— SIS —
Uns zunächst an die BorMude. Die kann Ms doch niemand nehmen, was?"
„Weißt Du, Franze, Rom möchte ich sehen. Nicht der Sammlungen wegen, denn davon verstehe ich ja doch nichts. Mer so das ganze gewaltige Stadtbild mit den majestätischen Denlzeichen früherer Jahrtausende — das Kolosseum, das Forum, den Palatinus..."
„Und ich will Neapel, will Capri, Amalfi und Sorrent!" siel Frau Franze lebhaft ein. „Hörst Du, Bär?"
„Ja, ja, ich höre", sagte er lächelnd, während es in seinen trüben Augen matt aufleuchtete. „Die Botschaft hör' ich wohl, allein . . ."
„Und Palermo, Bär!" Sie lachte hell auf. „Dann ist's doch nur ein Sprung nach der afrikanischen Küste hinüber. Richt?"
„Ja, und dann kommt Tanger, Gibraltar!" rief Dieter strahlend. „Kinder — und vielleicht die Alhambra! — Los, Doktor, zunächst erzählen Sie uns aber von Rom. Denn Sie waren doch in Italien, nicht wahr?" Tann unterbrach er sich mit einem schweren Seufzer. „Rein, Doktor, lieber nichts mehr von Italien. Sprechen wir vorläufig bloß t® Danzig. Das kenne ich auch noch nicht — und es klingt nicht so verwegen, wenn man wie ich an den Rollstuhl gefesselt ist."
„Bär, Du bist garstig!"
Auch Zupitza suchte nun gleich Frau Fränze nach allerlei Gründen, um seine Hosfnungsfreudigkeit i trieber anzustacheln.
„Ja, aber im Augenblick ist es für uns beide nicht das rechte", wehrte Dieter. „Man fühlt nur doppelt schwer, daß man hier wie in einem Kerker gefangen sitzt. Oder Du etwa nicht? Arme kleine Fränze."
Meder wußte sie seine sinkende Stimmung zu beleben. -Mas, Bär, sind wir so arm, so phantasielos, daß uns eine äußere Notwendigkeit gefangen setzen kann? Gut, körperlich sind wir an Sakuthen gebannt. Aber unsere Sehnsucht kann sich doch frei aufschwingen, unsere Phantasie kann uns doch an allem Schönen und Großen und Gewaltigen teilnehmen lassen, was die Welt bietet. Nicht? Der Doktor schwärmt vom Golf von Neapel — ich sehe ihn. Tatsächlich, Bär, ich sehe ihn. Wir lesen von Richard Boß die farbenprächtigen tz^fchjchten aus der Campagna, aus den Sabinerbergen, dem Älbanergebirge — da lebe ich mitten unter dem heißen, bunten, armseligen Volk der Pifferari — und mit Nansen friere ich in Nacht und Cis — und wenn mich Pierre Loti zu Madame Chrysantheme und Dostojewski nach Sibirien und Kipling in die Dschungeln führen will, dann bin ich doch nicht von der Giller Fähre abhängig, die mich erst langsam und bedächtig über den Kürpaßstrom übersetzen muß!"
„Das ist ein hübsches Wort, Frau Lotz", stimmte Zu- {ritza bei, ordentlich erfrischt von ihrem Ton. „Ich hab's rüher auf den langen Seefahrten, wo man oft viele, viele Tage nichts anderes sah als Himmel und Wasser, auch schon dunkel empfunden. Mer so richtig geprägt haben Sie mir's jetzt erst."
Dieter wurde durch ihre lebhafte, warme Art aus seinem Trübsinn wieder ausgerüttelt. Er wollte sich von ihr nicht beschämen lassen. „Siehst Du, Fränze", sagte er lächelnd, „Du bist ein famoser kleiner Philosoph."
„Wenn man aus einer Insel lebt, hat man's gar nicht so schwer, Philosoph zu werden", gab sie ihm zurück. „Und vielleicht auch an Nord?' setzte sie fragend hinzu, sich an den Gast wendend. „Hab' ich nicht recht, Doktor? Sie wissen doch wahrlich von Einsamkeiten zu sagen!"
„Hatten Sie keinen Verkehr auf dem Schiff?" fragte Lotz. „Es war doch sicher immer viel interessantes Volk in den Breiten dort unterwegs."
„Ja — im letzten Winter an Bord der „Louisiana" hatte ich lern paar Freunde: den Kapitän, einen Portugiesen, den zweiten Maschinisten, einen Holländer, und den Schiffskoch, einen Italiener. Wir bildeten ein Quartett."
„Ein Quartett? — Sie sind musikalisch?" Sie riefen es beide voll freudiger Ueberraschung.
„Ja, der Italiener spielte die erste Geige, der Kapitän die zweite, der Maschinist hatte die Bratsche und ich das Cello."
„Aber daß Sie uns davon noch gar nichts gesagt haben, Herr Doktor", sagte Frau Fränze fast vorwurfsvoll. „Wir lieben beide die Musik leidenschaftlich."
„Ich habe nur eine geringe Fertigkeit. Schwere Sachen spielten wir auch nie. Rirr die leichteren Haydnschen und
Mozartschen Quartette. Mer es war eine wunderlich gehobene Zeit. Wie jeder von uns aus dem Spiel des andern allmählich dessen ganzes Wiesen herausfühlte. Mcht nur sein Temperament, nein, ich möchte sagen, auch seinen Charakter, seine Sinnesart, seine Herzensbildung. Das Fragen' und Antworten all der phantastischen Stimmen, das Suchen, das Erfüllen und Grollen, der unmittelbare Empfindungs- austausch!. . . Ich glaube, wir wären für einander schließlich durchs Feuer gegangen, trotzdem kaum einer die Sprache des andern so recht verstand. Aber die Schissskompanie versetzte dann leider den Koch nach Norden, die zweite Geige nach Süden — und die Bratsche fiel in der Nähe des Aequätors über Bord und ward von einem Hai gefressen."
„Und später haben Sie niemand mehr getroffen, mit dem Sie musizieren mochten?"
„Vielleicht fehlte nur die Zeit dazu, die Sammlung. Nun steht der Cellokasten aber verstaubt in der Ecke und träumt von den Pafsatwinden, von Freundschaft — und dem großen Vergessen."
Sinnend hatte Fränze den Kopf aufgestützt. Lange sah sie ihn an, voller Staunen, voller Verwunderung. „Wissen Sie, daß das ganz poetisch ist? Diese Freundschaft in Tönen? Ich hatte gar nicht geglaubt, daß so viel — wie soll ich sagen — so viel Zartheit in Ihnen liegt."
Auch der Hausherr stimmte ein: „Ja, wahrhaftig, das ist mir gleichfalls eine große Ueberraschung. Denn anfangs hatte ich fast Angst vor Ihnen. Ja, tatsächlich Angst. Sie waren so energisch, so entschlossen in allem. Gewiß, das gab einem ja auch wieder Vertrauen. Aber wie wunderlich mir die Vorstellung ist! Ein Mann in solchem Beruf, so tätig und praktisch und — im Grunde eine Künstlernatur !"
Inzwischen hatte Fran Fränze die Tafel aufgehoben. Tirsell führte den Rollstuhl in den kleinen Ecksalon der Hausfrau und stellte ihn da in der Nähe des Rokokokamins auf, an dem ein gemütlicher Plauderwinkel geschaffen war.
Die ganze Häuslichkeit atmete Behagen. Die gedämpften Farben der Teppiche und Möbel, die originellen Beleuchtungskörper, die so angebracht >varen, daß die empfindlichen Augen Dieters nicht durch grelles Licht belästigt wurden — alles harmonierte miteinander. Zupitza fühlte sich so rasch zu Hause, daß er das Schwinden der Zeit gar nicht merkte. Das Gespräch verweilte noch bei der Musik. Lotz war früher ein guter Klavierspieler gewesen, er hatte immer seine Frau zum Gesang begleitet.
„Seit die Jungens weg find", beklagte er sich, „hast Du nie mehr gesungen, Frcnrze. Warum eigentlich nicht? Ueberhaupt — Du warst danach lange Zeit so kopfhängerisch — gar nicht mehr zum Wiedererkennen. Geh, Fränze, sing uns was!"
Auch Zupitza drang mit Bitten in sie. Mitten drin stockte er aber. Der Hinweis von Lotz machte ihm klar: sie hatte nicht mehr musiziert seit den: Tage, an dem sie von ihm die Wahrheit über das Leiden ihres Mannes gefordert und gehört hatte.
■ Es war ein hastiger, erschrockener Blick, den sie ihm zuwarf, als er so plötzlich p.bbrach.
„Wenn Sie nicht in der Stimmung sind, gnädige Frau r-■ ich will Sie nicht quälen", suchte er abzulenken.
Aber Frau Fränze hatte sich schon erhoben, um nach dem Stutzflügel zu gehen, der zwischen den beiden Fenstern- stand-
„Doch, doch", sagte sie, ihm voller Nervosität zunickend, „heute will ich ihm gern singen. Es ist mir selbst ein! Bedürfnis. Mer Sie sollen keinen großen Maßstab anlegen. Was ich kann, ist nur ganz dilettantisch,"
Es war indes durchaus nicht dilettantisch. Ihre nicht große, auch nicht umfangreiche, aber in allen Lagen gleichmäßig gebildete Altstimme besaß Wärme und Ausdrucksfähigkeit, ihre Deklamation war schlicht und natürlich, es sprach sich wie in ihrem ganzen Wesen so auch in ihrem Gesang ein starkes Temperament aus.
Sie sang die „Feldeinsamkeit" von Brahms. Darauf das seltsam verträumte, zarte und melancholische russische Lied „Im wogenden Tanze". Die Begleitung konnte sie nur andeuten, sie half sich! aber mit Geschmack und Verständnis, ohne den Eindruck zu stören, über die Stellen fort, die ihre Techstik nicht wiederzugebdn vermochte.


