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(Nachdruck verboten.)
Irühtingsstürme.
Roman von Paul Oskar Höcker.
(Fortsetzung.)
Frau Fränze zählte neunundzwanzig Jahre. Sie war schon vierundzwanzig gewesen, als sie heiratete. Als sie mit ihrem um nur sechs Jahre älteren Gatten die schmale Treppe vom Standesamt zu Marienburg hinabschritt, hatte sie in ihrer drolligen Art gesagt: „Siehst Du, Bär, das ist hier doch ein ganz famoser Jungbrunnen; als altes Mädel steigt man hinein, und als jüngste Frau von Ostpreußen kommt man heraus."
Sie hatte sich äußerlich seit der Hochzeit kaum verändert. Von einer Fehlgeburt im ersten Jahre ihrer Ehe, woran ein unglückliches Ausgleiten aus dem Eise schuld war, hatte sie sich rasch wieder erholt. Sie war schlank und hoch gewachsen, als Tochter eines Militärarztes von Kindheit an auf Abhärtung und körperliche Tätigkeit bedacht, sie stand jetzt in der vollen Reise ihrer eigentlichen Jugend. Eine regelmäßige Schönheit war sie nicht, ihre Nase war schmal, aber nicht klein, es fehlte die Weichheit der Mundlinie, das weibliche Oval des Kinns. Ihr Teint war brünett; da sie ihn weder gegen die Sonne noch gegen die scharfe Luft am Wasser zu schützen pflegte, wirkte er gegenwärtig fast rauh. Vor allem waren es die klaren, großen, lichtblauen Augen, die ihrem Antlitz die Bedeutung ' gaben. Ihre Bräuen waren dicht und dunkel wie ihre Wimpern. Sie trug eine moderne, aber schlichte Frisur: das dunkle Haar in der Mitte gescheitelt und in breiten, gelockten Bandeaux zu beiden Seiten zurückgenommen. Der Haarknoten saß tief, fast im Nacken. Wenn der Wind ihr das Haar ein wenig zerzaust hatte, wie eben jetzt, wirkte ihre Frisur am hübschesten.
Der Fremde hatte den Wagen verlassen. Ede Tirfel, der Kutscher des Hauses Lotz, meldete gerade, daß der gnädige Herr bitten lasse.
„Herr Doktor Zupitza?" fragte die junge Frau, rasch um den Wagen herumkommend.
Der Ankömmling, ein schlanker, sehniger, allem Anschein nach sehr lebhafter und energischer Herr, verbeugte sich kurz und abwartend, da er nicht wußte, ob er die Frau oder die Tochter vom Hause vor sich hatte. A(ls sie die Gartentür öffnete, sagte er: „Ich muß die Herrschaften um Nachsicht bitten, die Wege sind so weit, es ist später geworden als ich dachte."
„Wir sind nicht förmlich, Herr Doktor. Treten Sie, bitte, ein. Ihr Kutscher fährt inzwischen ums Haus herum nach der Küche. Dort bekommt er seinen Grog, das ist er so gewohnt. Was, Rogaller?"
„Ei sicher, Frau Lotz, allemal", sagte der Kutscher schmunzelnd. Er hatte die Tour zweifellos mit Absicht so eingerichtet, daß man auf dem Dampfsägewerk erst um
Feierabend herum eintraf. So hatte es der alte Collen« berg ja auch immer gehalten.
„Sie haben also schon eine große Fahrt hinter sich/ Herr Doktor?" fragte sie, während sie mit ihm durch deck Garten schritt.
Er berichtete in flottem, ungezwungenem, aber seltsam abgerissenen Tone, wo er gewesen. Die litauischen oder kurischen Namen der kleinen Ortschaften wußte er noch nicht, recht auszusprechen, sie verbesserte ihn daher ein paarmal^ Als man außer Hörweite der Leute war, wairdte Frack Fränze, plötzlich den Schritt verlangsamend, ihrem Be-1 gleiter das Gesicht zu.
„Sie wissen, daß mein Mann ein schwerer Patient tft ?"- sagte sie gedämpft.
„Ich habe das Journal von Doktor Collenberg in deck beiden Tagen leider nur ganz flüchtig durchsehen können^ gnädige Frau."
„Dann bitte ich Sie herzlich um eines, Herr Doktorr sprechen Sie heute noch nicht über seine Krankheit."
Etwas verwirrt sah der junge Arzt sie an. „Wieso *— nicht über die Krankheit, gnädige Frau? Eigens deshalb' erlaubte ich mir doch . . ."
„Ich wollte heute abend an Sie schreiben, um Sie vorher zu orientieren, Herr Doktor. Ihr Vorgänger war nämlich sehr befreundet mit meinem Mann. Da sagte er ihm so manches, vielleicht — so bloß zur Schonung. Wer das ist nun gewissermaßen Rettungsanker für meineck Mann geworden und es könnte zu Verwicklungen führen. Ich kann Ihnen das nicht so in der Eile erklären."
Doktor Zupitza war stehen geblieben. „Dann komme ich also ungelegen?"
Sie streckte in ihrer impulsiven Art hastig die Hand nach ihm aus. „Nein, bitte, verstehen Sie mich nicht falsch. Es wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, wenn Sie meinen Mann begrüßen wollten. Nur. . . Und jetzt erwartet er Sie ja auch schon — da würde es ihn am Ende, gar mißtrauisch machen, wenn Sie umkehren wollten."
Ihm etwas flotter vorangehend, gewann sie die Ve^ randa, wo sie das Cape abwarf.
„Ich bringe Dir Besuch, Bär. Herr Doktor Zupitza macht uns seine Aufwartung. Du weißt, der neue Herr Doktor aus Gill."
Sie berichtete ihm gleich lebhaft über die Route, die der Ankömmling genommen. Durch seinen fragenden Einwurf schloß sie: „Rogaller hat bereits seine Anweisung auf den üblichen Grog. Er hat übrigens den Grauschimmel mit dem Fuchs zusammengespannt, was eigentlich keinen! Grog verdient."
„Nehmen Sie, bitte, Platz, Herr Doktor!" sagte Lotz. „Da — auf dem Ledersessel hat der alte Collenberg auch, immer gesessen. Wenns Ihnen nicht nnangenehm ist. Wir sind hier nämlich ein bißchen konservativ. Das macht sich so üt der Einsamkeit ganz von alleine. Collenberg sagte es auch Immer: Ihr Litauer seid ein zu bockbeiniges G»


