Ausgabe 
31.12.1904
 
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zu, die See wurde unruhiger und das Schiss begann un­angenehm zu schaukeln.

Als die Zeit des Mittagessens kam, erschienen nur Herr Thornton mit seiner Tochter und Fräulein Carleton im Speisesaale. Frau Mainwaring und Tochter hatten sich ein leichtes Mahl in ihre Kajüte bringen lassen. Der Kapitän, der in Thornton einen Jugendfreund entdeckt hatte, lud- ihn und seine Damen an seinen Tisch. Hier sanden die jungen Mädchen gute Unterhaltung, indem sie die zahl­reichen Mitpassagrere beobachteten.

Nach beendeter Mahlzeit begaben sich beide Damen auf Teck. Doch bald begann sich Edith unwohl zu fühlen und mußte sich in ihre Kajüte begeben, die sie mit Frau Ho- garth teilte. Somit auf sich allein angewiesen, hüllte Fräulein Earleton sich warm ein und ging wieder aus Deck, wo sie sich ein geschütztes Plätzchen vor dem immer heftiger werdenden Winde suchte.

Das Deck war ziemlich leer, doch ihre Einsamkeit und der Sturnr paßten gerade zu ihrer Stimmung. Sie ge­dachte der Abschiedsunterredung mit Whitney; an seiner Stelle stand aber ein anderer. Die halb geformte Frage, die sie seit dem Abgänge des Schiffes beharrlich verfolgt hatte, nahm jetzt eine feste Gestalt an. Ja, welche Antwort würde sie wohl gegeben haben, wenn dieser andere, dessen Bild vor ihrer Seele stand, gefragt hätte, was Herr Whit­ney fragte?

Während sie so ihren Gedanken nachging, fiel ihr ein anscheinend junger Mann auf, der mit tief über die Stirn herabgezogener Mütze und hochaufgeschlagenem Rock­kragen, die Hände auf dem Rücken, in einiger Entfernung umherwandelte. Trotz des Sturmes und starken Schwan­kens des Schiffes schritt er so sicher wie auf einer Straße dahin. Ihre Blicke verfolgten ihn, und plötzlich fühlte sie, wie ihr das Blut in dre Wangen stieg. Irgend etwas in seiner Haltung erinnerte sie an den, der sich immer wieder in ihre Gedanken drängte. Ein Freudenschauer durchbebte sie.

Mit blitzenden Augen und glühendem Gesicht beobachtete sie seine Bewegungen.

. Sie ahnte es nicht, daß auch der Fremde, der da so festen Schrittes dem Sturme Trotz bot, sich in einer fast gleichen Verfassung wie sie befand. Ohne Ahnung von der heimlichen Beobachtung, den seine Aehnlichkeit mit einem anderen heraufbeschworen hatte, versuchte auch er Gedanken zu verbannen, die ihn peinigten und quälten, kämpfte auch er machtlos gegen die allgewaltige, alles- beherrschende Königin Liebe.

Ter Sturm raste die ganze Nacht. Der Morgen fand sämtliche Mainwarings auf derVerlustliste", wie Fräulein Carleton es nannte. Sie selbst war als letzte im Kampfe endlich auch dem Grauen Elend erlegen.

Sie verbrachte den Tag mit traurigen Gedanken, und als sich mit Eintritt der Dunkelheit der Sturm etwas gelegt hatte, beschloß sie, auf Deck Erfrischung zu suchen. Sie wollte auf ihr Plätzchen vom Abend zuvor und ge­langte auch ohne Schwierigkeit dahin, wenige Augenblicke später aber zwang erneutes Unbehagen sie zur Rückkehr. Während sie sich seufzend erhob, bemerkte sie den Frem­den, genau wie gestern angetan; er kam vom vorderen Teile des Decks herab. Sie wußte nicht recht warum, aber sein elastischer, freier Gang, der ihn von den Tücken des Meeres noch völlig unberührt erscheinen ließ, rief rn ihr eine Art Erbitterung gegen ihn hervor. Schwach, wie sie war, schleppte sie sich langsam zu der nach unten führenden Treppe; aber gerade, als sie sie betreten wollte, neigte sich das Schiff so stark zur Seite, daß sie ausglitt und un­fehlbar gefallen wäre, wenn sie nicht in demselben Augen­blick ein paar kräftige Arme umfaßt und emporgehoben hätten. Mit einem leisen Aufschrei wandte sie den Kopf, um zu sehen, wer sie hielt. Sie dachte, es würde wohl ein Schiffsoffizier sein; ein kurzer Blick belehrte sie aber, daß sie in den Armen des Mannes mit der beinahe über die Ohren gezogenen Mütze und dem heraufgeschlagenen Rockkragen lag. Als sie bei dieser Entdeckung ihr Gesicht schnell wieder abkehrte und dabei Licht darauf siel, hörte sie den unterdrückten Ausruf:

Himmel, kann es möglich sein?"

Bei diesem Tone zuckte sie förmlich zusammen; ge­spannt lauschte sie, ob er noch mehr sprechen würde. Tas «eichab nicht, dagegen entging es ihr nicht, mit welcher Last zärtlichen Sorgfalt er sie die Treppe hinuntertrug^

und der Stewardeß übergab. Bei den wenigen Worten, die er hierbei sprach, klang seine Stimme verändert.

Während der folgenden vierundzwanzig Stunden, in' denen Fräulein Carleton krank auf ihrem Lager lag, be­herrschte sie fast ausschließlich der Gedanke, wer der Passagier sei. Ihre Neugier wurde nur insoweit befriedigt, als man ihr sagte, daß es ein allein reisender, augen­scheinlich reicher Herr sei, der außer einem englischen Offi­zier keinen Bekannten an Bord zu haben scheine. Sie beschloß, ihm bet nächster Gelegenheit für ferne Hilfe zu danken, zumal er, wie sie vernahm, mehrmals Erkundig­ungen über ihr Befinden hatte einziehen lassen.

Sonntag nachmittag, an dem vierten Tage der Fahrt, hörte der Sturm auf, und das Wetter begann sich wieder zu klären. Zwar noch etwas blaß, aber sonst völlig her- gestellt, ging Fräulein Carleton auf Deck, um Luft schöpfen. Sie sand das Promenadendeck belebt von Passa­gieren, ihre suchenden Augen konnten aber zunächst nichts von dem Gegenstände ihrer Neugierde entdecken. Endlich sah sie ihn in kurzer Entfernung in Unterhaltung mit dem großen dunkeläugigen Manne, mit dem Herr Merrick ge­sprochen hatte. Er war diesmal nicht so vermummt wie während des Sturmes, und aus der Stelle erkannte sie jetzt das edle, in seiner Schönheit fast klassische Profil des Sekretärs. Ihr Herz begann heftig zu schlagen. Sie fühlte ein Beben der Freude, dabei aber auch den Stich, den sie vor wenigen Tagen bei der Nachricht von seinem Fort­gehen empfunden hatte. Einen Augenblick war sie uw­schlüssig, was sie tun sollte, dann aber sagte sie sich:

Ich will ihm wenigstens danken. Ich bin doch kein liebesieches Bauernmädchen, das ihre Gedanken zur' Schau trägt!" Damit schritt sie ruhig aus ihn zu.

Schon hatte sie ihn unbemerkt fast erreicht, als ein junger englischer Marineoffizier an ihn herantrat, ihm! vertraulich auf die Schulter klopfte und rief:

Nun, Mainwaring, mein Junge, Du hast Dir Deine alten Seüieine gut erhalten!"

Der große "Mann mit den dunklen Augen entfernte sich, und Fräulein Carleton kehrte völlig verblüfft langsam! um. Mainwaring! Was bedeutete das? Ganz deut­lich war der Name an ihr Ohr geklungen, und er hatte ihn als etwas Selbstverständliches hingenommen. Ruhig und heiter hatte er darauf erwidert, als ob er nie einen anderen Namen getragen hätte. Was sollte sie jetzt denken? Die muntere Stimme des Kapitäns entriß sie ihrem Sinnen.

Ah, Fräulein Carleton, freue mich, Sie zu sehen! Gratuliere zur schnellen Genesung. Wie befinden sich die anderen Damen? Wie geht's meinem alten Freunde Thornton?'

Heiter plaudernd, spazierten sie ein paarmal hin und her, dann blieb sie auf einmal stehen und sagte, dem herzgewinnenden, von fröhlicher Laune übersprudelnden lalten Seebären ins Gesicht blickend:

Herr Kapitän, ich möchte Sie nm etwas bitten."

Schießen Sie los, mein liebes, junges Fräulein; be­willigt, alles im voraus bewilligt, bis auf die Hälfte meines Königreiches!"

Ich wollte gern die Liste der Kajütenpassagiere sehen."

Aha!" Ein schalkhaft blitzender Blick lachte aus den von buschigen Brauen überschatteten lustigen Augen.Be­greife, begreife. Begierig, zu erfahren, ob ein besonders lieber Freund an Bord ist. Sprach mich schon neulich abends jemand an, der nach Ihnen fragte."

Da bin ich doch neugierig", sagte Fräulein CarMon anscheinend leichthin, aber eine ganze Welt voll Fragen lag in ihren Augen.

O, können ihn gleich sehen. Schauen Sie mal dort hin, da steht er. Herr Mainwaring. Spricht eben mit Leutnant Cohen. Eri n|ttb ich sprangen Ihnen neulich zu Hilfe. Er war zu meinem Bedauern flinker als ich. Als er wieder herauftam, sagte er, er hätte Sie für eine Fremde gehalten, dann aber in Ihnen eine Bekannte erkannt. Wird also vermutlich stimmen."

Ja, wir lernten uns kennen", bestätigte Fräulein Car­leton ruhig.

Nun also die Passagierliste l Kommen Sie, ich werde Sie begleiten."

Sie find sehr freundlich."