Ausgabe 
31.12.1904
 
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Ium neuen Jahre.

So sind wir denn wieder einmal angelangt an dem Punkte, der das alte Jahr von dem neuen scheidet. Abermals hat die Erde ihren Kreislauf um die Sonne vollendet. Wieder versinkt ein Abschnitt unseres Erdenlebens in die Ewigkeit und ein neuer taucht daraus empor. Jeder Sekundenschlag sollte uns ja wohl mahnen an die Vergänglichkeit der Zeit, die mit der Sekunde enteilt und mit ihr neu beginnt. Doch in dem Geräusch des Tages mit seinen Freuden und Leiden tftljten wir nicht darauf. Wenn aber in der letzten Nacht des Jahres der Hammer aus­hebt, des Jahres letzte Stunde zu verkiurden, dann überkommt nns doch ein gar seltsames Gefühl. Wir meinen den rauscheirden Flügelschlag der Zeit zu hören und blicken sinnend hinter uns und vor uns. Es gibt wohl kaum einen Menschen, dem solches Sinnen fremd wäre, wenn er auch oft nicht den Anschein hat. Vielleicht nicht im Rausche der Sylvesterfreuden, nicht in jubeln­der Zecherrunde, aber doch wohl daheim im stillen Kämmerlein ziehen die Bilder der Vergangenheit vorüber und das Herz fragt nach den:wie" der kommenden Tage. An den Stätten der Lust freilich merkt man davon nichts. Wenn die Glocken von den Türmen feierlichen Klanges das Scheiden des alten und das Nahen des neuen Jahres verkünden, dann klingen auch die Gläser in den Kreisen der Fröhlichen lind weit hinaus in die stille Nacht tönt das heitereProsit Neujahr!" Tie flimmernden Sterne am nächtlichen Himmel ziehen schweigend ihre Bahn, unberührt von unseren Freuden und Leiden, von unseren Hoffnungen und Wünschen. So feierlich still ist es draußen auf der schlummernden Flnr. über die der Nachtwind säuselnd dahinweht. Und wer darauf achtet, der hört in diesem Wehen den Atemzug der leise wandeln­den Zeit. Und in die Stille hinaus wogt verhallend der Jubel der fröhlich zechenden Menschen.

Warum jubeln wir denn in dieser ernsten', feierlichen Stunde?

Vielleicht ist dieser Jubel der Ausdruck der Freude über das Schöne und Gute, das uns das alte Jahr gebracht hat.

Aber wenn wir an alle die Fröhlichen diese Frage richteten, so würden wir wahrscheinlich wenig hören, das dem alten Jahre zum Lobe gereichte. Tie wenigsten sind von seinen Spenden zusriedcngestcllt, die meisten klagen, daß das scheidende Jahr nicht gehalten habe, was es versprach oder richtiger, was man von ihm erwartete. t t

Dann ist es also wohl die Freude über das Ende der Ent­täuschungen. So mancher sagt ja:Gott sei Tank, daß das Jahr vorüber ist!" In Wirklichkeit meint er es vielleicht nicht so, und wenn wir ehrlich sein wollen, so werden wir bekennen müssen, daß das scheidende Jahr trotz allein nicht so schlecht war, wie es vielfach gemacht wird.

Oder ist es das Bewußtsein der eigenen Kraft, das in dem Sylvesterjubel zum Ausdruck kam, eine Kraft, die vom Schicksal nicht gebrochen werden kann, die sich stark genug fühlt, den Kamp? mit den Mächten des Geschickes aufzunehmen? O ja, wohl mancher hat sein Schiff geborgen im Hafen und darf ge­lassen hinaussehen auf das tosende Meer. Aber wie verhältnis­mäßig wenig sind es doch, die das von sich sagen können! Tic wenigsten von denen, die um die dampfende Bowle sich versammeln, fühlen sich wirklich sicher im Schoße des Glückes. Und wenn ihnen bisher auch alles nach Wunsch gegangen wäre wer will sagen, ob nicht schon der nächste Tag all sein Glück zertrümmert?. Ob nicht schon in diesem Augenblick der Unglücksbote vor der Tür steht, um Einlaß zu begehren in das Haus des Glücklichen?

Warum also der Jubel? '

Es ist lvohl die Freude am Leben selbst mit all seinett Wechselfällen, die reine Lust am Dasein, die, der Gegenwart froh, sich nicht kümmert um die Vergangenheit und um die Zukunft.

Ja, lvissen wir aber denn nicht, daß jedes Jahr, dessen Kommen und Gehen wir so fröhliche feiern, uns dem Ende, der Ewigkeit um ein volles Jahr näher bringt? Wie wenige solcher fröhlichen Shlvesternächte sind es noch, die wir feiern,. und wie schnell sind sie verflogen! Vielleicht ist es gerade diese Er­kenntnis, die uns den Augenblick genießen heißt, unbekümmert um das, was kommen mag. Und während wir fröhlich beisammen sitzen und uns unseres Lebens freuen, ist es uns, als klopfte uns jemand auf die Schulter und sagte:Wohin des Wegs?"

Ja, wohin des Wegs! Tas ist die zweite Frage, die an uns herantritt. Wenn wir es wüßten! Dunkel wie die Nacht liegt die Zukunft vor uns, die kein Lichtstrahl erhellt. So mancher zerrt voll Ungeduld an dem dichten Vorhänge, um vielleicht durch einest schmalen Spalt einen Blick zu werfen in den finsteren, vor im liegenden Raum. Sucht nicht mancher, halb im Scherz, halb im Ernst, durch attlerhand geheime Künste dem Schicksal ein Wort oder ein Lächeln abzugewinnen? Ein kurzweilig Beginnen, und doch: wie mancher blickt nachher in Furcht oder Hoffnung auf des Zufalls Gebilde! Ach, wenn die Zukunft sich uns enthüllens nur um ein Kleines den Schleier lüsten wollte, es würde für manchen wohl vorbei fein mit Spiel und Gesang.

Wohin des Wegs? Wenn man es wüßte! ,

In froher Hoffnung fragt es der eine, dem feine Phantasie ein Paradies verhieß, voll Furcht fragt es der andere, der viel­leicht schon des Unfalls Schatten ahnt und dem das Herz bang schlägt bei dem Gedanken an die kommende Zeit.

Andere aber gibt es, die nicht fragen, sondern das Lebest neljmen, tote es kommt, die mit dem Strome schwimmen und lächelnd mit ihm untergehen, wenn die Kraft zu Ende ist. Kismet! Schicksal, gegen das zu kämpfen nicht der Mühe lohnt. Sind das die wahren Weisen, die so reden? Oder sind es Leute, die des Lebens Reiz entweder nie kenuett lernten oder schon bis zur Neige genossen? Beides vielleicht. Ueberfluß und Not führett oft zu demselben Ziel: der Gleichgiltigkeit gegen' des Lebens Wechselspiel oder "dem Lebensüberdruß. Und beide sind gleich beklagenswert, gleichviel, ob ihre Lebensblüten ver­dorrten im heißen Strahl der Mittagssonne, oder ob sie zn Grunde gingen in frostkalter Frühlingsnacht.

Wohl dem, der mäßig im Genuß, widerstandsfähig in der Not, sich hie Freude am Leben bewahrt, der noch schweben kann zwischen Furcht und Hoffnung, noch nicht tot ist für die Mitwelt,, der er zu dienen berufen ward!

Doch was fürchten, was hoffen wir?

Fürchten wir den Verlust irdischer Güter, des Vermögens, der Gesundheit, des Lebens? Wahrlich, nicht gering sind diese Güter anzuschlagen und der erst weiß ihren Wert zu würdigen, der sich in ihrem Besitz bedroht sieht! Wer es ist nicht recht, sich mit Sorgen dieser Art zu quälen, so lange man keinen Grund dazu hat. Wer ängstlichen Gemüts der Zukunft entgegensieht und stets das schlimmste fürchtet, der wird nie seines Lebens froh werden und die Zahl seiner Tage selbst vermindern. Darum sollen wir hoffen und vertrauen!

Was aber hoffen und wünschen wir?

Vor allem: Gesundheit für uns und die Uifferen. Aber etwa auch eine Fülle irdischer Güter und ein langes Leben? Nicht un­berechtigt wäre ein solcher Wunsch. Doch hüten wir uns, mehr