Ausgabe 
1.6.1904
 
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Besonders das zweite Stück, das Znpitza vordem noM Nie gehört hatte, packte ihn.

,^Jm wogenden Tanze heim Feste,

Wv lärmender Jubel so laut.

Da hab' ich dich träumend und sinnend, geheimnisvoll blickend erschaut.

Du sahst mich mit dunkelen Augen

So fragend, so träumerisch an,

Du lachtest halb fröhlich- halb' traurig, Daß nie ich vergessen es kann."

Zupitza lauscht« ganz versunken. Die Szene von gestern siel ihm ein, wo er Frau Fränze, dem ausgelassenen Spiel der Kinder entronnen, plötzlich weinend am User getroffen hatte. Es ergriff chn ganz eigenartig, sie diese weiche, ernste, traurige Melodie singen zu hören, die so seltsam mit dem leichtbeschwingten Tanzrhhthmus der Begleitung kontrastierte.'

Und mit einemmale überrann ihn ein Frösteln.

Er hatte in der letzten Stunde üBer all den munteren Gesprächen ganz vergessen gehabt, daß er sich im Hause eines Hinsiechenden, eines Sterbenden befand. Frau Fränze erfüllte es so über und über mit Glanz und Leben, mit Licht, Temperament und Farbe, daß es ihtn gar nicht mehr zum Bewußtsein gekommen war.

Aber für eine Sekunde zerflatterte nun dieser traum­hafte Schleier. Und da lugte aus der kalten Nüchternheit starr und grausam das Elend hervor, der Untergang, ihr Unglück...

IM anstoßenden Herrenzimmer machte sich, als der Gesang schwieg, Tirsell zu schaffen, der den Gelähmten zu Bett zu bringen pflegte, überhaupt dessen rechte Hand war. Zupitza mußte endlich ans Aufbrechssn denken.

Es war ein schöner Abend", sagte Lotz voll Wärme, als der Besuch sich, empfahl.Es war wieder ein leben­diger Gruß aus der großen Welt!"

Sie baten ihn beide herzlich, seinen Besuch bald zu wiederholen.

Frau Fränze hielt draußen in der geöffneten Tür noch einen Augenblick seine Hand fest.Heute sind Sie ja nur als guter Nachbar zu Dieter gekommen", sagte sie leise zu ihm,aber ich glaube, mir waren Sie ein Arzt der Seele. Ja, wirklich/ ich hatte für ein paar Stunden ganz vergessen. Haben Sie innigen, innigen Dank!"

Als er übdr den Stätteplatz schritt und dann durch die kalte Nacht am rauschenden Kärpaßstrom entlang heim­wanderte, sah er noch immer ihre schönen Augen vor sich, ihre seltsamen, unergründlichen Augen, die zu Lust und Lachen geschaffen schienen und in denen doch eine so schmerz­liche, wunde Trauer gelegen hatte, als sie das fremde Lied sang. Die stille, sanft losgelöst üb!er dem Takt schwebende schwermMge Melodie begleitete ihn noch lange:

--Da klang deine Stimme so lieblich,

So seelenvoll warm zu mir her.

Wie Glocken von ferne so klang es, Wie Wellen gewoge am Meer.

Und wenn ich zur Ruhe geh', einsam, Wenn müde in Schlummer ich sank, Tann seh' ich im Traume dich fragend Und hör' deiner Seele Gesang."

(Fortsetzung folgt.)

Wettausstellungsöriefe.

Von Paul Gartmann.

2. Die erste W o ch e.

St. Louis, Mitte Mai.

Schlechter Besuch der Ausstellung.: Unfertiger Zustand. Belästigungen der fremden Aussteller. Die deutsche Abteilung.

Ausstellung des Deutschen Buchgewerbevereins. Englische und deutsche Photographen.

Die soeben veröffentlichte Statistik über den Besuch der Weltausstellung in der ersten Woche wirkt recht ungünstig. An den ersten fünf Tagen, die auf die natürlich viel stärker besuchte Eröffnungsfeier folgten, erschienen im Durchschnitt täglich noch nicht zehntausend zahlende Besucher. Man muß die un­geheuren Kosten einer solchen VeranstalMng berücksichtigen, um ermessen zu können, wie lächerlich gering die angegebenen Zahlen sind. Es wurden also täglich Noch nicht fünstausend Dollars an Eintrittsgeldern vereinnahmt, während allein die Beleuchtung an jedem Abend zweitausend Dollars kostet. Nur der Samstag brachte eine höhere Frequenz, die jedoch mit siebzehntausend Personen weit hinter den gehegten Erwartringen

zurückbleibt. Der Samstag Nachmittag ist hier der Hauptbesuchs- tag, da die Ausstellung und alle ihre benachbarten Vergnüg­ungslokale infolge der hier herrschenden puritanischen Strenge an den Sonntagen geschlossen bleiben müssen. Die Folgen des geringen Besuches haben sich schon jetzt eingestellt. Die Inhaber der Belustigungsetablissements und der Restaurants verlangen be­reits «ine Herabsetzung ihrer Pacht und die Erlaubnis, am Sonn­tag Gäste bewirten zu dürfen. Die erste Forderung ist natür­lich ganz aussichtslos, denn die Ausstellung ist ja nichts weiter als das geschäftliche Unternehmen einer Anzahl Industrieller, die keinesfalls geneigt sind, gutwillig auf ihren Profit zu verzichten; auch die zweite Forderung wird nach Lage der Ver­hältnisse, die völlig von orthodoxen Sekten und Moralisten aller Art beherrscht werden, sicherlich keinen Erfolg haben. Immerhin ist das Vorgehen dieser Jnteressentengruppe beachtenswert, weil es zeigt, wie stark die hochgespannten Erwartungen enttäuscht worden sind.

Von anderer Seite wird hingegen vor gar zu pessimisti­schen Ausfassungen mit dem Hinweise gewarnt, daß der Besuch nur deshalb so schlecht sei, weil vorläufig noch keine Abteilung der Ausstellung fertig gestellt ist. Gegenüber dieser offen­kundigen und unbestreitbaren Tatsache nehmen sich die Erlasse, die die Ausstellungsleitung von ihrem grünen Tische aus in die Welt schickt, sehr eigenartig aus. Vorgestern erschien z. B. eine Bekanntmachung, in der angeorduet wurde, daß binnen zwei Tagen sämtliche Ausstellungsobjekte völlig fertig auf­gestellt sein müßten. Dieses Verlangen erregte allgemeine Heiterkeit, denn man könnte gerade so gut verlangen, daß die Wasserleitung der Stadt St. Louis plötzlich statt der ge­heimnisvollen schwarzbraunen Flüssigkeit sauberes Wasser her­gäbe. Das eine ist so wenig ausführbar und wahrscheinlich, wie das andere.

Aber die Ausstellungsleitung nmcht Ernst. Heute will der Präsident David R. Francis mit seinen Direktoren einen Rundgang durch sämtliche Gebäude vornehmen, und jeder Aus- steller, der sein Werk nicht vollendet hat, soll die Gründe dieser Verzögerung angeben. Es ist zu befürchten, daß Mister Francis dieses Fragespiel nicht lange fortsetzen wird, denn er wird von den Ausländern sehr unwillkommene Antworten er­halten. Was von den Behörden getan werden konnte, um durch leeren Formalitätenkram die Aussteller zu belästigen, ist in reichstem Maße geschehen. Schon die Einwanderungs­behörde in Newyork hat damit begonnen, dem harmlosen Euro­päer Schwierigkeiten zu bereiten. Es gibt hier das Gesetz, daß Personen, die von einer amerikanischen Firma fest enga­giert sind, das Land nicht betreten dürfen, sondern im New- Yorker Hafen sogleich zur Rückkehr gezwungen werden. Diese Bestimmung, die hiesige Arbeitgeber verhindern soll, fremde Arbeitskräfte heranzuziehen, ist unter anderem dazu benutzt worden, 50 deutsche Kellner, die im hiesigenDeutschen Hause" tätig sein sollten, bei ihrer Landung gewaltsam zurückzuhalten. Erst den Bemühungen des deutschen Reichskommissars gelang es, sie zu befreien. Es hätte nicht viel gefehlt, so tvären sie zurückgeschickt worden. Zweifellos hat bei diesem Ma­növer dieUnion" ihre Hand im Spiele gehabt; die große Arbeitervereinigung, die in wahrhaft tyrannischer Weise ihre Bedingungen diktiert, und die es erreichte, daß kurz vor Er­öffnung der Ausstellung Maurer und Äbputzer täglich acht Dollars, also etwa 33 Mark Lohn erhielten! Hatte der Aussteller unter Ueberwindung dieser Schwierigkeiten schließlich feine Baulichkeiten fertig gestellt, so konnte er sehr eigen­artige Proben von der vielgerühmten Schnelligkeit der hiesi­gen Eisenbahnen bekommen, die häufig vier bis sechs Wochen brauchten, um Güter von Newyork hierher zu befördern. Waren sie dann angekommen, so begannen endlose Plackereien mit der Zollbehörde, die nicht nur über jede einzelne Kleinigkeit ein umständliches Protokoll anfertigte, sondern auch die Mil­lionen der verschiedenartigsten Gegenstände Stück für Stück gewissenhaft mit Zettelchen beklebte, die natürlich beim Auf­stellen sofort sich ablösten.

Das alles werden die Herren Direktoren zu hören be­kommen, wenn sie nicht vorziehen sollten, ihre Fragen für sich zu behalten. In Wirklichkeit gebührt vielmehr allen Aus­stellern, die diesen mannigfachen Hindernissen mit bewunderns­werter Energie trotzten, die höchste Anerkennung. Es ist er­freulich, daß wir Deutschen darin hinter keiner anderen Nafion zurückgeblieben sind und mit allen Kräften an der Fertig­stellung unserer Abteilung gearbeitet haben. Vornehmlich drei Gruppen zeigen Deutschland auf der Höhe seines Könnens: das Kunstgewerbe, die deutsche Unterrichtsabteilung und das deutsche Buchgewerbe.

Auf dem zuletzt genannten Gebiet hat der Leipziger Deutsche Buchgewerbeverein" eine Ausstellung zusammengebracht, die in der Knappheit, mit der sie alle charakteristischen Er­scheinungen darstellt, geradezu vorbildlich genannt werden kann. Der große Umschwung, der sich ungefähr in den letzten fünf­zehn Jahren in unseren ästhetischen Anschauungen über die Alltagsbedürfnisse vollzogen hat und ganz langsam eine künst­lerische Kultur vorbereftet, wird hier in seinen einzelnen Phasen nachgewiesen. Aus fast keinem Gebiete herrschte ein größerer Mangel an Originalität als in der Buchausstattung.