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Wütendes Schreien und schrilles Lachen dringen manchmal bis in das Gartenhaus, sodaß die Vögel erschreckt in ihrenr Gezwitscher anhalten, . . . aber der Arzt regt sich wegen so etwas nicht auf . . . ist es die Macht der Gewohnheit oder geschieht es, weil jedes Schreien, jedes Lachen von einem Kranken kommt, für den die Angehörigen dem Arzt täglich 33 Francs zu zahlen haben?
An besagtem schönen Martag nun saß der Doktor in seinem Arbeitszimmer, und nachdem er seine Rechnungen durchgesehen, zündete er sich die erste Morgencigarette an. Da brachte der Diener ailf silberner Platte eine Visitenkarte, ans der stand:
„Komtesse Saint-Pol de l'Estoureillon."
Der Doktor warf seine Cigarette fort, nahm den Parfümzerstäuber, und nachdem er damit seinen blonden Bart besprengt, befahl er: „Lassen Sie die Dame näher treten." ।
Es war eilte sehr disficile Sache, die die Komtesse Saint-Pol de l'Estoureillon zu dem Doktor führte. Seit einiger Zeit bemerkte sie bei ihrem Gatten Anzeichen von Geistestrübung, und sie möchte gern, daß der Arzt ihn einmal beobachte. Er habe ganz sonderbare Manieren, die erst vollkomnien unverfänglich schienen, die aber, sowie ihm der leiseste Widerspruch entgegengesetzt wurde, oder selbst wenn er nur glaubte, daß man ihm widersprechen wolle, zu wahren Wntanfällen führten; dann war er vollständig sinnlos, kannte niemand und war zu allem fähig.
„Wissen Sie, Herr Doktor," fuhr die Komtesse fort, was seine letzte Manie ist? Seit fünf oder sechs Tagen trägt er eine kleine Kassette mit sich herum und bildet sich .ein, daß dieselbe voller Schmucksachen sei. Er vergißt Essen und Trinken darüber. Wenn man ihm gut zureden will, steigert sich seine Wut zu einer unglaublichen Höhe! Nachts versteckt er die Kassette in seinem Bett; bei Tisch behält er sie auf den Knieen und legt seine Serviette darüber. Falls es Ihnen übrigens genehm wäre, könnte i ch heute Nachmittag, so gegen 3 Uhr mit ihm kommen . . . . während Sie ihm behilflich sind seinen Ueberzieher abzulegen, wird er feine Kassette neben sich stellen; ich will versuchen, sie zu nehmen und dann einen Augenblick damit ins Nebenzimmer gehen .... Sie werden sofort die Wirkung sehen!"
Der Arzt war mit dem Plane einverstanden, und die Konsultationen wurde auf 3 Uhr Nachmittags festgesetzt.
Punkt 3 Uhr hielt ein elegantes Gefährt vor dem „Maifon de Santo" des Dr. Delprat. Zur selben Zeit freute sich der Juwelier in der Rue de la Parx, daß er ein Collier, das kanm 15 000 Francs Wert für 25 000 verkaufen würde; der Doktor freute sich in Erwartung eines neuen Kranken und überschlug, daß, wenn das Geschäft so weiter blühte, er bald einen Nachfolger suchen und sich zur Ruhe setzen konnte und eine elegante Frau, die an derartige Streiche gewöhnt, freute fidj,, daß sie bald den Erlös für die Perlen in üppigem Wohlleben irgendwo in etnem fashionablem Kurort würde verjubeln können!
Der Verabredung gemäß war kein Diener im Vestibül des.Gartenhauses zu sehen, und Frau von Saint-Pol de l'Estoureillon führte in höchst eigener Person den Angestellten des Juweliers in das Arbeitszimmer . . . ihres Gatten.
Man verneigte sich gegenseitig.
Während der Verkäufer über so viel Freundlichkeit S verwirrt dem Doktor seinen Ueberzieher, Hut und
- überließ, trat die junge Frau auf ihn zu und nahm ihm ohne jedes Zögern die Kassette aus der Hand, um damit, hinter einem Vorhang zu verschwinden.
Ein Moment herrschte Schweigen.
Der Verkäufer sagte nichts.
Aber Frau Saint-Pol de l'Estoureillon kam nicht wieder.
Endlich sagte der Verkäufer:
„Wird Ihnen Madame nicht den Inhalt der Kassette zeigen?"
„Aha! Da wären wir ja bei der fixen Idee augelangt," dachte der Doktor.
klnd statt aller Antwort fing er an von der Kunst- Ausstellung zu sprechen, die eben eröffnet worden war.
„Madame wollte Ihnen drei Perlencolliers zeigen".
„So viel steht fest, daß die jetzige Malerei. . . ." „Aber, Herr Doktor, darum handelt es sich doch nicht!" xief.der Verkäufer und stand auf.
Das Gefühl der Verantwortung erregte ihn.
„Meine Kassette, Herr Doktor, die Kassette, welche Maidame genommen hat. . ."
„Ja, ich kenne die Geschichte", sagte der Doktor leise für sich.
Und er drückte auf eine elektrische Klingel.
„Herr Doktor", sagte der Verkänfer, der ganz blaß geworden war, „ich muß Sie ersuchen, mir sofort die Kassette zurückzugeben, oder. . ."
, Tie elektrische Klingel erschallte als Antwort, und gleich darauf erschienen drei stämmige Leute, die den Verkäufer gebunden hatten, bevor er noch wußte, wie ihm eigentlich geschehen.
Er schrie wie ein Verzweifelter, aber er wurde in die Zwangsjacke gesteckt und darauf in eine dunlle Gummizelle geschleppt.
. Während der Unglückliche fortgebracht wurde, ging der Doktor ins Vestibül, um die Komtesse zu rufen.
Dort war sie nicht!
Im Garten !var auch niemand.
„Na nu! Was hat denn das zu bedeuten", sagte sich der Doktor. .
Die Komtesse war wahrhaftig fort; sie war hinaus-, gegangen, in ihren Wagen gestiegen und davongefahrem
Dem Arzt kam ein Verdacht.
Er stürzte zu dem unglücklichen Verkäufer, der Bittere. Thränen vergoß.
Die Herren verständigten sich mit einigen Hin- und' Herr cd en . . .
Und so erfuhr der Doktor, daß die schöne Komtesse Saint-Pol de l'Estoureillon, die ihres kranken Gemahls wegen seine Wissenschaft in Anspruch nehmen wollte, sich bei dem Juwelier als seine Gattin eingeführt hatte.
III.
Zwei Tage darauf wurde die junge Schwindlerin, die in Wirklichkeit Fräulein Rosette Gruchot hieß, in einem hauptsächlich! des Nachts sehr frequentierten Restaurant festgenommen. Aber von den Perlen war keine Spur! mehr vorhanden, die waren wahrscheinlich längst in Sicherheit bei irgend einem Hehler in England.
Der Juwelier glaubte, er müsse den Verstand verlieren, und es schien fast, als solle der Doktor einen neuen Klienten durch ihn gewinnen. Dem Doktor selbstz ging es sehr nahe, daß er sich so hatte hinters Licht fuhren lassen, und allen Beteiligten 'schien das höchste Strafmaß mit dem Rosette Grnchot als Schwindlerin' belegt wurde,, kaum genügend. t i
Schachaufgabe.
Won H. Baumann in Bremen.
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1
(Nachdruck verboten.)
abedef g h
d e f g h
Weiß.
Weiß zieht an und setzt mit dem zweiten Zuge matt.
(Deutsches Wochenschach.)
(Auflösung in nächster Nnmmer.)
Auflösung der Geheimschrift in vor. Nr.r Zwischen heut und morgen ist eine lange Frist. Lerne schnell besorgen, da du noch munter bist.
Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießm.
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