Montag den 21. Juli
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(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
Frau Stroppa ging so weit zu sagen: „Natta ist nicht normal. Sie kommt mir gerade nicht wie ein richtiger Mensch vor", und dann nannte sie sie immer „Wechselbalg".
Auch Almas Nerven schienen auf irgend einer Folter zu liegen. Sie war furchtbar reizbar, und ihre Untergebenen hatten böse Zeiten. Irgend eine Ungeduld oder eine große Anstrengung, die Maske äußerlicher Ruhe zu bewahren, schien sie zu peinigen.
„Ist es ein Wunder?" Pflegte ihre Mutter zu Frau Stroppa zu sagen. „Pauls Rücksichtslosigkeiten können ein Lamm rasend machen!"
Pauls Rücksichtslosigkeiten bestanden hauptsächliche in dauernder Abwesenheit. Eine wahre Arbeitswut schien ihn erfaßt zu haben. Von Morgengrauen bis in die Nacht hinein war er in seinem Beruf thätig, er versäumte fast täglich die Stunden gemeinschaftlicher Mahlzeiten und niemals hörte man ihn über Hitze oder Strapazen klagen. Für gesellige Vergnügungen, Ausfahrten und Besuche war er nicht zu haben, gegen die Sticheleien seiner Schwiegermutter blieb er vollständig taub oder gab ihr hin und wieder eine energische Antwort, die sie für längere Zeit zum Schweigen brachte.
Es war an einem ganz besonders heißen Augusttage. Vor den Thoren des Brantikower Gehöfts heulte von früher Morgenstunde an eine Dreschmaschine und dort konzentrierte sich heute die Tagesarbeit.
Paul Lehmigke stand dort bei seinen Leuten, mitten in dein erstickenden Staub und Qualm, im glühenden Sonnenbrand des freien Feldes. Er war bestaubt und tion Rauch geschwärzt wie seine Arbeiter, der Schweiß perlte ihm von der Stirn, und es kam ein Augenblick, wo er sich ermüdet auf einige Bund Stroh setzte, um auszuruhen. Und plötzlich überkam ihn eine grenzenlose Lebensmüdigkeit.
Gr hatte in all diesen Wochen mit Riesenkraft jedes Gefühl niedergekämpft, er hatte sich blind und taub gemacht gegen alles, was außer dem Bereich feiner Ber- standsthätigkeit lag, aber jetzt kam die Reaktion. Gin Ueberdruh am Leben, ein förmlicher Ekel vor dieser Existenz überkam ihn wie eine Verzweiflung.
Wozu dies Arbeiten und Sichmühen, wozu dies rastlose Schaffen, wenn man sich nicht eine einzige Stunde Glück damit verschaffen kann? War nicht sein ganzes Leben ein trostloser Irrtum?
Von Jugend an war das Leitmotiv seines Strebens das Ringen nach dem materiellen Erfolg. Jetzt hatte er,
was er wollte. Gold, nichts als Gold. Und doch muß er Hungers sterben! Der Hunger, der ihm am Marke frißt und in seinen Eingeweiden wühlt, ist schlimmer als der Hunger nach! Brot.
Die stolzen Mauern des Hauses, das er auf felsenfestem Grund aufgebaut, spotten seiner. Sie werden ihm! nie ein liebes Heim sein. Er hat Güter und viele stattliche Besitztümer — aber keine Heimat. Und er hat kein Herz, das ihm gehört, ihm ganz zu eigen.
Die harte, nüchterne Arbeit seines Lebens hat den Zauber von ihm gestreift, der Liebe gewinnt, jene Liebe, von der er einmal geträumt hat, und ohne die er bet seinen Geldsäcken hungert.
O, die glücklichen Thoren, die nie dem harten, unerbittlichen Gott, dem Vorteil gedient haben, die nur den Dienst des Herzens und den Kultus des Schönen kennen! Sie begehen tausend Irrtümer und Thor- I)eiten, aber sie sind nimmer liebenswert, sie besitzen den Zauber, der einzig und allein den Reiz des Lebens ausmacht, und ohne den das Dasein so nüchtern und häßlich ist, wie das verdorrte, ansgekehrte Stoppelfeld, das ihn umgiebt.
Stieren Auges blickte der arme, reiche Mann in das Getümmel, das ihn umgab. All diese .Hände regen sich-, all diese Menschen und Tiere plagen sich, um Geld in seinen Beutel zu füllen — Geld, nichts als Geld!
Und so wird fein ganzes, zukünftiges Leben diesem Bild gleichen. Harte Arbeit in Staub und Mühsal, unter einem verschlossenen Himmel, der keinen Tropfen Erquickung, kein Labsal für ihn hat.
Er dachte an sein verstorbenes Kind, an das arme, kleine Wesen, das unter einem herrlichen Marmordenkmal auf der Stätte schlief, die er als Erbbegräbnis auf dem Dorfkirchhof gekauft hatte. Er war lange nicht am Grabe gewesen, er wollte doch einmal sehen, ob es gut gepflegt war, ob der Gärtner feine Befehle in betreff der Anpflanzungen ordentlich ausgeführt hatte.
Als er die Dorfstraße hinunterging, sah er den Wagen des Arztes vor Graumanns Hause halten. Frau Graumann trat eben mit dem Doktor zur Thür heraus, wo sich der letztere verabschiedete.
Paul blieb stehen, und fragte grüßend, wer krank sei. ' Er erfuhr, daß der alte Graumann seit einigen Tagen an einer schweren Erkrankung darniederliegc, die er sich durch kaltes Trinken nach zu großer Erhitzung zugezogen hätte. Der Arzt hatte wenig Hoffnung für ihn.
„Ach, Herr Lehmigke", schluchzte Frau Graumann, nachdem der Doktor fort war, „mein armer Mann hat nur noch einen großen Wunsch, und ich kann ihn nicht erfüllen. -
„Und das wäre?" ,
„Er möchte so gern Fräulein Trautchen noch einmal Wiedersehen, ehe er stirbt. Er hat unser Fräulein immer so lieb gehabt, er war schon bei ihrer Taufe, und hat sie als kleines Ding auf den Armen getragen, sie ist ihm so


