Ausgabe 
20.6.1904
 
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über die Mesen, von Kemeneits und von dem imvroVisierten Dampferausslug übers Haff zu erzählen, ließet' die äußeren Erlebnisse berichtete sie haarklein, wie sie das stets getan, schwärmte auch von den schönen Farben beim Sonnenunter­gang, nur daß sie in Zaraningken gelandet waren, das ver­schwieg sie.

Es kam sie mehrmals wie eine große Versuchung an, auch das noch zn-sagen, sie glaubte dann freier zu werden, dann noch mehr die Herrschaft über sich selbst zu finden. Aber eine seltsame Müdigkeit, eine traurige Leere über­fiel sie, so oft ihr Bericht daran streifte.

Dieter lauschte in tiefer Versunkenheit. Als sie endlich wieder zu ihm kam und ihm den Tee brachte, saß er noch immer regungslos da, vorgebeugten Hauptes.

Du hast ein Stück Gotteswelt gesehen, Fränze", sagte er leise und sinnend,es hat Dich aufgewühlt, es hat Dich erschüttert in seiner Wucht, seiner Grüße, und ich hab' hier inzwischen die Krone der Schöpfung zu Gast gehabt, das Ebenbild Gottes, den Menschen, und es hat mich so er­niedrigt, Fränze, seinen Egoismus, seinen Reinlichen Skep­tizismus ach, feilt eganze Erbärmlichkeit zu sehen."

Fränze ward ein innerliches Frösteln nicht los.Sprich nicht so sprich doch nicht so!" flehte sie. Aber ins Auge zu blicken vermochte sie ihm nicht.

Siehst Du, Fränze", suhr er mit gramvollem Ausdruck fort,von allen Freuden, allen Herrlichkeiten dieser Welt hat mir die Schöpfung ja längst nichts mehr gegönnt. Ich halte mich mit meinen armseligen Händen nur noch an der einen einzigen Hoffnung fest. Dem Glauben an Dich. Der ist mein Lebensinhalt geworden." Er atmete tief und schwer auf.Ja, Fränze, siehst Du, und d!a gibt's nun Leute, Freunde und getreue Nachbarn Spaßvögel, die grausamer als Scharfrichter die mit einem spottenden Wort Zweifel anfachen, einen Verdacht einen so ent­setzlichen Verdacht. . ."

Dieter!" unterbrach sie ihn schreckhaft, denn er rang plötzlich nach Luft, und die Stimme überschlug ihm.

Er wehrte erschöpft ab:Nun ist's ja vorbei, ist's überwunden. Keine Sorge, keine Sorge, Schatz. Ich hab' von der unbarmherzigen Menge, die da unten im Staube kriecht, endgiltig Abschied genommen. Ich bin aus die Höhe gewandert und hab' mich mrs Kreuz geklammert. Was kann sie einem Einsamen hier oben noch anhaben? Und lieber Gott was kann das Leben mir denn rauben, solang Du bei mir bist?" Er sah ihr lange in tiefer Ergriffenheit ins Auge.Mag die Welt draußen ihr Wesen treiben Du bist der Burgfriede hier, Fränze, der nichts Niedriges, nichts Häßliches über die Schwelle läßt. Nicht wahr, Fränze? Fränze, meine Fränze!"

Zitternd streckte sie die Hand nach ihm aus. Es war ihr, als ob eine fremde Macht sie dazu zwänge. Als sie feine Lippen auf ihrer Haut fühlte, schloß sie die Augen. Bitterer Gram furchte dabei ihre Züge, unendliches Weh sprach aus ihrem bleichen Antlitz.

Aber Dieter sah- es nicht. Er hatte sein Haupt tief und schwer aus ihre schlanke, nervöse Hand niedersinken lassen.

Er weinte. *

Tirsell war nicht zu erwecken gewesen. Sie brachte den Kranken also selbst zu Bett.

Allein Dieter lag dann noch stundenlang wach. Die Extravaganzen, die Aufregungen der letzten Tage rächten sich; er ward von quälenden Schmerzen heimgesucht. Um Mitternacht bat er sie um die Tropfen, die ihm der Arzt verschrieben hatte. Sie enthielten Morphium und sollten nur selten und in besonders schwierigen Fällen gegeben werden. Der Kranke gestand ihr aber endlich, daß er sich schon seit Wochen derart daran gewöhnt hatte, daß er ohne sie überhaupt nicht mehr einschlief. Tirsell hatte ihr das bis­her verschwiegen gehabt.

Sie blieb bis gegen ein Uhr neben Dieters Bett. Er hielt ihre Hand krampfhaft in der seinen. An dem all­mählich ermattenden Druck fühlte sie, daß das Opiat seine Wirkung tat. Als feine Atemzüge langsamer und leiser wurden, verließ sie das Zimmer unhörbar.

In ihrer kleinen Giebelstube oben war's kalt. Sie zündete alle Lampen an, dann trat sie nebenan an Saschas Bett. Der Kleine schlief seinen festen, gesunden Kinder­schlaf.

Lange stand sie da in schwermütigen Gedanken.

An den Fensterscheiben rüttelte der Wind, man hörte von Zeit zu Zeit vom Kesselhaus und Heizraum her, wo mit Mitternacht die erste Montagschicht einsetzte, das Klappern der eisernen Türen, zuweilen auch das Schüren in der Glut mit dem mächtigen Haken.

Ruhelos wanderte sie durch die beiden Räume, bis der Glockenschlag der Uhr, der die zweite Morgenstunde ver­kündete, sie aufschreckte.

Nun ließ sie sich müde und fröstelnd an ihren kleinen Schreibtisch nieder, zog einen Briefbogen hervor, stützte das Haupt auf und starrte auf das leere Blatt voller Furcht vor der Aufgabe, die jetzt ihrer harrte.

. . . Nein, nein, Hermann, Deine arme, dürftige schwache Fränze hat nun doch nicht den Mut gehabt, vom Schicksal ihr Glück zu fordern. Sie hat den Mut nicht zur Grausamkeit vielleicht auch nicht die Größe, die dazu ge­hört . . ."

10. Kapitel.

Als sich an diesem Morgen Patienten in Zupitzas Warte­zimmer einstellten, mußte ihnen die litauische Magd die Mitteilung machen, daß keine Sprechstunde stattfinde. Ihr Herr hatte in aller Frühe durch einen Jungen vom Saku- thener Sägewerk einen Brief bekommen, bald darauf war er weggegangen. Hinterlassen hatte er nicht, wann er zurück­käme, auch nicht gesagt, wohin er ginge. Auf dem Lötz­schen Werk war er nicht, das erfuhr die Amtsrichtersfrau, die interessiert herübergekommen war, auf eine telephonische Anfrage.

Stundenlang warteten die paar Bauersfrauen, die von weither gekommen waren, vergeblich. Erst gegen Mittag traten sie dann seufzend den Heimweg wieder an.

Zupitza hatte sich in seiner ersten Verzweiflung und Fassungslosigkeit, in die ihn Fränzes Brief versetzte, sofort auf den Weg nach Sakuthen gemacht.

Aber er war nicht ins Haus eingetreten, er traf Fränz« draußen auf dem Stätteplatz am Wasser bei den Arbeitern.

Der Wind blies über den Strom und trieb die zer­fetzten Wolken am Himmel hin, das Licht war weiß und scharf, die Luft klar und kalt.

Keiner von den Arbeitern auf dem Hofe, die um sie her ihren Geschäften nachgingen, hatte eine Ahnung davon, wie furchtbar die beiden miteinander rangen, wie sie an ihren Herzen rissen, daß es auf Tod und Leben ging zwischen ihnen!

Zupitza wollte an den Ernst dieses Abschieds nicht glau­ben. Aber aus ihren Worten klang es wie inbrünstiges Flehen und zugleich so fest und ernst, ja drohend, als ob sie ihm ein feierliches Gelübde ablegte: sie müsse, müsse, müsse, an Dieters Seite bleiben, müsse seine Pflegerin, sein Weib, seine Freundin und seine Gefährtin bleiben, bis die Natur selber sich seiner erbarmte.

(Fortsetzung folgt.)

Are Kötter des Krieges.

Von M. Maeterlinck.

Autorisierte Uebersetzung von Fr. von Oppeln-BroniwusU.

Die schreckliche Tragödie, die fern von uns am andern Welt­ende begonnen hat, bereitet uns mehr als ein Erstaunen. Zum erstenmale seit dem Anfänge der Geschichte erscheinen auf dem Schlachtfelde völlig neue Kräfte, die endlich gereist an das Licht treten aus dem Schatten Jahrhunderte langer Versuche und Vorbereitungen und nun statt der Menschen den Kampf führen. Bis auf diesen letzten Krieg (vom Burenkriege spreche ich nicht, er war unvollständig und zu ungleich) waren sie nur auf halben Wege erschienen, sie hielten sich abseits und wirkten nur von fern. Sie zögerten, sich ganz zu offenbaren, und es bestand immer noch ein Band zwischen ihrem ungewohnten Eingreifen und dem unserer Hände. Das Gewehr schoß nicht weiter, als unser Auge sah, und die zerstörende Wirkung des mörderischesten Geschützes, des furchtbarsten Sprengstoffes behielt menschliche Proportionen. Heute sind wir überflügelt, sind wir endgiltig abgedankt; unser Reich ist zu Ende, und wir find den ungeheuren und rätselhaften Gewalten, die wir zu Hilfe zu rufen wagten, gleich Sandkörnern preisgegeben.

*

Freilich war der Anteil der Menschen am Ausgange des Kampfes nie sehr groß und entscheidend. Schon in den Tagen Homers mischten sich die Olympischen Götter auf dem Schlacht­felde vor Troja unter die Sterblichen und lenkten, schützten oder schreckten die Krieger, während sie selbst, in eine Stlber- wolke gehüllt, fast unsichtbar, aber desto einflußreicher blieben. ^Aber. diele Götter waren noch wenig mächtig und geheimnisvoll.