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*u wünschen, als die Vorsehung uns gewähren Kinn und will. Mancher ist reich geworden, dem es besser gewesen wäre, in Armut zu bleiben. Und mancher erreichte ein langes Leben, den ein früher Tod vor schwerem Leid bewahrt haben würde. „Das Leben ist der Güter größtes nicht." Wir wollen uns lassen genügen, uind wem Gott die Gesundheit des Leibes und der Seele und ein heiteres Gemüt bescherte, der sei zufrieden und dankbar dafür.
Aber auch mit den Hoffnungen und Wünschen allein ist es nicht getan. In des Menschen eigener Hand liegt ein gut Teil seines Geschickes. Wenn wir mit Ernst zurückblicken auf das vergangene Jahr und unser Denken, Reden und Handeln aus- richlig prüfen, fo werden wir sehen, was wir hätten tun oder- lassen sollen. Daraus den richtigen Schluß zu ziehen, aus der Vergangenheit zu lernen für die Zukunft, das ist die Kunst des Weisen, der sich ein Glück zu zimmern weiß mit geschickter Hand. »Jeder ist seines Glückes Schmied", sagt das Sprichwort. Der Mensch kann zwar nicht alles aus eigener Kraft erringen, was ihm das Leben angenehm macht. Wer er kann viel dazu beitragen, wie er andererseits des Lebens Unbill oft genug selbst verschuldet.
Wenn aber jemand im Zweifel wäre über das, was er zu tun und zn lassen habe, so gibt es doch ein Mittel, das ihn sicher führt wie, ein Stern, in dunkler Nacht, das uns stützt wie ein starker,Stab auf steilem Pfade: die treue Erfüllung unserer Pflicht. Sie wird uns über alle Schwierigkeiten des Lebens hinweghelfen, denn wir,tragen den Frieden in der Brust, der uns auch an trüben Tagen die heitere Ruhe erhalten wird, deren wir bedürfen, dem Unheil, zu widerstehen, das über uns kommen kann.
Nicht d a s ist das Glück, daß wir herrlich und in Freuden leben, sondern daß wir den Frieden haben, der uns mit freudigem Mut erfüllt in allen Lagen des Lebens. Wir wollen das Böse meiden, ruhigen Blickes !alles prüfen, klug wagen und mutig handeln, wo wir handeln müssen. Wir wollen tun, was recht ist, das Schöne und Gute froh genießen und das Unvermeidliche mit Ergebenheit tragen.
Wir wollen auch dankbar sein für jedes weitere Jahr, das uns geschenkt wird, aber auch nicht klagen, wenn uns kein weiterer Neurahrstag mehr beschieden sein sollte.
Auch das verflossene Jahr hat uns ja manches gebracht, was uns nicht gefiel. Lange versagte der Himmel uns des Regens Spende, daß wir schier verzagen wollten. Und doch ist schließlich alles gut geworden.
Tie, Welt hallt wieder vom Kriege und Kriegsgeschrei. Aber des Krieges, Fackel lodert ferne unseren Hütten: sie hat uns verschont, wie sie uns auch ferner verschonen möge.
Wohl tobt im Innern noch der alte Kampf, auch bei uns. Mit ungebrochener Kraft und wir kommen nicht zum Frieden.
Aber leben heißt kämpfen. Sorgen wir nur, daß es ein an ter Kampf sei, und daß wir mit Ehren int Kampfe bestehen.
lieber uns wandeln die ewigen Sterne ihre weiten Bahnen. Im steten Wechsel folgt ein Jahr dem andern und ein Geschlecht dem andern. Wir komtnen und gehen und von unserem Dasein bleibt nichts übrig, als unsere Werke, die wir den Nachkommen vererben, Sehen wir danach hin, daß es nur gute Werke seien.
Wenn dann die Frage an uns herantritt: „Wohin des Wegs?" dann wird sie uns nicht unvorbereitet finden, und getrosten Mutes werden wir der kommenden Zeit entgegengehen.
In diesem Sinne wollen wir das neue Jahr beginnen: fröhlich in Hoffnung, fest im Glauben, voll Zuversicht trotz allem, was immer uns begegnen möge.
So schenke uns Gott denn ein gesegnetes neues Lahr I Erich zu Schirfeld.
Das Testament des Maniners.
Kriminalroman von A. M. Barbour.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) GegenseitigeUeberraschungen.
Atn folgenden Tage waren die Mainwarings fast die letzten der an Bord der „Campania" eintreffenden Passagiere Tie Schuld lag an Herrn Thornton, dessen unverwüstliche Ruhe allem Drängen Frau Mainwarings getrotzt hatte.
Tie Tecks wimmelten von einer bunt bewegten Menge. Ueberall munteres Lachen, fröhliches Geplauder, lustige Lieder. Doch gab es auch, traurige, tränennasse Gesichter, schwere Abschiedsworte — vielleicht die letzten im Leben.
„Gott sei Dank, uns kostet der Abschied keine Tränen", sagte Fräulein Isabella, „wenn nicht etwa dem da", setzte sie mit spöttischem Nasenrümpfen auf Whitney hinzu, der init Fräulein Carleton etwas abseits stand. ,^Jch hass« solche vulgäre Gefühlsäußerungen vor den Leuten."
Ter Rechtsanwalt schien in der Tat sehr trübselig ge
stimmt zu sein, und auch Fräulein Carletons sonniges Gesicht sah etwas umwölkt aus.
„Mein Himmel, was ist das aber für ein fürchterliches Gedränge!" stöhnte Frau Mainwaring. „Tas ist ja noch schlimmer als bei der Herfahrt. Uebrigens, Hugh, hat Papa die Passagierliste nachgesehen? Ich würde doch 'gern bald wissen, ob Bekannte an Bord sind oder was sonst für Menschen mitfahren, au die man sich halten könnte, ohne Gefahr zu laufen, zweifelhafte Bekanntschaften zu machen."
„Ich glaube nicht, daß Papa nachgesehen Ijcit", sagte der Sohn, „denn als wir heute einschrieben, waren schon vier Seiten der Liste gefüllt, und jetzt ist keine Zeit mehr zum Nachsehen; wir müssen gleich an Land."
Während dieses Gesprächs, und unbeachtet in dem Ge- wühle der Abschiednehmenden, sprach Whitney, die Hand Fräulein Carletons ergreifend, leise:
„Sie und Herr Thornton haben mich so herzlich zu einem Besuche in Ihrer Heimat eingeladen, daß ich mich in England einer freundlichen Aufnahme versichert halten dürfte. Aber, jgmädiges Fräulein, werden Sie mir verzeihen, wenn ich, trotz unserer erst so kurzen Bekanntschaft, zu fragen wagte, ob ich jemals hoffen dürfte, von Ihnen auch anders wie als bloßer Freund empfangen zn werden?"
Tie schönen braunen Augen des jungen Mädchens blickten offen und freimütig in die feinigen, aller Glanz und alles Lachen war aber aus ihnen geschwunden. Ihr Ausdruck war ernst urO fast qualvoll bei der Erwiderung:
„Es tut mir leid, Herr Whitney, doch würde es sehr unrecht von mir sein, wenn ich Sie hoffen ließe, Si« könnten mir je etwas anderes sein -als ein wertgeschätzter Freund."
„So vergeben Sie, daß ich Ihnen diesen unangettehmett Augenblick bereitete", sagte er sanft, „und nehmen Sie die Versicherung mit, daß ich Ihrer stets als aufrichtiger! Freund gedenken werde. Vergessen Sie, daß ich Sie einmal um mehr als Freundschaft gebeten habe." Er ließ ihre Hand los und schritt zu den anderen.
Tie Glocke gab für die nicht Mitreisenden das Zeichen zum Verlassen des Schiffes. Tie letzten Abschiedsworte wurden gesprochen, die letzten Händedrüö^ ausgetauscht, Mainwaring mit seinem Sohne und Whitney begaben sich ans Land. Fräulein Carleton, die sich augenblickliche den neugierigen Blicken der Ihrigen entziehen wollte, schritt langsam nach dem vorderen Teil des Tecks.
Sie hatte erst wenige Schritte gemacht, als sie in kurzer Entfernung Merrick int Gespräch mit einem Manne bemerkte. Merrick sprach lebhaft und leise; sein für gewöhnlich ausdrucksloses Gesicht verriet unverkennbar große Befriedigung. Dann trennte er sich von seinem Gefährten unb. kam direkt auf Fräulein Carleton zu.
„Wenn mir auch nur noch wenige Sekunden bleiben, Fräulein Carleton", sagte er mit einem Lächeln, das fein Gesicht erhellte, „so möchte ich diese doch wahrnehmen,, Ihnen eine recht angenehme Reise zu wünschen. Sind! Sie seefest?"
„Ich weiß es kaum; ich habe noch zn wenig Erfahrung auf See. Denken Sie, es steht uns eine stürmische lieber- , fahrt bevor?"
„Nun, einen Heilten Sturm könnte es wohl geben", erwiderte er in sorglos leichtem Ton, „aber", fuhr er mit einem plötzlich in seine Augen tretenden Schimmer neckischer Laune fort, „bei der angenehmen Gesellschaft, die Sie vermutlich finden dürften, werden Sie sich kaum viel darum kümmern. Leben Sie wohl, Fräulein Carleton, viel Glück aus die Reise, und wenn Sie jemals der Dienste eines Ihnen treu ergebenen Mannes bedürfen, verfehlen Sie nicht, über mich zu gebieten."
Ehe sie etwas erwidern konnte, war der kleine Mann in dem Getümmel verschwunden.
Einige Augenblicke später ertönte die Dampffeife, und begleitet von vielhundertstimmigen Zurufen herüber und hinüber und Schwenken von Mützen und Tüchern, glitt der große Ozeandampfer majestätisch aus dem Hafen.
Er durchfurchte schon draußen die lang rollenden Wogen, als Lizzy sich endlich von dem zurückweichenden Strande abwandte, um die Ihrigen aufzusuchen. Vergeblich hatte sie eine Erklärung für die Worte des Detektivs gesucht, aber sie fühlte, daß sie irgend eine besondere Bedeutung hatten.
Schon nach wenigen Stunden begannen die Wetterprophezeiungen in Erfüllung zu gehen. Der Wind nahm


