NW

MS

(Nachdruck verboten.)

Iröhtingsftürme.

Roman von Paul Oskar Höcker.

(Fortsetzung.)

Ich wäre natürlich äußerst dankbar. Mer zuvor ein schüchternes Geständnis. Meine russischen Kenntnisse sind nämlich äußerst fragmentarisch"

Dieter sah ihn säst erschrocken an.Sie sprechen nicht Russisch?"

Offengestanden, nein." Belustigt über das Entsetzen des andern scherzte er:Das einzige russische Wort, das ich gelernt habe, ist Kaviar. Wer ein Vertrauensmann offenbarte mir einmal: das sei leider persisch"

Sie amüsierten sich über die drollige Art, in der er das vorbrachte. Dann fragte Lotz aber interessiert:Da kennen Sie die russische Literatur überhaupt nicht? Anna Karenina Raskolnikow und Gorki und Turgenjeffs Novellen?"

Gewiß, deutsch habe ich das meiste gelesen."

O lieber Freund, das ist aber gar nichts gegen das Original. Sie müssen Russisch lernen. Fränze, was meinst Du, es ist die logischste lebende Sprache."

So animiert, so angeregt hatte er den Kranken über- haupt noch nicht gesehen. Auch Frau Fränze war kaum zum Wiedererkennen.

Es kam im Nu eine lebhafte Unterhaltung zwischen ihnen in Gang.

Einen Augenblick hatte Zupitza das Gefühl, die junge Frau habe die ausgelassene Samte ihres Mannes künstlich geschürt, habe die Lektüre lediglich vorgenommen, um ihn wie durch ein Narkotikum über eine trübe Abendstunde hinwegzutäuschen. Wer ihre temperamentvolle Heiterkeit schien ihm doch zu zwingend, zu herzlich für eine Komödie. Jedenfalls war Frau Lotz heute abend ganz bezaubernd.

Wenn uns der Zufall mal so einen originellen Litera­turmenschen ins Haus verschleppt wie jetzt den Tschechoff zum Beispiel dann ist Uns das immer ein wahres Fest", sagte Dieter.Gewiß, eine Art Narrenfest, denn er ist im Grunde eine Art Clown, man kriegt kaum Atem, so wirbelt er die komischen Situationen durcheinander aber manchmal hat man eben doch einen solchen Heißhunger darauf, sich bloß auszuschütten vor Lachen, an nichts zu denken, bloß zu lachen, zu lachen und wieder zu lachen."

Und hat die heilige Berechtigung dazu!" warf Zupitza Munter ein.Sie brauchen sich gar nicht etwa vor mir zu entschuldigen, Herr Lotz. Ich lese selbst viel. Besonders Boz und Thackeray, meinen Liebling. Und wenn ich dabei so recht von Herzen zum Lachen kommen kann, ist mir's jedesmal eine rechte Wohltat."

Hör^t Du, Fränzch. der Doktor ist viel gemütlicher!.

O haben Sie mich denn für ungemütlich gehalten- gnädige Frau?"

Fränze lachte und gab ihm in chrer impulsiven Art die Hand.Nein, nein, das nicht.Aber Sie sind schon so weit in der Welt herumgekommen da meinte ich nur, es müßte Ihnen bei uns alles zu klein und zu beschränkt erscheinen."

Soeben trat Tirsell ins Zimmer, um zu melden, daß serviert sei.

Frei lassen wir Sie für heute abend jedenfalls nicht!" rief Dieter.Wenn Sie als Arzt kommen, hat man j<L keine Macht über Sie. Wer jetzt machen wir von unserem Gastrecht Gebrauch. Tirsill, schließ' die Haustür ab und! tu ein drittes Gedeck auf."

Ja, bitte, bitte, bleiben Sie", sagte auch Die Hausfrau" in herzlichem Tone.Sie haben mir ja versprochen- daß Sie mir von Ihren Reisen erzählen werden!"

Er nahm also ohne Umstände die Einladung au. Diei ganze Häuslichkeit, der harmonische Verkehr des Ehepaares, Frau Fränzes immer anregende Art, ihr gewinnender Humor fesselten ihn.

Bei Tische gab er in feiner anschaulichen Weise un­gezwungen ein paar Erlebnisse aus seiner Dienstzeit als' Schisfsarzt zum besten. Ein paarmal nickte ihm Frau Fränze sreundlich zu. Durchs lebhafte Fragen wußte sie ihn immer wieder zum Weitererzählen anzuregen anscheinend um den Kranken zu beschäftigen, der sich, mehr und mehr in Apathie verfallend, zurückgelehnt hatte.

Ihre Sorge um ihn war wirklich rührend. Tirsell, der! bei Tisch auswartete und den Hausherrn vollkommen be­diente, ward von ihr durch, stumme, kaum merkliche Winke dirigiert. Sie schietr fortgesetzt an den Krankerr zu denken- Was sie tat, was sie sagte, alles hatte Beziehuttg zu ihm."

Schließlich gelang es ihr, Dieter doch wieder zu inter­essieren. Er geriet dann auf eine Bemerkung seiner Frau hin sogar selbst in Eifer und verhandelte voller Kampf­lust über eine geographische Einzelheit.

Auf der Landkarte machen wir nämlich des abends oft die kühnsten Reisen", erklärte ihm Frau Fränze:Menü es keine Lektüre gibt, die unseren Beifall oder unseren Widerspruch reizt, hole ich den Atlas herbei, in verivegenen Fällen auch den Globus."

Und dabei bin ich leibhaftig noch nie aus Ostpreußen hinausgekommen", sagte Lotz voll tragikomischer Wehmut. Memel, Tilsit, 'Insterburg, Königsberg das ist alles, was ich von den Herrlichkeiten dieser Welt zu sehen ge­kriegt habe. Nicht einmal zu einer Hochzeitsreise hat die Zeit gelangt. Es gab damals im Geschäft so viel zu tun: immer wieder mußten wir sie hinausschieben. Na ja, und ob wir jetzt noch mal dazu kommen werden, ach mein Gott. . ."

Sicher, sicher kommt's dazu", fiel Franze ein.Man sagt übrigens von den meisten Reisen, die Vorfreude und dis Erinnerung seien das schönste daran. Also halten wir.