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Einige Minuten später traten Fesim Godunow, seine Frau Alexandra und seine Tochter Tatiana in den Salon.
„Sie wollten mich nicht allein nach Mschni ziehen lassen", erklärte Jefim gut gelaunt, nachdem das Glückwünschen vorüber war, „und so habe ich kurz entschlossen die ganze Familie mitgenommen."
Mit mütterlichem Stolze blickte Alexandra Michai- lowna auf die glückstrahlende Tochter und auf den Hünen, der nun ihr Sohn geworden war. Frommen Glaubens betete sie im Stillen zum heiligen Theodosius von Kiew, daß er das junge Paar allezeit gnädiglich beschirmen möge.
Ernst schaute Tatiana drein. Nicht, als ob sie den Beiden das Glück mißgönnt hätte — sie mußte an die Vergangenheit denken, an leidvolle Tage, an versunkene Liebe, an zertrümmerte Hoffnungen.
Jefim Mochte wohl ahnen, was seine Tochter bewegte, denn er schlang plötzlich den Arm um sie, küßte sie auf die Stirn und tröstete leise: „Kopf hoch, mein Kind! Auf trübes Wetter folgt Sonnenschein. Auch Du wirst noch rufen: Es ist eine Lust, zu leben!" —
Heute war es wirkliche eine Lust, zu leben; denn die Sonne strahlte in vollster Pracht vom blauen Himmel herab und ließ das Wasser des gewaltigen Stromes glitzern und leuchten, als sei jede Welle ein schimmernder Diamant. Und jenseits des Stromes schweifte der Blick in die von satter Ruhe gestillte Ebene, die sich gleich einem Meer mit grünen Wogen weithin dehnte bis zu den dunsten, schwergenden Wäldern, die fern am Horizont duftig verschwammen.
„Ein herrlicher Tag!" rief Jefim, der mit den Seinen auf dem Quai stand, und sich nicht satt sehen konnte.
Vorn ragte ein Mastenwald empor und brauste das Leben. Fahrzeuge, oft von sonderbarer Bauart, schossen int bunten Wechsel vorüber, Frachten wurden eingenommen, dreistöckige Passagierdampfer, sogenannten „No- winkt", ernten mit einem großen Rad, die Maschine im Achterteile und die Kessel am Bug- lichteten unter schrillem Pfeifen die Anker, und jetzt glitt stolz und ruhig ein großer Frachtdarnpser an eine der Landungsbrücken heran.
Jefim setzte sein Glas auf. „Das ist der Rurik", rief er lebhaft, „er ist über die Kanäle gekommen! Galgant, Chinawurzeln, Thee und alle meine anderen Einkäufe werde ich ihm mitgeben."
Der Rurik! In Jefim Godunows Tochter wallte es fcint^ auf, ihr Herz pochte, ihr Gesicht wechselte die Farbe. Das Sonnenlicht lag zitternd, glänzend und blendend auf dem Dampfer, so daß sie die Hand heben und die Augen, die suchend über das blank gescheuerte Deck schweiften, beschatten mußte. Sie fand, den sie suchte. Fcfft und energisch, frei und stihn stand er, den Blick auf das Menschengewoge gerichtet, neben dem alten Kapitän Grekow auf der Kommandobrücke.
„Er hat Deinen Bruder in den Tod getrieben", flüsterte ihr eine innere Stimme zu. Und eine andere: „Es ist eine Lust, zu leben!"
„Wir müssen nach Hause, es wird schon kühler", hörte Tatiana die Mutter mahnen.
Sie wandten sich und schritten zum Hotel.
„Morgen ist auch noch ein Tag", flüsterte Jefim. „Wir werden den Marienwald auf den Oka-Höhen besuchen, den die Nowgoroder für den schönsten der Welt erklären/« —
„Wenn Sie nichts Besseres Vorhaben, Borts Mitrofanowitsch", hatte Jefim Godunow am Morgen nach Abwickelung aller Geschäfte einladend gesagt, „dann kommen Sie zum Marienwalde Linaus. Wir treffen uns in der Meierei, wo sich heute die halbe Messe mit ihren Damen Versammeln wird."
Nun stand Boris Mitrofanowitsch, nachdem er Jefim Godunow, Alexandra Michailowna und das Brautpaar begrüßt, vor Tatiana. Sein Blick suchte ihre Augen, um in ihnen zu lesen, was der Mund verschwieg.
„Die Menschen", sagte er gedämpft, „sind wie das Rote Meer: Eben erst hat sie der Stab getrennt, und hinterdrein fließen sie gleich wieder zusammen. Es war Wein Hoffen, daß sich auch an uns die alte Wahrheit erfüllen werde/«
Sie fühlte, daß, sein Herz sprach und um Liebe bat. Aber die grausame Stimme in ihrer Brust mahnte an den Bruder, der um der Gerechtigkeit willen geopfert ward.
„Gewiß, sie fließen äußerlich wieder zusammen, die getrennt waren", gab sie leise zurück, „aber innerlich bleiben sie sich fremd, wenn ihnen die versöhnende all- barmherizge Liebe fehlt."
Der schmerzliche Ausdruck seiner Züge bewies, daß! ihre Worte eine schwere Wunde geschlagen. Leid überkam sie, die grausame Stimme in ihrer Brust verstang, laut mahnte eine andere, selbst in versöhnender Liebe zu handeln, und wie in stummer Bitte um Verzeihung reichte sie ihm die schmale weiße Hantz, -die er schon länM ersehnt hatte.
„Tatiana Jefimowna", wandte er sich, zu ihr, als sie abseits von den anderen aus den Oka-Höhen standen und ihre Blicke über das weite Land schweifen ließen, „sehen Sie, wie die Ebene sich unermeßlich dehnt und wie schweigende Einsamkeit aus ihr ruht? Im Getriebe des Lebens mit allen meinen Kräften schaffend, habe ich trotz meiner Arbeit in letzter Zeit das Gefühl, als sei ich ein einsamer Wanderer in solcher verlassenen Gegend. Mein Herz sehnt sich nach der Gefährtin, die so kühn sein tvlll, mich zu begleiten, aus daß die Einsamkeit schwinde. Diese Gefährtin, wagte ich zu hoffen, wird Tatiana Jefimowna sein, die ich'liebe, wie ein ehrlicher Mann nur lieben kann, und der mein Herz schlagest wird bis zum seligen Ende!"
Sie waren in erneu Waldweg eingetreten und gingen still neben einander.
„Jahre hindurch bin ich eine Fremde unter dem Dache meines Vaters gewesen", sagte sie nach einer Weile, tn der sie nach Fassung gerungen, tief bewegt, „und nun habe ich gelobt, int Elternhause zu bleiben, und eins treue Tcck'ter zu sein. Dieses Gelöbnis will ich auch halten/«
Er war stehen geblieben und schaute sie mit seinen leuchtenden Augen an, als ob er noch ein einziges Mal ihre Gestalt erfassen wolle, um sie nimmer zu vergessen.
„Ein scböner Wahn — nun ist er zerronnen", rtef er leise. „Leben Sie wohl, Tatiana Jefimowna! Der beeilte \u
Sie schaute ihm nach, wie er ruhig und stolz davoit- schritt. Nur noch Wenige Schritte, und er mußte um die Waldecke verschwinden. Ein gewaltiges Weh zuckte in ihr auf, sie Durfte ihn nie und nimmer verlieren, sie liebte ihn — jetzt erst wurde es ihr llar — mit der ganzen! Krraft ihres Herzens.
„Boris Mitrosanotvitsch!" rief sie laut und angstvoll, während sie die Hände hob.
Und er stürzte zurück. Mit seinen starken Armen umfing er die Schluchzende, die unter Thränen in heißer Liebe zu ihm entporsah, während die stolzen Bäume des! Waldes int lauen Winde geheimnisvoll ihr ewiges Lied rauschten — den Beiden ein feierlicher Brautgesang.
Litterar^ches.
— Daß unter den soztalcn Problemen Unserer Zeit die Frauen frage eins der wichtigsten ist, steht außer allem Zweifel. Es ist daher freudig zu begrüßen, daß durch die Schilderung einer Landwirtschaftsschule für Frauen in dem neuesten Heft der ivellverbretteten Familienzeitschrist „Ueber Land und Meer" auch dies Gebiet Berücksichtigung erfährt. Nicht minder tntereffmtte, gleichfalls hübsch illustrierte Artikel behandeln den Ueber- gang eines ganzen österreichischen Regiments über einen Gletscher und wenig bekannte originelle Einzelheiten vom Dache und aus dem Innern der Peterskirche in Rom. Fortgesetzt wird der Roman von Richard Boß //Für die Krone", der immer fesselnder und ergreifender wirkt. Zahlreiche, vortrefflich ausgeführte Illustrationen, von denen das farbige Kunstblatt „Dämmerstunde" (nach dem Gemälde von Albert Ritzberger) besondere Erwähnung verdient, schmücken das Heft. Wie immer, werden besonders bemerkenswerte Zeitereignisse in Wort und Bild vorgeführt. Für den billigen Abonnementspreis (vierteljährlich 13 Nummern zU 3.50 Mk.,jedes lltägige Heft 60 Pfg.) wird eine Fülle des Interessanten und Wissenswerten den Lesern geboten. I
Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und D erlag der Brübl'kchen UniverfitStS-Duch, und Steindruckerri (Pietsch Erbens in Gießen,


