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Der Direktor verbeugte sich einige Male kur» unv ängstlich und öffnete dann die Zähne:
„Meine sehr verehrten Herrschaften", begann er, „der Bürgermeister — der Herr Bürgermeister und die hiesige Feuerwehr sind die Ursachen dieser Störung, oder vielmehr das Ministerium trifft die Schuld, denn soeben ist ein Telegramm vom Minister eingetroffen, worin er die Vorstellung verbietet, und da hat der Herr Bürgermeister natürlich — —" er deutete nach dem Vorhang.
Ich ivar starr! Das Ministerium hatte „Zapfenstreich" verboten? Das schien mir unmöglich! Es mußte also etwas anderes dahinter stecken, und ich konnte mir die Sache nur so erklären, daß der Direktor die Aufführungskosten umgangen und der Verleger das Verbot erwirkt hatte. Ich wendete meine Aufmerksamkeit wieder dem Redner zu, der sich den Schweiß von der Stirn wischte und dann fortfuhr: „—- und ich möchte Ihnen deshalb den Vorschlag machen, sich das Stück doch vorlesen zu lassen." —
So ein Schlaukopf! Auf diese Weise umging er die Rückzahlung der Eintrittsgelder und alle Unannehmlichkeiten: aber meine Opposition war durchaus überflüssig, denn das Publikum besorgte die äußerst gründlich:
„Was —: vorlesen?" hieß es. „Unser Geld wollen wir wieder haben, unser Geld, weiter nichts." Allerlei freundliche Schmeicheleien tönten dazwischen und leider muß ich gestehen, daß sich mein sündhaftes Herz auch nicht zu der kleinsten Entrüstung über den Skandal aufschwingen konnte.
Immerhin schien es unter den Besuchern doch einige Ahnungsvolle zu geben, die sich von einer Vorlesung manches versprachen und so entstanden schließlich zwei Parteien im Hause, welche beide recht kräftig ihre verschiedenen Meinungen zum Ausdruck brachten. Kaum hatte der immer mehr schwitzende Direktor diesen Zwiespalt entdeckt, als ein Lächeln seligster Befriedigung seine kunstgestempelte Bisage verklärte, er die Arme in die Luft warf und sich Ruhe, verschaffte.
„Soweit ich dies von hier oben beurteilen kann, wünschen Sie, daß das Stück vorgelesen wird, nicht wahr?"
„Quatsch, nicht vorlesen, — sawohl, vorlesen", tönte es vielstimmig zurück, der Direktor schien aber nur das letztere gehört zu haben, denn er verbeugte sich äußerst zustimmend und schlug sich seitwärts in die Koulissen.
Wieder, die Klingel!
Mit einem Buche bewaffnet, erschien ein Mime, jedenfalls der „Held" der Gesellschaft, und sing, ohne sich lange umzusehen, an vorzulesen. Einige Augenblicke schien das Publikum den Mut des Tapferen tatsächlich zu respektieren, dann aber brach Lin Geheul los, als wollte man unseren lieben Freunden, den Hereros, Konkurrenz machen, alles beteiligte sich daran, die Galerie — brüllend, das 2. Parkett — stürmisch, das 1. Parkett — laut und ich — ästhetisch.
Von dem auf der Bühne war natürlich kein Sterbenswort mehr zu verstehen. Ich sah nur an dem mechanischen Aus- und Zuklappen des Mundes, daß er überhaupt noch redete. Nur manchmal schüttelte sich der Brave wie im Fieberfroste, als aber gar verschiedene kleine Wursgegenstände sein glorreiches Vorhandensein in Gefahr brachten, klappte er verzweifelt sein Buch zusammen und verließ die Stätte seiner Unwirksamkeit mit einem fürchterlichen Blick.
dieser Blick — ich vergesse ihn nicht, und wenn ich so alt tote Sarah Bernhardt werde; er enthielt so ziemlich alles an Empfindungen, welche einen Künstler, her gewohnt ist, höchstens zwölfmal im Jahre mit faulen Aepseln trakttert zu werde», bei einer derartigen Schmach durchtoben können. — Mit dem Abgänge des Mimen war auch das Zeichen zur allgemeinen Revolution gegeben, man besetzte die Bühne und stürmte die Kasse mit unglaublicher Bravour — wobei die Kunstverständigen, welche am wenigsten bezahlt hatten, die größte Eile entwickelten — und auch ich ließ mich mit vornehmer Gelassenheit zur Kasse schieben..
Zu spät — futsch der Taler!.
Als ich das Depot glücklich erreichte, setzte der Direktor den zuletzt Angekommenen gerade überzeugend auseinander, daß das vorhanden gewesene Kapital bereits verteilt sei, er aber versuchen wolle, bis morgen früh Geld zu beschaffen.
Ob das Finanzgenie dieses Kunststück wirklich fertig gebracht hat, i|t mir unbekannt geblieben. Das Billet habe ich am andern Morgen bei meiner Abreise dem Hoteldiener für seine Bemühungen geschenkt. Der Mann bedankte sich melancholisch und erklärte mir dann:
„Das ist das se ch st e, ich will die Dinger nur ruhig zu memen Treberaktien legen, denn--". — Das „d e n n" schnitt
mir ms Herz und ich gab ihm noch 50 Pfennige Trinkgeld!
Vermischte».
:— Eulen als Unheilkünder. Schon den alten Römern, die bekanntlich sehr abergläubisch waren, galt der Uhu als unglückbringend, und als einmal einer in das Heiligtum des Kapitols geflogen war, mußte die Stadt feierlich gereinigt
werden. Auch heute noch sieht das Volk vielfach in den Eulen, die fast alle Nachttiere sind, unheimliche und Unheil ankündigende Wesen. Der Totenvogel (Glaucidium passermum) gilt als Todes- Prophet, wenn eir nachts vor dem Fenster einer Krankenstube sein „Kiehit" (komm mit) hören läßt, und noch Bechstein (1805) bemerkte von ihm: „Unter allen Eulen zieht er sich am stärksten nach dem Lichte und wegen seiner feinen Witterung und aus einem eigenen Naturtriebe nach den Krankenstuben. Faulfieber, Friesel und andere dergleichen Krankheiten reizen ihn am stärksten." In Wirklichkeit ist es nur das Licht, nach dem der Vogel nächtlicherweile in Dörfern und kleinen Städten fliegt, wie Professor Dr. W. Marshali in der 32. Lieferung seines populären Prachtwerkes „Die Tiere der Erde" (Stuttgart, Deutsche Verlags- Anstalt) Hervorhebt. Mit dieser Lieferung, die auch eine prächtige Farbendrucktafel, gewellte Astrilde und Jndigovögel darstellend, ziert, ist der zweite Band dieses anerkannt vortrefflichen und in 50 Lieferungen zu je 60 Pfennig erscheinenden Werkes vollständig geworden, das dadurch illustrativ völlig eigenartig dasteht, daß sämtliche Abbildungen (mehr alt 1000, darunter 25 Farbendrucktafeln) nach photographischen Aufnahmen lebender Tiere hergestellt wurden. Auch zu diesem zweiten Bande wird auf Wunsch eine geschmackvolle und hochelegante Einbanddecke (zum Preise von 1,50 Mk.) geliefert.
— D i e Beziehungen zwischen Alkohol und Poesie sind gerade in letzter Zeit oft erörtert worden. In der Tat ähnelt das dichterische Schaffen vielfach dem Rausch. Wir können ein dreifaches Bewußtsein unterscheiden: Bewußtsein unserer Persönlichkeit (Selbstbewußtsein im engeren Sinne), unserer Körperlichkeit, unserer Umgebung. Bein: Rausch wie beim dichterischen Schaffen sind die beiden letzten Arten des Bewußtseins häufig ausgeschaltet: das Handeln geschieht wie im Traum. Insofern der Dichter im poetischen Schaffen den höchsten Genuß sieht, kamt er mit Byron sagen: das beste am Leben ist wie ein Rausch. Doch wird der wahre Dichter eben daran erkannt, daß er der künstlichen Berauschung durch alkoholische Getränke nicht bedarf. Goethe, je älter er wurde, glaubte um so mehr, daß die dichterische Produktion der menschlichen Beeinfiusiung entzogen und über alle irdische Macht erhaben sei.
Literarischer.
— Die „Neue Musik-Zeitung" (Verlag von Karl Grüninger, Stuttgart) beginnt in Nr. 15 ihres 25. Jahrganges eine umfangreiche Abhandlung und kritische Beleuchtung der kürzlich erschienenen großen Brahms-Biographie von Max Kalbeck, nebst einem Jugendbildnis des Tonsetzers von Laurens. Ferner enthält die Nummer einen Aufsatz über die Traumtänzerin Magdeleine mit drei Abbildungen dieser interessanten Erscheinung, sowie als weiteren aktuellen Beitrag einen Artikel über das Theater in Japan. In der Musikbeilage sind ein Menuett von Cyrill Kistler sowie ein Lied von Nicolai v. Wilm, beides bekannte und geschätzte Komponisten, veröffentlicht. Der Abonnementspreis dieser populären Musikzeitschrift beträgt 1,50 Mk. fürs Quartal.
Kesundßeilspflege.
Das Heraufwürgen von Schleim frühmorgens nach dem A u f st e h e n, das bei so vielen, namentlich männlichen Personen sich befindet, rührt vornehmlich von chronischem Magen- und Rachenkatarrh her und ist sehr häufig die Folge fortgesetzten reichlichen Spirituosen- und Tabakgenusses. Daraus ergibt sich als erste Forderung eine erhöhte Mäßigkeit bezug lia, dieser Genußmittel. Außerdem empfiehlt sich als Mittel gegen den Magenkatarrh und die damit verbundenen Erscheinungen eine fortgesetzte Kur vou Karlsbadersalz, von welchem jeden Morgen nüchtern ein Kaffeelöffel in y. Liter warmem Wasser zu nehmen ist.
Kreuzsilbenriitsel.
(Nachdruck verboten).
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Statt der Zahlen sind Silben zu setzen und zwar derart, daß jede Silbe rechts mit jeder Silbe links vereinigt ein bekanntes Hauptwort ergiebt. Die auf diese Weise entstehenden 9 Wörter haben folgende Bedeutung: 1. Vogel; 2. Schmuck der Fluren; 3. Feldblume ; 4. männliches Wesen; 5: Teil des menschlichen Körpers; 6. Bretterbau; 7. Eibe; 8. Metall; 9. Was bindet und bekräftigt»
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung der Gleichung in vor. Nr.: Schulanfang (a Schuh, b Haus, c aus, d Land, e Fant, f Tasche, g Asche, h Gabel, i Abel)
Redaktion - August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen llniversitäts-Buch- und Steindruckerei. N. Lange, Gießen.


