Ausgabe 
20.5.1904
 
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sindel. Dabei bin ich aber gar keiner, bloß meine Frau ist's großmütterlicherseits. Ja, das kann sie aber nicht vertragen, wenn mau's mal festnagelt."

Frau Franze lachte.Schweig bloß damit, Bär. Wenn wir uns sofort zanken, kaum daß der Herr Doktor ins Zimmer getreten ist, bekommt er einen schönen Begriff von uns das Gerüst eines furchtbaren Ehedramas baut sich vor seinen Augen auf!" setzte sie in parodistischem Uebermut hinzu.

Endlich kam dann ein regelrechtes Gespräch in Gang. Lotz erzählte vom alten Doktor, der im Verlauf seiner vierzigjährigen Tätigkeit mit der ganzen Gegend hier ge­wissermaßen verwachsen war, der fast jeden Einwohner aus der ganzen Niederung und auf den Inseln nach Namen, Beruf, Alter, Lebensgewohnheiten, Einkünften und Gesund­heitszustand kannte.

Leicht war die Praxis nicht, das können Sie sich denken. Für einen alten Herrn wie unfern guten Doktor gehörte st., an ein tüchtiger Schuß Energie dazu, um so des Winters und bei Nacht bei mehr als einem Dutzend Grad Kälte mit dem kleinen Schlitten über das gefrorene Haff zu jagen. Und dann bei Eisgang, wenn die Decke den Schlitten nicht mehr hielt, und das Treibeis noch kein $oot durchließ. Na vielleicht ist ihm nun molliger und ivir tun unrecht, wenn wir ihm so nachtrauern. Das' ist nur so die niederträchtige Philistergewohnheit, wenn man schließlich meint, es ginge nicht anders . . ."

Die junge Frau hatte inzwischen eine Erfrischung kom­men lassen. Sie klärte den Doktor darüber auf, daß die Litauer die steife Großstadtvorschrift, einem Besucher beim ersten Kommen nichts vorzusetzen, barbarisch nennen. So mußte er denn mit einem Schluck herben Ungar Bescheid tun.

Sie hatten sich wohl selbst schon gesagt, Herr Doktor, daß Sie hier gegen Erinnerungen würden ankämpfen müssen", meinte Frau Franze,nicht wahr? Haben Sie Collenberg übrigens gekannt?" fuhr sie, seltsam nervös gestimmt, rasch fort.

Flüchtig, ganz flüchtig. Als ich im letzten Semester in Königsberg studierte, machte ich einmal einen Ausflug hierher. Da sah ich den alten Herrn. Das ist nun aber auch schon bald zehn Fahre her."

O zehn Jahre?" fiel Frau Franze etwas über­rascht ein.

Und da gefiel Ihnen unser weltentlegenes Gill gleich so mächtig?" fragte Lotz schmuuzend.

Der junge Doktor zuckte die Achsel.Ich ahnte damals noch nicht im entferntesten, daß das Schicksal mich einmal hierher verschlagen würde. Die Sache machte sich jetzt ja sehr rasch. Als der Kollege starb, telegraphierte Amts­richter Krappe an mich wir kennen uns von der Burschen­schaft her und ich! nahm seinen Vorschlag sofort mit Dank an. Das ging von heute auf morgen."

Krappe erzählte mir. Sie seien inzwischen Assistent bei Professor Kretschmar m Göttingen geworden und hätten unserm Antrag zuliebe auf eine sichere Karriere verzichtet."

Sicher war die Karriere durchaus nicht. Ich vertrug mich nicht mit dem Professor. Oder vielmehr er ver­trug meinen Widerspruch nicht. So war die Trennung für beide Teile verhältnismäßig leicht."

Und Schiffsarzt sind Sie auch gewesen; da sollen Sie weit in der Welt herumgekommen sein?"

Er berichtete, daß er ein paar Jahre lang auf einer brasilianischen Linie gefahren war.

Und haben Sie sich nun unter unfern guten Litauern hier auf dem Delta leidlich zurechtgesunden gestern und heute?" fragte Lotz jovial, weil ihm das verstimmte, oder wenigstens unbefriedigte Wesen des Neuankömmlings auf­fiel.

Ich weiß es wirklich selbst noch nicht", lautete die unter unwillkürlichem Stirnrunzeln gegebene Antwort.Es sind zunächst wohl hauptsächlich die Erinnerungen, von denen die gnädige Frau sprach, gegen die anzukämpfen fein dürfte."

Etwas argwöhnisch musterte Frau Fränze den Frem­den. Sie hatte nach Krappes gönnerhafter Schilderung geglaubt, es mit einem blutjungen Anfänger zu tun zu haben. Als sie nun den verschiedenen Daten nachrechnete, ergab es sich ihr, daß der Doktor ungefähr gleichalterig mit chrem Manne sein mußte. Sein ganzes Wesen, die kurze, zuweilen fast schroffe Art zu sprechen, etwas Trotzi­

ges, das in feinem Gesichtsausdruck lag, ließ ihn eigent­lich noch älter erscheinen. Aus seinem sonstigen Aeußern war sein Lebensalter erst recht nicht festzustellen. Er tvar bartlos, trug auch das blonde Haar ganz kurz ver­schnitten, ein paar Schmisse durchzogen Wange, Kinn und Schädel. Seine Gesichtszüge trugen den Stempel der In­telligenz, waren dabei scharf markiert. Charakteristisch war auch die gerade, schmalrückige Nase, die seinem ernsten Ge­sicht etwas Entschlossenes, dabei gewissermaßen Feudales gab. Durch den randlosen Kneifer, den er trug, sah man kluge, hellbraune Augen, die einen durchdringenden, kühl prüfenden, vielleicht auch überlegenen Blick besaßen.

Es war unverkennbar, daß ihn ihre Bitte, die Krank­heit ihres Mannes bei seinem ersten Besuch völlig zu über­gehen, wenn nicht verletzt, so doch mindestens gereizt hatte. Seine etwas sarkastische Art, mit der er an das Wort von denErinnerungen" anknüpfte, beunruhigte sie, ja sie empfand vor dem Fremden plötzlich ein gewisses Bangen.

So oft sie merkte, daß Dieter ansetzen wollte, um seine Krankheitsgeschichte vorzutragen, riß sie das Gespräch in impulsiver Weise an sich. Fast unvermittelt erhob sich Zu- pitza aber plötzlich und griff nach seinem Hut.

Der Hausherr war sichtlich enttäuscht, daß der Besuch nur von so kurzer Dauer sein sollte. Seit Collenbergs Tod hatte ihn der Gedanke, daß sie nun endlich auch ein­mal aus dem Munde eines völlig Fremden ein Urteil hören würden, viel beschäftigt.

Ich bin ja nicht besonders eitel und ruhmsüchtig", sagte er mit der ihm eigenen Selbstironie,aber ich hätte doch gern möglichst bald vernommen, was Sie über mich sagen, Herr Doktor. Ich glaube nämlich, ich werde Ihnen immer­hin das interessanteste Studienobjekt hier auf der Insel abgeben."

Wenn Sie gestatten, Herr Lotz, melde ich mich ein andermal. Zn jeder Ihnen gelegenen Stunde bin ich bereit."

O, bitte, bitte, es eilt nicht. Ich habe mich an das Warten mit Sachten gewöhnt. Ans Besserung warte ich jetzt nämlich schon das dritte Jahr. Das übt die Geduld mächtig."

Fran Fränze hatte sich gleichfalls erhoben.Es ist auch'wirklich besser, Bär, denn so spät regt's Dich auf. Aber wenn Sie nächster Tage einmal Zeit hätten, Herr Doktor? Vielleicht gleich nach der Sprechstunde?"

Gewiß, gnädige Frau." Zupitza hatte eine höflich bestimmte, kühle und gemessene Art, als er sich empfahl.

Lotz fragte seine Frau, als sie allein waren, in etwas unsicherem Ton:He, was sagst Du?"

Sie hatte sich abgewcmdt, um ihm ihre leicht ver­störte Miene nicht zu zeigen.O, zweifellos ein sehr in­telligenter Mensch."

Nicht wahr? Ja, und lvie es scheint, ganz geradezu und offen. Nichts? Schließlich ist das doch auch ein Vorzug."

Sicher." Sie kämpfte mit sich selbst. Plötzlich schoß sie auf die Tür los.

Wohin, Schatz?"

Ach bloß ob sie auch den Wagen schon vorführen. Und die Jungens holen, die armen Kerle müssen doch Lunger haben." Sie blieb noch ein paar Sekunden auf den unteren Treppenstufen stehen, als zögerte sie absichtlich, um mit dem Besuch nicht noch einmal zusammenzutreffen. Dann entschwand sie den Blicken ihres Mannes.

Doktor Zupitza hatte die Gartenpforte noch nicht er­reicht, als er hastige Schritte hinter sich hörte. Er wandte sich um und sah Frau Lotz. Etwas Scheues, Gequältes prägte sich in ihren Zügen ans.

Herr Doktor, ich wollte mit Ihnen noch sprechen." Gnädige Frau?"

Es wäre ja möglich, Herr Doktor", sagte sie, den Ton dämpfend, stockend, aber doch in großer Hast,daß Sie den Zustand meines Mannes weniger hoffnungsvoll finden, als Ihr Vorgänger. Collenberg hat ihm nämlich stets ver­sichert, sein Leiden sei zwar langwierig, aber nicht rettungs­los. Und daran klammert sich mein Mann. Und da meine ich nun: selbst wenn es Ihrer Ansicht nach diese Rettung nicht geben sollte . . ."

Atemlos brach sie ab. Sie hatte ihm geradezu flehend ins Auge gesehen. Nun blickte sie ängstlrch und unsicher nach dem Hause zurück, denn man hörte den Wagen langsam um den großen Schuppen herumkommen. Die Erregung,