Montag den 20. Juni
T5KSEÖT~aufe. H.Noii. Glessen..
äKTTiTS irBÄsJie
(Nachdruck verboten.)
Irüßtingsgürme.
Roman von Paul Oskar Höcker.
(Fortsetzung.)
Sie fühlte sofort heraus, daß Dieter unter dem Besuch schwer gelitten hatte. Er wollte zwar weder klagen, noch anklagen. Aber sie entnahm seinem Ton, seiner ganzen Art, die sich geradezu an sie zu klammern suchte, wie trostlos und verlassen er sich unter seinen Gästen gefühlt hatte.
Als sie zögernd, noch immer fchuldbewußt und unsicher, weitersorfchte, gab er ihr es endlich auch zu. Matt wehrte er ihr indessen: „Schuld daran trifft aber niemand als mich selbst. Franze. Ich mußte doch wissen, daß Gamering immer gleich so derbe wird. Ich bin jetzt auch fertig mit ihm. Schließlich hätte ich mir das alles vorher sagen können. Mer ich wollte gerade einmal wieder selbst so — so ein bißchen ausgelassen sein, weißt Du, — so zeigen, daß na ja, mein Gott, daß man noch lebt . . ."
Er versuchte ihr zuzulächeln, aber seine Stimme schwankte, es war ein unsagbar trauriger Ausdruck in seine blassen, durchgeistigten Züge getreten.
Fränze fühlte ein Würgen in der Kehle, das Herz zog sich ihr zusammen, und sie stammelte in tiefer Erschütterung: „Wie pflichtvergessen ich war, — wie unbarmherzig pflichtvergessen."
„Liebste, liebste Fränze!" suchte der Kranke sie zu beschwichtigen, selbst erschrocken über den tiefen Eindruck, den seine Hilflosigkeit aus sie ausübte.
.... Wie ein Schemen erschien vor ihrem geistig en. Auge das Bild jener fremden Frau, die sie auf der Herfahrt so greifbar deutlich vor sich gesehen, die sie sprechen gehört hatte, deren leidenschaftliche Forderungen ihr so unantastbar, so zwingend klar erschienen waren. Und für eine Sekunde rauschte und umbrauste sie's: das Meer, der Sturm — und sehnsüchtig sich steigernde, das Blut aufpeitschende, wollüstig trunken machende Harmoniken und melodische Liebesworte voll berauschenden Ueberschwangs. . . Aber im Nu entschwand das wieder, und sie sah klar und nüchtern die trostlose Umgebung, 1— den ohnmächtig der Gnade oder dem Spott der andern preisgegebenen Kranken. Und immer unnatürlicher, immer unbegreiflicher ward ihr der schonungslose Auftrag jener Fremden, die auf ihr heiliges Recht pochen wollte, während sie selbst ihre heilige Pflicht mit Füßen trat.
Ein Schwindel hatte sie erfaßt, sie tastete um sich, ein stöhnender Aufschrei kam aus ihrer Brust.
Im nächsten Augenblick lag sie auf den Knieen neben Dieters Stuhl, preßte ihr Antlitz in die Decke, die über seine erstorbenen Glieder gebreitet war, und weinte, weinte herzbrechend.
Er strich mit seinen zitternden £ in gern in der seltsam zuckenden Bewegung, die sie neuerdings angenommen hatten, über ihr Haar, beschwor sie, sich nicht zu grämen.
„Ach Bär!" sagte sie, noch immer schluchzend. „Ach Bär!"
„Was ist Dir, Fränze? Geh — ich ängstige mich um Dich. Ist denn das — etwa — bloß meinetwegen? Fränze?"
Sie antwortete nicht. Es ging wie ein Schütteln durch fre. Dieters Augen nahmen einen seltsam starren Ausdruck an. Seine Hände hielten inmitten der Bewegung wie in einem plötzlichen Krampfe inne.
„Fränze — um Herrgotts willen — sag mir, was Dir ist? Sag' mir doch, was Dir ist?"
Gewaltsam suchte sie sich aufzuraffen. Sie fuhr sich über das Antlitz, strich sich übers Haar, dann faßte sie in den Klagen und zog daran, als schwüre der ihr den Hals ein.
„Laß nur, laß nur, Bär. Es war bloß so ein Anfall, so ein dummer Anfall. . ." Unsicher erhob sie sich. „Ich bin nämlich draußen gewesen — ja, im Sturm draußen auf dem Wasser. Und — und da im Boot, da packte mich's . . ."
„Was denn — was packte Dich, Fränze?" fragte er tonlos.
Sie preßte die Arme an sich „Die Furcht, Dieter, 0, die grenzenlose Furcht, Du machst Dir keinen Begriff."
„Vor dem Sturm?"
„Ja, Dieter, vor dem Sturm, wie er daherkam — und dabei das Klingen, das Rauschen — und alles so groß, so gewaltig, so furchtbar. . ."
Sie sprach ohne eigenen Willen, ganz zügellos, es waren nur Empfindungen, die sich in wahllose Worte prägten. Sie hörte selbst voll Staunen, was sie sagte und wie sie die Worte setzte, wie seltsam abgerissen sie sprach Hätte sie ihm nun Mes gebeichtet, so wie es ihr fester Plan gewesen ivar, so wiq siW es unterwegs jene Fremde hatte sagen hören, — sie wäre nicht im stände gewesen, sich Einhalt zu gebieten, so wahnsinnig ihr's davor graute, sich 'zu verraten.
Aber unter den prüfenden, angstvoll forschenden Blicken Dieters, die sie noch immer auf sich ruhen fühlte, zwang sie sich dann doch allmählich zur Fassung.
Während sie noch sprach, nahm sie sich vor, ihrem Verzweiflungsanfall von kurz zuvor eine ungesuchte, mehr äußerliche Erklärung zu geben. Sie staunte dann selbst, wie leicht ihr die Verstellung gelang. Und ein gewisses Mitleid kam in ihr auf darüber, daß Dieter sich so unschwer täuschen ließ.
Sie tummelte sich jetzt geschäftig in der Wirtschaft, räumte die Flaschen und Gläser, Zigarrenkisten und Aschenbecher weg, richtete den Teetisch her, machte auf der Rietet und in der Küche Licht, während sie die Tür zu Dieters Zimmer offen ließ, um beim tzinundhergehen von der Fahrt!


