Ausgabe 
21.7.1902
 
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ntg Vertnögen heiraten will, so hat die Leidenschaft ihn schon HM um den Verstand gebracht. Damals wurde ihm ein Strich durch die Rechnung gemacht, aber solche Leute sind zäh, sie warten ihre Zeit und ihren Vorteil ab. Mit mathematischer Gewißheit konnte er voraus- berechnen, was kommen würde, nämlich die Decadence Deiner Familie und Deine Hilflosigkeit in der Stunde der Not. Da war der Augenblick für ihn gekommen, und er hat ihn weise benutzt. Und ungeheuer schlau ist er zu Werke' gegangen. Die Respektabilität und der Schein sind gewahrt. Der Ehrenmann nimmt ja jetzt eine bevor­zugte Stellung in der Gesellschaft ein, und will sich natür­lich keine Bloßen geben. Deine Mutter und Schwester müssen das saubere Spiel hier decken. Wirklich, ganz allerliebst dies Arrangement. Diese weltabgelegene Wald- tdylle, die ungestörte Einsamkeit Deine Thätigkeit in seinem Geschäft, die er natürlich kontrollieren muß, wozu häufige Besuche notwendig sein werden wahrhaftig, der Kerl hat keine schlechte Erfindungsgabe! Ha, ha, ha!"

Traute war aschfahl geworden.Und Du meinst, daß ich mit ihm im Einverständnis handle?"

Nein,. mein Schatz, Has meine ich nicht. Dann hätte ich den weiten Weg hierher nicht der Mühe wert gefunden. Ich kenne Deine göttliche Unbefangenheit, Du hast keine Ahnung von der Gefahr. Und er hätte wohl dafür ge­sorgt, daß Du nicht zu früh kopfscheu würdest. Vor Deiner Mutter brauchte er keine Angst zu haben, die ist ja noch viel naiver als Du selbst."

Du irrst Dich, Camill", sagte Traute gepreßt, Lehmigke ist ehrenhaft, er ist keiner Niedrigkeit fähig. Er ist unser Wohlthäter, ich darf es nicht dulden, daß Du ihn beschimpfst."

Warum mußte sie die Augen niederschlagen bei diesen Worten, warum fand sie nicht den freimütigen Zorn, den Eamills Verleumdung verdiente? Sie hätte sich in diesem Augenblick selbst keine genaue Rechenschaft darüber ab­legen können, doch ein unbestimmtes Entsetzen erfüllte fie, als entschleiere sich ihren Blicken etwas Fürchterliches.

Das ist es ja gerade", rief Camill beschwörend, er fängt damit an, Dich durch Wohlthaten zu ver­pflichten, er wird damit fortfahren, Dichß durch Wohl­thaten zu kompromittieren, und wenn Du genug ver­pflichtet und kompromittiert bist, dann hat er Dich fest! Siehst Du denn das nicht ein?"

Traute sah ganz etwas anderes. Sie blickte stumm, fast starr vor sich hin. Sie standen ganz im Grün ver­steckt, um sie herum nichts als hängendes Weidengezweig, hohes, üppiges Gras, und das Verlöschen des Tages in den tiefen, feuchten Sch!atten des Gesträuchs.

Hier darfst Du nicht bleiben", sagte Camill heftig, »jetzt, wo Du gewarnt bist, mußt Du wissen, was Du zu thun hast ! Sonst hast Du Dir alle Konsequenzen selbst zuzuschreiben. Ich habe Dich immer noch ebenso lieb, wenn Du mir auch den Laufpaß gegeben hast, und ich konnte es nicht ertragen, daß Du so blind in Dein Verderben gehst. Darum bin ich hergekommen."

(Fortsetzung folgt.)

DerOnkel aus Amerika".

AW Mme. Humbert eines Tages ihren Crawford erfand und damit ihre tiefe Kenntnis der Leichtgläubigkeit ihrer Zeitgenossen bewies, rief sie nur eine neue Spielart des berühmtenalten Onkels in Amerika" ins Leben, der schon so viel Verwirrung gestiftet, Hoffnungen erweckt und Enttäuschungen gebracht hat. Namentlich in Frankreich hat es viele berühmte Erbschaften vonOnkels in Amerika" gegeben, die niemals in die Hände der Erben gelangt sind, auch wenn sie wenigstens in gewissem Maße existierten. Vor etwa zwanzig Jahren verbreitete sich das Gerücht in der geheimnisvollen Weise, wie Gerüchte immer, ohne daß man sagen könnte, woher sie stammen daß ein M. Dupont, der aus der Gegend von Cvurtrai stammte, in Pennsylvanien gestorben wäre. Er sollte gegen 1824 ausgewandert sein, ein großes Vermögen erworben haben Und schon vor Jahren gestorben sein, ohne ein Testament oder einen direkten Erben zu hinterlassen,, sodaß das Kaprtal mit den Zinsen ungeheuer angewachsen wäre. Natürlich zermarterten sich! sofort alle Duponts im Norden Frankreichs und auch in anderen Gegenden den Kopf, um

ihre Genealogie auf den sagenhaften Dupont in Amerika zurückzuführen, und es stellten sich ganze Scharen von Erben ern, ohne daß natürlich irgend einer etwas erhalten hätte. Drei oder vier Jahre später spüach man viel von einer anderen Erbschaft, die die ungeheure Ziffer von 60Q Millionen erreichen sollte, und die ein Mann Namens Maltet, der aus Limoges stammte und als armer Mann ausgewandert war, um sich sein kolossales Vermögen in Amerika zu erwerben, hinterlassen hätte. Auch in diesem Fall sahen die zahlreichen Erben keinen roten Heller. Zahl­reiche Prozesse wurden um dieselbe Zeit um die Erbschaft Colmon g eführt; der Erblasser war als ehemaliger Brigade­chef der Gesellschaft von Niederländisch Indien in Batavia im Jahre 1872 gestorben und hatte eine Anzahl Millionen hinterlassen. Eine der berühmtesten Erbschaften ist die von Thiry, einem einfachen belgischen Bauern, der irrt sieb­zehnten Jahrhundert nach Venedig ausMwandert war und dort im Jahre 1700 starb und ein großes Kapitalvermögen, Schlösser, Schätze und eine ganze Flotte von Handelsschiffen hinterließ. Ein Inventar, das noch existiert, wurde damals von seinen Besitztümern aufgestellt, die verkauft wurden und deren Betrag in der Bank von Venedig deponiert wurde, bis die Erben ihre Anrechte in unzweifelhafter Form nach^ gewiesen hätten. Hundert Jahre später war die Frage immest noch nicht gelöst, aber Bonaparte fand, als er durch Venedig kam, eine sehr einfache Lösung, indem er sich des Schatzes! bemächtigte und damit seine Kriegskosten bestritt. Seitdem forderten die Nachkommen der Erben von der französischen Regierung die Herausgabe der Erbschaft; aber trotz der pekuniären Unterstützung, die ihnen mehrere ausdrücklich zu diesem Zwecke gegründete Gesellschaften leisteten, ver­loren sie ihren Prozeß vor den verschiedenen Gerichten, an die sie sich gewandt hatten. Vor fünf oder sechs Jahren beschäftigten sich die französischen Blätter viel mit einem Prozeß, den die Erben eines in Philadelphia vor etwa einem Jahrhundert gestorbenen Franzosen gegen diese Stadt angestrengt hatten. Dieser Franzose hatte bei seinem Tode ein Vermögen hinterlassen, das auf 80 Millionen geschätzt wurde, welche die amerikanische Stadt, da sich nicht sogleich ein Erbe meldete, einstrich. Aber bevor die gesetzliche Ver-i jährung eingetreten war, stellten sich Erben ein und strengten einen Prozeß an, der noch dauert. Es sind die Erben dieser Erben, die heute von der Stadt Philadelphia die Erb­schaft heraussordern, die sich gegenwärtig auf 200 Millionen beläuft. Sie haben vor einigen Gerichten gewonnen, vor anderen verloren; aber da die ganze Reihe der Prozesse noch nicht durchgesochten ist, bleibt die Millionenerbschaft in der Schwebe und bringt immer neue Zinsen, die vielleicht eines Tages die Enkelkinder der heute Prozessierenden ein­fordern werden. Auch zwischen der Familie de Civry und der Stadt Genf schwÄck ein Prozeß um eine Erbschaft, der über etwa 300 Millionen geht und seit über drei Jahr­hunderten dauert, nachdem er bereits vor vielen Gerichten der Schweiz und Frankreich! verhandelt worden ist. Mme. Humbert, die zweifellos die Bete. Verhältnisse vieler dieser Prozesse gründlichst studiert hatte, hat begriffen, daß!, wenn es nur einen Ausgangspunkt gab, das Prozessieren lange dauern kann, und daß es möglich sein mußte, mit ein wenig Intelligenz und Kühnheit und über beides verfügte die Dame einen Prozeft der sich auf einem Märchen gründete, einige Jahrzehnte hinzuziehen.

Der Schuster Geil.

Von Paul Quilling.

Der Schuster Geil in der Neugaß war e ahler Frank- forter von ächdem Schrot un Korn, gradaus derb un e bisst sehr schdark rot angehaucht. Er war en eifriger De­mokrat, un dessentwege hatten auch die Bolezei e bisst ufs der Muck gehakt. Er hatt sei Häusi in der Neugaß net weit von der Schnurgaß, un wann des Wetter einigermaße war, Hatter in der Mitte Neugaß uff feint Schusterschemel gesesse un hat fest drauf los schusteriert. Jeder, der vor- iwwer gange, hottem zugerufen, un mit jedem Hotter sei Schuoke gemocht. emol e "Fuhrwerk gekommen, Hotter sei siwwe Sache usfgepackt, Hot sich so lang in sei tzaus- dhier gefchdellt, net ohne den Fuhrmann zu schelle. Die howwen ober all gekannt un so hat sem Käaner iwwel genomme, fie hawwe gelacht un sin weiter gefahre.

Im Friehjahr 185g e Mords-Schnee gefalle.