Ausgabe 
1.2.1904
 
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malerisches Ausehen. Ter Südturm dagegen wuroe um 1540 bis zur Plattform vollendet. Statt der Spitze erhielt er aber nur einen schiefergedeckten Helm und, nachdem dieser im Jahre 1561 einem Brande nun Opfer gefallen war, ein noch heute erhaltenes, in orei immer kleiner werdenden Absätzen aufsteigendes, niedriges Krondach. Durch dieses, sowie einen ziemlich stillosen Dachreiter und mehrere sich häßliäi herabsenkende Pultdächer wird das unleugbar groreske Aussehen des ganzen Bauwerks noch wesentlich erhöht. In der Ausschmückung des unvollendet gebliebenen Turmbaues zeigen sich übereinander die verschiedenen Phasen der Gothik in interessantester Weise. Doch macht grabe dieser Teil des Gebäudes eben seiner unver­kennbar großartigen Anlage wegen in seinem jetzigen Zustande durchaus keinen erhebenden Eindruck. Tenn sein zierliches, stark vom Zahne der Zeit benagtes Maßwerk, seine aufs reichste angebrachten Konsolen und Baldachinen, die jedoch meist der zu ihnen gehörenden Figuren beraubt iud, solche vielleicht auch niemals besessen haben cheinen von "dem großen Wollen der Menschen und ihrem zeringen Können zu sprechen. Betritt man dagegen den Mappen, ungedeckten Zwischenraum, der diese Turmanlage von der hinter ihr aufragenden, frühronrarrtischen trennt, so fühlt man sich, beim Anblick der letzteren, die fast ein Jahrtausend über allen Stürmen getrotzt hat, von ehr­furchtsvoller Stimmung ergriffen. Fast möchte man sich versucht fühlen, ihrem schwärzlichen Gemäuer ein viel höheres Alter, als das ihm von sachverständigen Forschern zugestandene, zuzuschreiben. Frühere, hinter der heutigen an kunstgeschichtlichem Wissen zurückstehende Generationen haben dieser Empfindung Ausdruck verliehen, indem sie den! alten Baue die BezeichmmgHeidenturm" beilegten, die er auch heute noch im Bolksmunde führt. Ta er ziem­lich roh aus einem Gefüge von Gußmauerwerk, die Hoch­gotik der unvollendeten Turmanlage dagegen in der .Haupt­sache aus rötlichem Sandsteine ausgeführt ist, die spät- romanischen und frühgotischen Teile des Tomes. endlich aus bläulichem Tonschiefer bestehen, so bietet bet dieser einzigartigen Kirche neben der auch dem Laien leicht erkennbaren Ablösung der Stilarten auch der mit ihr verbundene Wechsel des Materials das größte Interesse. Eine weitere Eigentümlichkeit: daß das ziemlich schmuck­lose Innere zwei Konfessionen Obdach gewährt, indem das Langhaus dem evangelischen, der, seinerzeit zum ausschließ­lichen^ Gebrauche der Domherren von ihm durch eine Wand getrennte, Chor dem katholischen Gottesdienste geweiht ist, teilt sie mit manchem anderen kirchlichen Bauwerke.

Der Besucher des alten Domes sollte nicht versäumen, sich zum Schlüsse noch von dessen Wirkung im Stadt- und Lcnidschaftsdbilde zu überzeugen und zu diesem Zwecke eine der Wetzlar auf drei Seiten umrahmenden bnsch- und turm- gekrönten Höhen besteigen. Ta thront er, der altehrwürdige Koloß, auf seinem erhabenen, vom Silberbande der Lahn umschlungenen Standpunkte, alle die übrigen zahllosen, ihn gleichsam umdrängenden Gebäude der Stadt in imposanter Meise überragend, gleich ihnen im glänzend grauen Schiefergewaude. Wie eine riesenhafte Vogelmutter will er erscheinen, auf deren Lockruf hin die Jungen aus den zahlreichen, von da und dort her sich öffnenden Seiten­tälern herbeigestürzt kommen und sich nun schutzsuchend um sie scharen. So beherrschend steht er im Bilde, daß es in der Tat erstaunen muß, wenn Wetzlars berühmtester Gast,einer der klügsten Köpfe", wie sich sein Zeitgenosse, der Wetzlarer Geschichtsschreiber Freiherr v. Ulmenstein aus­drückt,der große Goethe", wie die Nachwelt sagt feiner nicht mit einer Silbe in feinen Schriften erwähnt. Und doch hat gerade er Stadt und Gegend für alle Zeit ge­weiht, indem er sie nickt nur einem feiner eigenen, in Dichtung und Wahrheit erzählten Herzenserlebnisse, son­dern auch den Gestalten seines Werthers als hell von der Sonne seines Genius durchleuchteten Hintergrund verlieh. Möglich, daß er, dessen Erinnerung zurzeit seines Wetzlarer Aufenthaltes noch ganz von den tadellosen Formen des Straßburger Münsters erfüllt war, für das seltsame alte Gebäude nur hier und da ein keineswegs bewunderndes Kopfschütteln gehabt hat. Wahrscheinlich' sogar, wenn man sich verstellt, wie sehr dieses zu jener Zeit noch ohnehin durch mehrere ihm angeheftete Pfrofanbauten unter ihnen ein Machthaus verunstaltet gewesen sein mag.

Abgesehen von dieser letzten ungeheuerlichen Geschmack­

losigkeit, bestätigt auch ein Einblick in verschiedene, dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts entstammende, die Stadt Metzlar betreffende Schriften wieder einmal die Erfahrung, daß die damals lebenden Generationen derartigen alten Baudenkmälern nur wenig Sinn und Verständnis entgegen» brachten. Durch die traurigsten politischen Verhältnrsse in ihren vaterländischen Gefühlen gelähmt, vermochten sie diese als Zeugen der Leiden, Freuden und Bestrebungen ihrer Vorfahren durch Jahrhunderte hindurch^ weder zu er» kennen, noch zu würdigen. Uns an deren beredter Sprache zu erheben und zu erbauen, glauben wir Deutschen von heute, mit Hilfe der seitdem so glücklich veränderten Lage unteres Vaterlandes, und des infolge davon in uns neu erstandenen und erstarkten nationalen Bewußtseins, endlich gelernt zu haben. Daß es sich wirklich so verhält, möge recht bald die völlige Wiederherstellung des Tomes zu Metzlar bezeugen!

LZtertarLscheK.

Süddeutsche Monatshefte unter Mitwirk­ung von Paul Nikolaus Coßmann, Josef Hofmiller, Paul Marsop, Friedrich Naumann, Hans Pfitzner, Hans Thoma, herausgegeben von Wilhelm Weigand. Tas 2. (Februar-) Heft der neuen Zeitschrift wird eröffnet durch die neueste Arbeit von Pfarrer a. D. Tr. Nauman«, eine in Italien geschriebene Studie über den politischen Katholizismus mit besonderer Berücksichtigung der deutschen Zentrumspartei. Verwandte Probleme behandelt von einem anderen Standpunkt aus Tr. Josef Hofmiller in einem Aufsatz über bett katholischen Theologen Alban Stolz und dessen Tagebücher. Zwei Autoren, die in ihrem Fache als erste Autoritäten längst bekannt sind, bis jetzt aber noch nie für einen weiteren Leserkreis geschrieben haben, sind der General der Jus. z. T. Wilhelm von Scherff und der Ueberjetzer der Reden Buddhas Tr. Karl Eugen Neu­mann; Scherff führt die Leser der Monatshefte in die Kriegswisfenschaft ein, Naumann in den Buddhismus. Allen Frauen, die Mutter sind, nicht minder Männern, die att städtischer Verwaltung beteiligt sind, ist die Lektüre des ganz populär gehaltenen Aufsatzes über H ygiene der Milchver sorgung" zu empfehlen, den Professor von Soxhlet beigesteuert hat. Ter Kunstteil bringt außer einer Würdigung des eben zugänglich gewor­denen vollständigen Materials zur Kenntnis Anselm Feuer­bachs durch Wilhelm Weigand; eineausgezeichnet infor­mierte Seite" läßt sich über den soeben in Weimar ge­schlossenen Künstler bund, die Vereinigung aller Sezessionen vernehmen, über die mancherlei Widersprechen­des in die Oeffentlichkeit gedrungen ist; Max Reger, einer der umstrittensten unter den lebenden Komponisten, schreibt über Hugo Wolfs Nachlaß einen Aufsatz, in dem er sich vieles vom Herzen redet. Bon der das Heft beschließenden prächtig humorvollen ErzählungTer heilige Hies" braucht nur gesagt zu werden, daß Tr. Ludwig Thoma,.der Peter Schlemihl desSimplieissimus", ihr Verfasser ist. Ter Abvnnementspreis (12 Mk. für den Jahrgang) i)t geringer als der irgend einer anderen großen Monats­schrift. Bestellungen nehmen alle Buchhandlungen entgegen.

Auflösung des Wortspieles in vor. Nr.:

a. Kreta, Name, Eros, Tonne, Leim, Save, Selma, Helm, b. Kater, Amen, Rose, Roten, Emil, Vase, Amsel, Lehm. - Karneval.

Zahlenrätsel.

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Verkehrseinrichtung

Fluß in Europa

Teil des Gesichts

Spielzeug

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Redaktion-. Angust Götz. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitütS-BnL- und Steindruckerei. R. Lanae. Gießen.