Ausgabe 
20.5.1904
 
Einzelbild herunterladen

299

die! aus ihren letzten Worten klang, schien dem Doktor unvereinbar mit der ungezwungen heiteren Art, die sie noch kurz vorher im Beisein ihres Mannes zur Schau getragen hatte.

Haben Sie denn Sorge, gnädige Frau", fragte er ver­wundert,daß Collenberg den Kranken nur hingehalten haben könnte?"

Ich weiß selbst nicht."

Er hat auch zu Ihnen nie anders über den Fall ge­sprochen als zu ihrem Manne?"

Nie. Nur einmal, im letzten Winter, als Collenberg selbst leidend war, da sagte er mir, er habe die ganze Krankheitsgeschichte meines Mannes in seinem Journal aus­führlich geschildert, um einem etwaigen Nachfolger eine Direktive zu geben."

Ich werde es gleich nach der ersten Untersuchung durch­setzen."

Sie preßte die Hände bittend ineinander.Möchten Sie sich nicht lieber gleich damit vertraut machen? Mein Mann wird natürlich mit Fragen in Sie dringen. Schweigen Sie, so schöpft er Verdacht, und widerspricht Ihre Dar­stellung auch nur im kleinsten Punkt dem, was Collenberg ihm gesagt hat vielleicht nur zum Trost gesagt hat"

Sie fürchten also wirklich, gnädige Frau?" Still! Bitte!" Sie sah sich wieder erschrocken um.

Eine Fortsetzung des Gesprächs war nicht möglich, ohne daß Ede Tirsell, der die Gartentür geöffnet hatte, etwas davon aufschnappte. Sie sagte daher bloß noch ein paar konventionelle Worte zum Abschied. Aber sie gab ihm, wie um sich sein Einverständnis zu sichern, ihre Hand dabei.

Endlich fuhr der Doktorwagen auf dem uach Gill führenden Vizinalweg ab, der vom letzten Sommerregen her noch unzählige Schlammgeleise aufwics, über die das schlecht federnde Gefährt hinwegrasselte.

Mit einem kaum unterdrückten Jubelruf nahmen die beiden Knaben in einer Art Wettlauf von ihrer jungen Tante wieder Besitz. Arm in Arm kehrten sie mit ihr ins Haus zurück.

Kein Zug in Frau Fränzes Antlitz verriet mehr etwas von der nervösen Erregung, in der sie geschwebt hatte. Ihrem Gatten zeigte sie wie immer ihre sonnige, strahlende Miene

(Fortsetzung folgt.)

Kine Aapfenstreich-Worstollung.

Trauriges Erlebnis von Heinr. Huber (Gießen).

Telegramm! Telegramm!

Zapfenstreich".

Drama in 4 Auszügen von F. A. Beyerlein.

Sensationell! Sensationell!

Zu der Vorstellung werden 40 Mann, möglichst ge­wesene Militärs, gesucht!

Direktor X.

Wohl zum zwölften Male staiid ich vor dem Plakate. Ich reiste nämlich gerade durch Thüringen, und je kleiner ein Ort war, desto größer war die Sicherheit, mit der ich darauf rechnen konnte, dieser verlockenden Ankündigung zu begegnen. Bald prangte sie an einem oder zwei altersgrauen und -schwachen Sandstein­pfosten, bald hatte ein spekulativer Hausbesitzer es gnädigst ge­stattet, daß man der Fassade seines bausälligen Kastens durch die in sämtlichen Ostereiersarben gehaltenen Zettel ein etwas jugendlicheres Aussehen gab.

Natürlich war ich sofort für das Unternehmen begeistert, denn40 Manu gewesene Militärs" ivomöglich mit wirklichen Unteroffizieren, sieht man erstens nicht alle Tage auf der Bühne, und zweitens weiß ich aus Erfahrung, daß bei großer Reklame in Keinen Nestern nichts herauskommt, wie viel Amüsement.

Allerdings muß man seinem inneren Menschen vor dem Be­such einer derartigen Kunstfeierlichkeit das Ehrenwort geben, sich über nichts, absolut nichts zu ärgern. Da ich nun in dieser Beziehung etwas vertragen kann, hätte ich die so pompös an- Krtbigte Zapfenstreich-Vorstellung mit großem Vergnügen be-

wenn ich nur gekonnt hätte. Ich konnte aber nicht, denn gewöhnlich kam ich auf meiner Rundreise zu spät, oder dasSaison­ereignis" war für eine Zeit angekündigt, die ich unmöglich er­warten konnte, ohne vor Langeweile zu sterben, und für so lebens­gefährliche Sachen habe ich nie etwas übrig gehabt. Ich suchte

deshalb das ominöse Plakat zu vergessen, reiste weiter, schrieb Ansichtskarten und bezahlte Hotelrechnungem Aber merkwürdig der Direktor X. mit seiner Truppe wollte mir trotz der oben genannten Zerstreuungen nicht aus dem Kopfe. Für die vielen Naturschönhciten hatte ich keinen Sinn mehr, ich wurde, als ich an jedem Orte eine neue Enttäuschung erleben mußte, melancholisch und wäre schließlich noch ganz trübsinnig geworden, wenn

Salzungen, Sonntag, 6. März 1904.

Telegramm! Telegramm!

, Zapfenstreich".

Drama in 4 Aufzügen von F. A. B e y e r lei n.

Sensationell! Sensationell!

Zu der Vorstellung werden 40 Marin, möglichst ge­wesene Militärs, gesucht!

Direktor X.

Das war das erste, was rnir in die Augen fiel, als ich Sonntag mittag in Salzungen anlangte. Endlich endlich also sollte meine Theatersehnsucht gestillt werden. Ich eilte sofort in das Hotel, deponierte bei dem Ober einen Taler und erklärte ihm kaltblütig, daß er mir dafür ein Theaterbillet besorgen müsse, sonst--

Ich muß ziemlich gefährlich ausgesehen haben, denn der Serviettenkommandant versicherte mir in einem Atem zweimal, daß er sich meinen Wünschen durchaus zu fügen gedenke und für einen guten Platz unbedingt garantiere. Dann erst stellte ich meinen triefenden Schirm in die Ecke (es regnete nämlich ganz anständig), entledigte mich meines Paletots und nahm am Fenster Platz. Jetzr, wo ich das Ziel meiner Wünsche erreicht hatte, kam etwas wie ein wohliger Frieden über mich und ich streckte behaglich meine Beine unter den Tisch.--

Abends 8 Uhr! Sitz großartig. Rechts von mir hatte ich eine ältere Dame von ca. 40 Jahren, links dagegen eine junge von etwa 29 bis 31, beide höchst nobel gekleidet und er­quickend parfümiert. (Links Patchoulli rechts Veilchen.) Die Junge musterte mich und meine Garderobe ziemlich wohlwollend und erzählte dann der Aelteren zu meiner Rechten, daß sie neulich bei dem Empfange der Fürstin Immergrün zu Schwefelgelb (oder so ähnlich) als Ehrenjungfrau uud Prologsprecherin fungiert habe; als sie aber dann ohne weiteres zur Rezitation des Empfangs­gedichtes überging es kam etwas von glühenden Herzen und ausgetauten Schmerzen darin vor verschloß ich meine Ohren, öffnete die Augen und hielt Umschau.

Besuch famos!

Die besseren Plätze waren alle besetzt und dazu mit Leuten, deren Mienen deutlich die durch den hohen Eintrittspreis be­dingte Kunstandacht ausdrückten, aber die Gesichter der Galerie­besucher zeigten nichts wie eine gewisse rauflustige Erwartung, die mein tapferes Herz entschieden ängstigte. Ich wußte: Wenn da nur ein Vorhang hängen blieb, ging dafür gleich der Teufel los!

Der Direktor er hatte mich vorhin ganz befonders tief bewillkommnet schien allerdings ganz andere Sorgen zu haben. Er lehnte majestätisch am Eingang und kontrollierte mit dem linken Auge den Kassierer, während er mit dem rechten jede Bewegung des diensttuenden Theaterzettelverkäusers verschlang. Klingelzeichen!

Der Vorhang quietschte nach oben. Im Vordergründe der Bühne saß der alte Bolkhnrdt, neben ihm stand sein Vorgesetzter, und beide dialogten lebhaft. Die ersten zwei Szenen waren glücklich vorbei, und ich fühlte wegen der ordnungsmäßigen Vorstellung schon eine kleine Enttäuschung, als etivas ganz Ab­sonderliches vorging, der alte Volkhardt schnappte nämlich mitten im Worte ab, ließ den Mund weit offen und starrte wie ent­geistert in die Höhe. .Unwillkürlich folgte ich seinem Beispiel (natürlich nnr dem letzten) und sah zu meiner aufrichtigen Be­trübnis, daß sich der Vorhang langsam ganz langsam, aber sicher herniedersenkte.

Nanu", dachte ich,was ist denn da los?" Anfangs war ich gar nicht abgeneigt, an einen Theatcrbrand a la Chicago zu glaube», die Mienen der übrigen Theaterbesucher verrieten aber nicht die geringste Angst, im Gegenteil, man schien sich über die Störung zu freuen! Eine unverhohlene Heiterkeit, von hinten anfangend, griff nämlich mit solcher Schnelligkeit um sich, daß die Gesichter meiner beiden Nachbarinnen bereits in sanfter Freude erglänzten, ehe ich mich noch recht gefaßt hatte. Schließ­lich lachte alles die Galerie stürmisch, das 2. Parkett laut, das 1. Parkett zart und ich lächelte!

Jetzt ertönte wieder die Klingel!

Man will also wieder anfangen" flüsterte ich meiner Nach­barin zur Linken zu, die darauf verständnisvoll nickte. Es klingelte zum zwcitenmale, dann hob sich der Vorhang und durch die Koulisse zwängte sich die ansehnliche Gestalt des Direktors. Man war inzwischen auf die Rede des Theaterbefehlshabers neu­gierig geworden und hatte durch energische Scht!-Rufe einiger­maßen Ruhe geschaffen.