sich selbst­verständlicherweise nur um eine Ausbesserung umfassender Art7 unter möglichster Wahrung der jetzigen Form handeln und keineswegs um einen eigentlichen Neubau.

Man möchte ihn ja aber auch gar nicht anders wünschetf. den alten, mißgestalteten Gesellen dort oben aus seinem Felsen im Lahntale. So wie er ist, soll er da stehen bleiben, der Stadt als Wahrzeichen, dem Geschichis- und Kunstforscher eine nie versiegende Quelle der Belehrung, dem Träumer und Naturschwärmer zur Freude und An­regung. Dazu aber, daß er ihnen allen nicht endgiltia verloren gehe, sollte ein Jeder das ©eine beitragen und dürste ein jeglicher Versuch gerechtfertigt erscheinen, in weiteren Kreisen erhöhtes Interesse für das in Rede stehende in mehr als einer Beziehung ungemein der Beachtung werte Baudenkmal zu erwecken.

Seine Geschichte ist besonders im Laufe früherer Jahrhunderte mit derjenigen der Stadt Wetzlar eng verwachsen, der einen wie der anderen Anfänge in tiefstes Dunkel gehüllt. Chroniken erwähnen der Ansiedelung zum erstcrimalc int Jahre 943 unter dem Namen Wittlara, ge­legentlich eines längeren Aufenthaltes Kaiser Otto des Ersten in ihren Mauern. Einer sagenhaften Ueberlieserung zufolge stand einst an Stelle des jetzigen Tomes ein heid­nischer Tempel, der später wohl nm 748 durch eine, angeblich von den Grasen des Lahngaues erbaute Kölle- gial-Stiftskirche. wbgelöst worden sein soll. Um sie herum und durch ihre Einwirkung mag sich wohl wie ja nach^- weisbar so oft an anderen Orten die spätere Stadt gebildet haben. Ter heute noch erhaltene älteste Teil des Toms eine romanische Dvppelturmanlage mit Zwischen- bau entstammt jedoch erst einem späteren Neuban. Dieser war, Urkunden nach, int Jahre 1157 vollendet. Mit der Erhebung Wetzlars zur Stadt ward wieder ein Umbau geplant und ztt Attfattg des dreizehnten Jahrhunderts aus­geführt. Mau ließ bei ihm nur die Facade die oben erwähnte Toppelturmanlage stehen nnd baute «tt sie anschließend ein neues Lang- und Kreuzhaus, denen man in ihren unteren Teilen spätramonische Formen gab. Schon in frühgotischem Stile schuf man dagegen indem man nach damaligem Brauche dem jeweiligen Geschmacke der Bauperiode beim Fortschreiten eines Baues folgte bett Chor, im Oberbau und in den Gewölben, sowie die oberen Teile des südlichen Kreuz- und Langhausschiffes. Portal und Fenster, die zu letzterem gehören, erinnern in ihrer reinen, wenn auch noch nicht gleich hoch entwickelten Gotik an die entsprechenden Teile der vielgerühmten Elisa- bethenkirche zu Marburg. Höchstwahrscheinlicherweise haben sie bereit Erbauer a ls Vorbild gedient, jedenfalls sind sie als eine der frühesten Ausführungen der Gotik in Deutschland zu betrachten.

Nach einer anzuuehmenden Pause in der Bautätig­keit ging man dann wohl um 1274 zur Hochgotik über. Tiefer gehören der Oberbau der Langhausuordseite und die Fenster des nördlichen Kreuzarmes an. Ungefähr in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, unter der Regierung Kaiser Ludwigs von Bayern, kam für Wetzlar die Zeit seiner höchsten Blüte als Stadt, und sofort regte sich, als Folge davon, die Baulust wieder. Eine ganz neue, prächtige, gotische Toppelturmanlage mit Zwischenbau, be­gann sich nun zu erheben, die man fast unmittelbar vor die bisher noch immer als Facade dienende, öfter schon erwähnte, frühromanische hinstellte. Es geschah dies mit der unverkennbaren Absicht, die letztere nach der Vollendung der ersteren niederzureißen und, über, die Stätte des Ab­bruches weg, durch Verlängerung des Langhauses um zwei Joche, dessen Anschluß an die neue Facade zu erreichen.

Dieser großartig angelegte, die Leistungsfähigkeit von Stadt und Stift wohl von Anfang an übersteigende Bau ward aber nur sehr langsam gefördert. Auch geriet die Stadt durch ihre Machtstellung in Fehden aller Art. Tie Mittel zum Bau fingen an, spärlicher zu fließen, obwohl zu ihrer Erlangung weit genug gegriffen ward. So gingen zu diesem Zwecke, wie erwiesen, im Jahre 1423 mehrere der angesehensten Bürger Wetzlars mit vom Papste eigens ausgestellten Ablaßzetteln durch einen großen Teil des Deutschen Reiches hausieren. Als nun aber Wetzlar im Jahre' 1547 die Reformation aunahm, erstarb- die Lust am Bau vollends. Ter Nordturm, kaum zu einem Viertel der geplanten Höhe aufgeführt, blieb nun ganz liegen, Er ist heute vollständig zur Ruine geworden. Wilder Epheu dringt aus seinen Spalten und rankt sich um ihn, während seinem oberen, teilweise zerbröckelten Rande reiches grünes Buschwerk entsproßt. Dieser Schmuck verleiht ihm, im Verein mit seiner mattrötlichen Färbung ein selten