Ausgabe 
21.7.1902
 
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Fräulein ich da

Wie gewöhnlich saß Traute ausruhend auf dem alten Gemäuer des Brückengeländers, und freute sich ihres Feier­abends nach der langen Haft im Kontor, als plötzlich eine Magd eisig über die Wiese gelaufen kam.

Fräulein", rief sie schon von weitem,Fräulein möchten schnell nach Hause kommen, es ist Besuche da em Herr"

Die drei Damen in Kienberg hatten unterdessen stille arbecksame Wochen verlebt. Hulde und Traute feilten iftrp W ihren neuen Beruf, und obgleich ihnen

zuerst die ausdauernde Arbeit, das Mutz ihrer Vflicliten schfoer wurde, empfanden sie doch große Genuglhuung

Hulde hatte die Kasse und die Wirtscbasisbücbpr fiir f außerdem alle Pflichten einer igaussrau. Die Briefe an Egon wurden nur nnrh ben ^eierabendstunden ^geschrieben, denn sie nahm ihre lttntoiffe°unher&^n6' b Mangel praktischer

« f Erfahrungen sehr fühlbar wurde, machte

ne sürs erste eme ordentliche Lehrzeit durch bei her

Au,t9e Frau des Fabrikführers, eine außerordentlich

2tla.^te l'and weniger Schwierigkeiten in der Aus- Fed^ unbC lw war gewandt mit der

aearbeitet l^^^^ " tn ben Geschäftsstil ein-

üfiSp SS; 'Vf-«ulWe lt)r die Korrespondenz und nur L9CfoS6eret bte Fabrik keine große Anstrengung,

der anhaltenden Arbeit, den sie nicht i gewöhnt war, siel ihr oft entsetzlich schwer Taa HlrSm» i von Morgens bis Abends, mit der geringen lsiiterbreckmna der Erholungsstunden, in dem kleinen Kontor der Fabrik Pfren and trockne Geschäftsbriefe und stahlen m schreiben, war nicht so leicht, wie sie es sich in ihrer ^ea Begeisterung für ihren Beruf vorgestellt hatte.

freie, müßige Leben, das sie gewöhnt war ließ I Natur aufbäumen gegen diesen Zwang ' und ! E Mtte sie mit tätlicher Müdigkeit und Abspannung zu kämpfen. Dann wurden ihr der Schreibstuhl ui!d das

Sie war ganz außer Atem, und als sie sah, daß Traute ihrem Ruf folgte, kehrte sie um, und lief ebenso schnell davon, wie sie gekommen war.

v Traute hätte fast aufgeschrieen vor Freude. Sie dachte an niemand anders als an Paul Lehmigke. Ihre Kniee versagten jedoch fast vor Schreck, als plötzlich zwischen den Weiden am Ufer Camills hohe Gestalt auftauchte. Lang­sam ging sie ihm entgegen.

Du hast mich nicht erwartet, Traute", sagte er, »aber, was ich Dir zu sagen habe, konnte ich nicht schriftlich abmachen."

Er hielt ihre Hand fest, und beide standen sich einen Augenblick schweigend gegenüber. Eine große Enttäuschung wirkte lähmend auf Traute.

Ich kann es Dir gleich hier sagen", fuhr Camill fort, ,,vielleicht find wir hernach nicht mehr so ungestört. Du hast mir den Abschied gegeben, und ich durfte es Dir mcht übel nehmen, denn kein Mädchen bringt gern ferne ganze Jugend mit Warten zu. Aber daß Du Dich von r dem Schnapsritter hier umgarnen ließest, das hätte ich selbst Deiner Unerfahrenheit nicht zugetraut." w "Was meinst Du?" fragte Traute, und ihre Stimme klang hohl.

Ich kann, nur eins meinen. Gr hat Deine Notlage benutzt, um Dich ganz in seine Gewalt zu bringen. Er war ja von jeher bis über die Ohren in Dich verliebt. Denn wenn solch ein Geldsack ein Mädchen ohne einen Wen-

ans Herz gewachsen, tote ein eigenes Kind. Sie wär ja immer so sieb und gut zu uns alten Leuten. Und nun ist sie tont fort, und mein armer Mann muß sterben, ohne ihr Lebewohl sagen zu können."

Paul stand einen Augenblick stumm und nachdenklich. Daun sagte er mit einem plötzlichen Entschluß: ,. "Ho- werde an Fräulein Traute sofort schreiben, daß sie sofort herkommt. Natürlich als mein Gast. Oder ich werde telegraphieren, da es Eile haben könnte."

Frau Graumann war ganz überwältigt von dieser Güte. Sie erbot sich, graute bei sich zu logieren, wie sie schon einmal gethan hatte. Aber davon wollte Lehmigke Nichts wissen. d

Das bringe zu viel Unruhe in ein Haus, wo ein Schwer- kranker sei, und sie habe genug mit der Pflege ihres Mannes zu thun.

, t,.®r S"ig sofort nach Hause, um feinen Vorsatz aus- Sufuhren Nachdem er ein ausführliches Telegramm auf- gegebcn hatte, suchte er feine Frau auf.

Er fand Alma und Natta in den Wirtschaftsräumen wo sie mit dem Ginmachen von Früchten beschäftigt waren totner e* die zornige, scheltende Stimme

4? '* 9eto*en ei8briM °m«n Natta hatte eben sämtliche Etiketten zu den Reine- nfffpw" auJ Eser mit den eingemachten Pfirsichen vst,b bekam eine gehörige Lektion. Auch die Wirt­schafterin heulte, denn es ging heute wieder einmal scharf I fier bte öeinfte Unordnung entging den Blicken

einest Wft5 ei-Ae süchtige Hausfrau, es war! fY,e U ' stDte tfjr bte Arbeit unter den Händen | Mr' 4ie ?aSt urvße Personal ihres vielseitigen Dstst, basies dirigierte, so daß jeher und alles an seinem I Btuii^«1rp?ySetWal überrascht aus bei der Mit- bemerkte^ie? ® W ' Uttb nut etlIeln fatalen Lächeln

, »Wie rührend, daß der alte Mann so aroße ©efin hießt I 6at! 4VW vivrgen ein Zimmer für Fräulein I er6'Tt $~ben' .ltnb Pe höflich aufnehmen?" sagte | ihr Gatte itm Ton einer Frage. 1 B !

Meinetwegen mag sie kommen, ich habe nichts da- I gegen tvar die scheinbar gleichgiltige Antwort

,Aha! sagte die Kommerzienrätin nur, als sie I bau Trautens bevorstehendem Untreffen hörte. Es war ! ein sehr ausdrucksvollesAha",

Achtundzwanzigstes Kapitel.

I Pult zu wahren Marterinstrumenten, und es war, als ob die engen Kontorwände sie ersticken wollten 9

I w Aber es gäb etwas, dV ihr inttner wieder Mut, | Ausdauer und frische Kväfte versieh. Das war der Ge- I danke an Paul Lehmigke, und sein arbeitsames Leben I und der Wunsch, seinen Anforderungen zu genügen. '

Arbeit war das Geheimnis seines Erfolges, uner- I niudliche, rastlose, eiserne Arbeitsenergie. Die traurigen Nahrungen ihres Lebens hatten sie den Wert diese« I st!Ä,tfgkeck erkennen gelehrt, und sie schämte sich ihre« I Schwache. Immer wieder raffte sie ihre Kväfte und ihre Geduld zusammen, um ihm nachzustreben, um ihm Achtung und Anerkennung abzuzwingen.

I r. . Sle hatte ihn so sehr vermißt, als er Kienberg ver- I In' unb - Pe freute sich auf feinen nächsten Besuch. Gr I batte versprochen, bald wiederzukommen ob er Wort | halten wurde?

I T. wurde ihr seltsam bange in der Einsamkeit

c'^«^l^nthalts. Wie vergessen und verschollen fühlte sie sich wie gefangen und verzaubert in der schweigen-

I k- 7urbe« bt®Pr Walder. Als könne sie nie wieder hinaus, das Gluck me erreichen, das große, sonnige Glück, das draußen irgendwo auf sie wartete.

an. üvd eine Sehnsucht wie Fieberglut Brannte in ihren Ahrrn. Erne Sehnsucht wonach? Nach ettoaS wunderbar ! Süßem, Seligem aber es war eine Ahnung, ein Traum.

Oft kam eine tiefe, stille Traurigkeit über sie, wie um etwas Verlorenes, das sie doch nie besessen. Dann Quälte sie das feierliche, monotone Rauschen des Wehrs, dessen gewaltige Musik Tag und Nacht nicht schwiea. sprach wie eine Schicksalsstimme in alles hinein, es gab kein Verschließen des Ohres dagegen, kein Entrinnen.

Manchmal, aber das war jetzt selten, überkam sie ein last ausgelassener Jubel. Dann war alles leicht, feder­leicht, das Schicksal und das Leben und die Arbeit.

In dieser Stimmung kam sie eines Abends aus der Fabrik, und ging ihren gewöhnlichen Weg über die Brücke dem Hause zu. Der Wend war wonnig, Wiesenduft und Wasserkühle wehten ihr auf der Brücke entgegen, Kien- berg lag in einer Niederung, und die Hitze hatte es noch nicht auszutrocknen vermocht.

Mit gewaltiger Triebkraft wucherten Laub und Gras auf dem feuchten Boden, und das Flußufer war eine blühende Wildnis von Baum, Busch und hohem, blumi­gem Gras, in das die schrägen, roten Strahlen und langen Schatten der Abendsonne sielen.