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anstrengender Fahrt beim Essen zuzuschauen, wie er schmunzelnd ganze Berge von Speisen vertilgt. Diese mächtige Anregung des Appetites ist die Folge der Bewegung und Muskelarbeit in frischer Luft. Körperliche Arbeit macht Hunger, denn wir verdauen nicht nur mit dem Magen, sondern gewissermaßen mit Armen und Beinen. Durch das Treten der Maschine und die dadurch bewirkte abwechselnde Anspannung und Erschlaffung der Bauchmuskeln findet aber auch eine Unterleibsmassage ersten Ranges statt, Magen und Darm wird außerordentlich in seiner Tätigkeit angeregt, die Verdauung gewaltig befördert, der ganze Stoffwechsel beschleunigt:
Und rascher kreist in den Adern das Blut,
Es stählt sich der Körper, es wächst der Mut!
Hierzu kommt die anhaltende Erschütterung des gesamten Organismus, welche eine milde Art von Vibrationsmassage darstellt und beim Ritter vom Pedal doch nicht so stark erschütternd wirkt wie beim Ritter zu Pferde.
Aber nicht nur bei Gesunden steigert sich nach Radansflügen ausnahmslos das Nahrungsbedürfnis, sondern auch Magenleidende erfahren eine wesentliche Aufbesserung ihres darniederliegenden Appetites. Daher ist das Radfahren in allererster Reihe jenen Tausenden zu empfehlen, welche durch ihren Beruf an eine sitzende Lebensweise gebunden sind und infolgedessen an Appetitlosigkeit oder schlechter Verdauung und deren Übeln Folgen leiden. Ungezählte blasse, empfindliche und verdüsterte Stubenhocker gewinnen nach Erlernung des Radfahrsports ein frisches heiteres Aussehen und guten Appetit; sie können dann gar nicht genug rühmen, welche Erlösung von ständiger Pein ihnen die Stahlmaschine gebracht hat, und lernen an ihrer ge-, steigerten Lebens- und Arbeitslust die Wahrheit kennen:
Soll geisüges Leben wohl gedeihen. Muß der Leib ihm Kraft verleihen!
Unendlichen Nutzen bewirkt das Radfahren ganz besonders bei nervösen Verdauungsstörungen, zumal wenn damit verbunden ist Neurasthenie oder Hysterie oder Blutarmut. Es ist eine bekannte Tatsache, daß bei den meisten bleichsüchtigen jungen Mädchen der Appetit schleckt nnd die Verdauung höchst unregelmäßig ist, die Tätigkeit der Unterleibsorgane sehr darnieder- liegt, und was derlei Beschwerden mehr sind. Hier gerade beweist seit Jahrzehnten der überaus günstige praktische Erfolg den großen Heilwert des Radfahrens. Selbst schwerer neroöse Foriu u von Appetitlosigkeit mit fast unüberwindlicher Abneigung nnd Furcht vor der Nahrung haben dadurch Heilung gefunden.
'.'.i.’ häufigsten Magenleiden sind entschieden diejenigen, welche durch Tiätfehler hervorgerufen werden, sei es, daß man von einer einzelnen schwer verdaulichen Speise zu viel genießt oder überhaupt den Tafelfreuden zu sehr huldigt. Zur Beseitigung dieser „Magenverstimmungen" wende man nicht allerlei scharfe und saure Delikatessen und starke Getränke an, sondern lasse den überangestrengten Magen hungern und mache einen Rad- ansflug in mäßigem Tempo. Ganz wunderbar schnell werden daun die lästigen Erscheinungen weichen. Dasselbe gilt für Magenkatarrh jeder Art, wofern er nicht als Begleiterscheinung schwerer organischer Grundleiden auftritt. Auch auf diejenigen Magenleiden, welche beim „herrlichen" Geschlecht so zahlreich sind infolge zu großer Huldigung von Bacchus und Gambrinus, hat der Radfahrsport höchst segensreiche Wirkung.' Da schwinden alsbald alle Jammergefühle und Seekrankheitssymptome und machen einer wohligen, von allem Unbehagen befreiten Verfassung Platz, welche durch den allmählich ins großartige vermehrten Appetit sich bis zu einer nie gekannten Gesundheitsfreudigkeit steigert.
Ein gleich günstiger Einfluß zeigt sich auch bei der vielverbreiteten sogenannten „Magenschwäche", mit welcher fast nach jeder Nahrungsaufnahme Sodbrennen, Druck- und Vollgefühl, Ausstößen, Brechreiz verbunden sind.
Fühlt sich nun der magenkranke Radfahrer endlich von seinen Beschwerden befreit und ist der Appetit neu erwacht, so muß er doch noch längere Zeit die früheren Diätvorschriften einhalten. Namentlich darf er nicht nach einem Ausfluge an der verlockenden Tafel im Essen und Trinken darauf lossündigen. Ferner muß er dafür sorgen, daß die Verdauungsorgane beim Fahren nicht beengt oder gedrückt werden durch enge Gürtel, festes Schnüren oder — was sehr wichtig — durch gebückte kruimne Haltung.
Einen großen Fehler begehen manche Magenleidende dadurch, daß sie nach dem Grundsätze „viel hilft viel" gleich von Anfang an zu schnell und zu lange fahren, in der Hoffnung, auf diese Weise einen größeren Appetit hervorzurufen nnd ihre Beschwerden schneller loszuwerden. Eine solche Kur rst aber ganz falsch und direkt schädlich, da Ueberanstrengung den Appetit gerade vermindert und den Körper schwächt. Im Anfang soll nur s hr mäßig und langsani geradelt werden. Einen Kilometer lege man nie schneller als in 5 Minnten zurück und durchfahre den Tag über höchstens 40 Kilometer.
Den besten gleichsam experimentellen Beweis für die heilsame Wirkung des Radfahrens bei Magenkrankheiten bildet die bekannte Tatsache, daß im Winter, in der „radfahrlosen" Zeit, bei vielen Rückfälle ihrer Leiden sich einstellen nnd erst mit
den tru Frühling wieder aufgenommenen Radtouren abermals schwinden. Daher muß man diese ungünstige Wirknng der schlechten Jahreszeit mildern, inbem man jeden schönen Wintertag ausnutzt und auch sonst fein Stahlroß regelmäßig in gedeckten Fahrbahnen tummelt, die es ja in dielen Städten gibt.
Im Sommer aber fleißig hinaus in die herrliche Natur! Namentlich die ersten Morgenstunden sind von heilkräftiger Wirkung auf Körper und Gemüt! Das wonnige Gesundungs- Gefühl, das sich dann einstellt und alle Glieder durchströmt, rst unbeschreiblich. Darum rafft euch auf alle, die ihr magenkrank seid! Auf's Rad und hinaus zur allheilenden Mutter Natur!
vermischtes.
*Jch willdir zeigen, was eine Harke ist. Diese Redensart, die bekanntlich bedeutet: ich will dir etwas gehörig, in handgreiflicher Weise klar machen, wird auf die Erzählung von einem Bauerrrsohne zurückgeführt, der, nach langem Aufenthalt in der Fremde Heimgekehrt, verächtlich auf die väterliche Wirtschaft herabsieht und vorgibt, nicht einmal mehr zu wissen, was eine Harke ist. Als er jedoch aus Versehen auf die Zähne einer Harke tritt und ihm dabei deren Stiel ins Gesicht schlägt, vergißt er alle städtische Bildung und ruft aus: Au, du verdammte Harke! Dem entspricht die Wendung „er kennt die Harke nicht" von einem der so tut, als fei er in der Heimat fremd geworden und als verstehe er seine Muttersprache nicht mehr, ein Ausdruck, der besonders in Holstein in der Form „He kennt de Hark nig" üblich ist. Friedrich von Hoffs hat die Geschichte von dem Bauernsohn in folgende launige Verse gebracht:
Der Rechen.
Der Stoffel war drei Vierteljahr Im Franzenland gewesen.
Das Deutsche halt' er schier verlernt, Er könnt' es kaum noch lesen.
Er trat ins Zimmer mit bon jour Statt mit dem guten Tage.
„Comment — wie sagt man gleich auf deutsch?" War seine dritte Frage.
Bei Tisch begrüßt' er Pommes de terre ES Wie mundeten sie Stoffeln!
„Comment? Wenn ich nicht irre bin,. Sagt man auf deutsch: Kartoffeln."
Nach Tische ging er in den Hof. Ta lag ein "neuer Rechen; Ter mochte mit dem blanken Stiel Ihm in die Augen stechen.
„Comment?" Er zeigte mit dem Fuß lind trat aufs untere Ende;
Der Rechen richtet sich empor .•= O unverhoffte Wende!
Ein derber Schlag auf Naf und Maul Lehrt plötzlich deutsch ihn schrecken.
Er greift nach seinem Kopf und schreit:
„I du verdammter Rechen!"
Rösselsprung.
(Nachbildung verboten.)
Auflösung in nächster Nummer.
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fest
ob
Auflösung der Charade in vor. Nr.r Bergmann.
Redaktion: 8(uauft Götz. — NotaUcnstrnck und T erlag der Brühl'schen Umrersitats-Buch- und Etciudruckerei. N. Lanae. Gießern


