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Wenn ihr Eingreifen auch übermenschlich schien, so spiegelte es doch nur die menschliche Gestalt und Psychologie wieder. Ihre Geheimnisse bewegten sich in der Bahn unserer engen Geheimnisse. Sie entstiegen dem Himmel unserer Vernunft, sie besaßen Leidenschaften, unsere Gebrechen, unsere Gedanken, und zwar kaum etwas gerechter, höher und reiner. In dem Maße, wie der Mensch in der Zeit fortschreitet und die Illusion hinter sich läßt, wie sein Bewußtsein zunimmt und die Welt sich entschleiert, werden auch die Götter, die ihn begleiten, größer, aber auch ferner, undeutlicher, aber unwiderstehlicher. Je mehr er lernt und begrMt, desto mehr überschwemmt die Flut des Unbekannten seine Menschenwelt. Je besser organisiert und je größer die Heere werden, je mehr sich die Waffen vervollkommnen, je mehr die Wissenschaft im Unterjochen fortschreitet desto mehr gehorcht es jener Gruppe von nnenträtselbaren Gesetzen, die man Glück, Zufall, Schicksal nennt. Man lese einmal bei Tolstoi die prächtige Schilderung der Schlacht von Borodino oder der Schlacht an der Moskwa, nach jenem Musterbeispiel der großen napoleonischen Schlachten, das den Eindruck völliger Wahrhaftigkeit macht. Die beiden Führer, Kntusoff und Napoleon, stehen dem eigentlichen Kampfe so fern, daß sie von ihm nur nichtssagende Episoden gewahren können und von dem, was eigentlich vorgeht, so gut wie nichts wissen. Kutusoff ist als Slawe überzeugter Fatalist; er hat den Glauben an die „Macht der Dinge". Dick, einäugig, schläfrig, wie er ist, liegt er auf einer mit einem Teppich bedeckten Bank und harrt des Ausganges der Schlacht, ohne einen Befehl zu geben; es genügt ihm, zu dem, was man ihm vorschlägt, ja oder nein zu sagen. Napoleon dagegen schmeichelt sich, die Ereignisse, die er nicht einmal sieht, zu lenken. Am Vorabend hat er den Schlachtbefehl diktiert; aber schon seine ersten Anordnungen werden infolge jener „Macht der Dinge", der sich Kutusoff überläßt, nicht ausgeführt und können es auch nicht. Trotzdem bleibt er dem imaginären Plane treu, den die Wirklichkeit völlig nmgewvrfen hat, und glaubt Befehle zu geben, während er, da er zu spät kommt, doch nur die Befehle des Zufalls aussührt, die seinen verstörten und toll gemachten Adjutanten überall vorauseilen. Und die Schlacht geht ihren von der Natur vorgezeichneten Gang, wie ein dahinströmender Fluß, der das Geschrei der an seinen Ufern stehenden Menschen nicht achtet.
Trotzdem ist Napoleon von allen Feldherren unserer letzten Kriege der einzige, der wenigstens den Schein eines, menschlichen Schlachtenlenkers wahrt. Die fremden Gewalten, die seinen Truppen beistandeNr und bereits über sie hinauswuchsen, steckten noch in den Kinderschuhen. Doch was würde er heute tun? Würde .e§ ihm gelingen, auch nur ein Hundertstel des Einflusses auszuüben, den er damals auf das Los der Schlachten hatte? Heute sind die Kinder des Mysteriums erwachsen, und neue Götter herrschen über unsere Bataillone, treiben unsere Schwadronen vor oder sprengen sie auseinander, brechen unsere Schützenlinien, lassen unsere Festungen wanken und bohren unsere Schiffe in den Grund. Sie haben nicht mehr Menschengestalt, sie tauchen aus dem ursprünglichen Chaos hervor, sie kommen von weiter her als ihre Vorgänger, und alle ihre Macht, ihre Gesetze und Absichten liegen außerhalb unserer Lebenskreise und jenseits unserer Verstandessphäre in einer völlig verschlossenen Welt, welche die größte Feindin der Geschicke unserer Art ist: der gestaltlosen und brutalen Welt der trägen Materie. Und diesen blinden und furchtbaren Unbekannten, die nichts mit uns gemein haben, die Anregungen und Befehlen gehorchen, welche ebenso unbekannt sind, wie die, welche die in fabelhaftester Ferne schwebenden Gestirne lenken, diesen undurchdringlichen und unwiderstehlichen Kräften überlassen wir die Sorge, das zu lösen, was den höchsten Fähigkeiten der Lebensform, die wir allein auf Erden bekleiden, am ausschließlichsten und eigentlichsten zusteht. Diese unklassifizierbaren Ungeheuer betrauen wir mit der fast göttlichen Ausgabe, als Vollstreckerinnen unserer Vernunft zu werken und den Ausschlag zu geben, was gerecht und ungerecht sei...
Welchen Gewalten haben wir also unsere eigentlich mensch- lichen Privilegien übergeben? — Ich denke mir manchmal, wie es wohl wäre, wenn jemand die Gabe hätte, alles zu durchschauen, was um uns vorgeht, alles, wovon das Licht bevölkert ist, in dem unsere Augen sich baden und das wir für durchsichtig und leer halten, wie ein Blinder, die Finsternis, die seine Stirn umgibt, für leer halten würde, wenn andere Sinne ihn nicht eines Besseren belehrten. Gesetzt, unser Ange durchdränge einmal das Spiegelglas dieser gläsernen Kugel, in der wir leben, und die uns immer nur unser eigenes Antlitz, unsere eigenen Gebärden und Gedanken widerspiegelt. Gesetzt, wir durchdrängen eines Tages all die Scheinbarkeiten, die uns einkerkern, wir blickten durch bis zu den wesentlichen Wirklichkeiten, und das Unsichtbare, das uns von allen Seiten umgibt, niederschlägt, wieder aufricytet, vorwärts treibt, stillstehen oder zurückweichen heißt, enthülle mit einemmal die ungeheuren, schrecklichen und unbegreiflichen Gestalten, welche die Naturgesetze und Phänomene, deren gebrechliche Spielzeuge wir sind, irgendwo in einem Winkel des Weltenraumes annehmen müssen. Man sage nicht, das wäre nur der Traum eines Dichterhirns!
Jetzt befinden wir uns im Traume, in dem winzigen Traume der menschlichen Illusion, jetzt, wo wir uns einreden, daß diese Gesetze weder Antlitz noch Gestalt haben, jetzt, wo wir ihren allmächtigen und unermüdlichen Einfluß so leicht vergessen. Dann aber würden wir in die ewige Wahrheit des Lebens eintoten, des grenzenlosen Lebens, in dem unser Leben schwebt. Welch niederschmetternder Anblick würde das sein, und welche Offenbarung, die alle menschliche Energie in der Tiefe ihrer Nichtigkeil mit Entsetzen schlüge und lähmte! So würde man z. B. unter manchen anderen illusorischen Triumphen unserer Blindheit die zwei Motten sehen, die sich zum Kampfe rüsten! Ein paar Tausend Menschen, die im Verhältnis zu den eingesetzten Kräften so verschwindend wenig und so ohnmächtig sind, wie eine Fingerspitze voll Ameisen in einem jungfräulichen Walde, einige tausend Menschen schmeicheln sich, zu Nutz und Frommen einer dem Weltall unbekannten Idee die unberechenbarsten und gefährlichsten feiner Gesetze zu unterjochen und zu benutzen. Man versuche einmal, jedem dieser Gesetze eine Gestalt und Physiognomie zu geben, die seiner Macht und seinen Funktionen angemessen ist. Um nicht gleich am Unmöglichen und Unvorstellbaren Schiftbruch zu erleiden, lasse man die tiefsten und gewaltigsten, wenn man sie fürchtet, einmal außer acht, zum Beispiel die Gesetze der Schwerkraft, welcher die Schiffe gehorchen und das Meer, das sie trägt, und das Land, das die Meere trägt, und alle Planeten, welche die Erde in der Schwebe halten. Man müßte die Elemente, aus denen sie besteht, in solcher Ferne, in solchen Unendlichkeiten und Einsamkeiten, weit hinaus über so und so viele Gestirne suchen, daß das Weltall selbst nicht genügen würde, um ihr eine Maske zu leihen, noch irgend ein Traum, um ihr eine annehmbare Gestalt zu geben.
Nehmen wir also vorlieb mit den begrenztesten, — wenn anders es solche gibt, die Grenzen haben —, mit denen die uns am nächsten stehen, — wenn es solche gibt, die uns nahe stehen. Beschränken wir uns einstweilen auf die, welche die Schiffe in ihren Flanken tragen, die wir für besonders folgsam und für das Werk unserer Hände halten. Welches UngeheueranÜitz, welchen Riesenschatten leihen wir wohl — um nur von ihr zu sprechen — der Kraft der Sprengstoffe, dieser letzten unter den neuen Göttern, die alle früheren Götter im Tempel des Krieges entthront haben? Woher, aus welchen Tiefen, aus welchen unerforschten Abgründen kommen diese Dämonen, die bisher nie das Tageslicht erblickt hatten? Welcher Familie des Schreckens, welchem unverhofften Schoße von Mysterien sind sie entsprossen? Melinit, Dynamit, Panklastit, Kordit und Roburit, Lyddit und Balistit, — lauter unbeschreibliche Gespenster, neben denen das alte Schwarzpulver, der Schrecken unserer Väter, ja selbst der Blitzstrahl, der für uns die tragischeste Gebärde des göttlichen Zornes bedeutete, wie gute, etwas schwatzhafte Weiber dastehen, die zwar ein loses Handgelenk haben, im übrigen aber fast harmlos und mMerlich sind, — noch hat niemand das oberflächlichste Eurer zahllosen Geheimnisse gestreift, und der Chemiker, der Euch tnt Schlaf zusammensetzt, wie der Ingenieur oder Artillerist, die Euch erwecken, leben in gleich tiefer Unkenntnis über Eure Natur, Euren Ursprung, Eure Seele, die Triebfedern Eurer unberechenbaren Explosionen und die ewigen Gesetze, denen Ihr plötzlich gehorcht. Seid Ihr die Empörung der seit unvordenklichen Zeiten gefesselten Naturkräfte oder die blitzende Verklärung des Todes, die fürchterliche Heiterkeit des sich schüttelnden Nichts, ein Ausbruch des Hasses, oder ein Ueberschwang der, Freude? Seid Ihr eine neue Lebensform, deren Glut die geduldige Arbeit von zwei Jahrtausenden in einer Sekunde verbraucht? Seid Ihr ein Blitz des Weltenrätsels, der in den Gesetzen des Scywel- gens, die es ersticken, einen Spalt fand? Seid Ihr ein verwegener Vorschuß an Kraft aus der Energiequelle, bie unsere Erde int Weltenraume hält? Vereinigt Ihr in einein Augenblick und zu einem unvergleichlichen Sprung nach einem neuen Scyick- sal alles, was sich im Geheimnis der Felsen, der Meere und Gebirge vorbereitet, bildet und anhäuft? Seid Ihr Stoff oder Kraft oder ein dritter, noch namenloser Zustand des Lebens ? Woher nehmt Ihr die Kraft zu Eurem Zerstörungswerk, wo setzt Ihr den Hebel an, der einen Kontinent spaltet, und woher stammt Eure Kraftleistung, die bis über die Zone der Gestirne hinaus wirken kann, denen die Erde, Eure Mutter, ihren Willen fühlbar macht? v r r, cc.
Auf alle diese Fragen wird der Gelehrte, der Euch erschafft, einfach antworten: „Eure Kraft resultiert aus der plötzlichen Entwickelung einer großen Gasmenge in einem zu engen Raume, als daß sie unter dem einfachen Luftdruck beisammenbltebe. Damit ist sicherlich alles beantwortet und alles eryart. Wir sehen bis auf den Grund der Wahrheit und wissen fortan, wie in allen Dingen, woran wir uns ;n halten haben. . .
Künftige Wirkung des AadfaHrens Sei Magenkeiden.
Von Dr. .Hans Fröhlich.
(Nachdruck verboten.)
Einstimmig wird von allen Radfahrern die hervorragend appetitsteigernde Wirkung dieses Sportes gerühmt. Eine wahre Freude ist es, einem Stahlroßreiter nach mäßiger, nicht über-


