1902. — Nr. 138
Mittwoch den 17. September, f"
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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel.
(Fortsetzung.)
4. Kapitel.
Nachdem der Kommissar einige Aufzeichnungen gemacht hatte, fragte er den Portier plötzlich in ganz natürlichem und unbefangenem Tone:
„Wieviel Uhr war es, als gestern abend Herr von Sempach zu Frau von Sanden gekommen ist?"
Karl war verwundert. „Gestern abend ist er doch gar nicht hier gewesen."
„Sind Sie dessen gewiß?"
„Ich habe ihn nicht gesehen."
Die Portiersfrau aber machte eine Bewegung, als ob sie etwas sagen wollte.
„Was denn? Was wollen Sie sagen?" fragte lebhaft der Kommissar.
„'s ist nur, weil — —"
„Was?" Statt einer Antwort wandte sie sich in ihren Gatten:
„Kannst Du Dich nicht mehr erinnern, daß gegen 11 Uhr nachts gestern, jerade als wir zu Bett gehen wollten, jemand gerufen hat, daß man ihm aufmachen soll?"
„Ja, richtig, das ist wahr", stimmte der Portier zu.
„Du hast mich dann noch gefragt: „Nanu, wer geht denn um die Zeit noch weg?" und ich hab Dir noch gesagt: „Kiek doch mal nach!"
„Ick habe auch rausgesehen."
„Run, und?" fragte der Kommissar gespannt. „Haben denn hier die Mieter keine eigenen Hausschlüssel?"
„Nee, bei uns nicht. Wir drücken auf einen Jummi- proppen, und dann geht die Thüre von alleine auf. Ich habe aber nicht gut sehen können, — denn ich war auch schon halb verschlafen, weil ich 'nen Kleinen zu mir genommen hatte. Aber ich erinnere mich noch so dunkel, baß es ein großer Herr gewesen ist."
„Etwa von der Größe des Herrn von Sempach?"
„Ja, das könnte wohl so stimmen."
„Seine Züge konnten Sie nicht erkennen?"
„Nee, Herr Kommissar; er ist furchtbar rasch an unserm Kiekfenster vorbeigelaufen. So viel ich mir noch erinnern thu, hatte er auch den Kragen seines Mantels hochgeklappt."
„Und Sie haben ihm so ohne weiteres das Thor geöffnet, ohne ihn zu fragen, woher er käme?"
„Ich hab' janz ohne mir was zu denken, an den Ballon gedrückt, und da ist er hinaus."
-,Und dann sind Sie wieder etngeschlafen, nicht toal)r?"
>,Jawoll, denn ich war mächtig müde. An das! allens
hätte ich mir ja gar nicht mehr erinnert, wenn nicht jetzt meine Alte —"
„Es ist ein sehr glücklicher Umstand, daß sich Ihre Frau statt Ihrer daran erinnerte." Jetzt wandte er sich an die Portierfrau.
„Können Sie mir vielleicht noch sagen, wann jene Person, die um 11 Uhr das Haus verlassen hatte, durch die Hausthür hereingekommen ist?"
„Nee, Herr Kommissar, kann ich nich. Hereinkommen hab' ich ihn nicht gesehen. Was das betrifft, so weiß, ich das ganz bestimmt."
„Sie haben den ganzen Abend Ihre Loge nicht verlassen ?"
„Nee, Herr Kommissar, weder ich noch mein Oller.^
„Sie sahen also jeden vorübergehen?"
„Gewiß, jeden einzelnen. Wir passen höllisch auf, besonders am Abend. Wenn der Herr ins Haus gekommen is, denn muß es wohl bei Tage noch gewesen sein."
„Sie nehmen also nicht an, daß er vielleicht doch noch gegen 10 Uhr abends irgendwie ins Haus gekommen war, ohne daß Sie es bemerkt hätten?"
„O nein, Herr Kommissar, das ist ausgeschlossen.^ Der Polizeikvmmissar gab seinem Protokollführer abseits den Auftrag, bei allen Parteien des Hauses nachzu- sragen, ob eines ihrer Mitglieder um 11 Uhr abends ausgegangen wäre, ooer Besuch gehabt hätte, der im Laufe des Abends weggegangen war. Hierauf entließ er bte Portiersleute, ließ Minna im Vorzimmer, und kehrte wieder in den Salon zurück, um jedes Stück mit peinlicher Sorgfalt zu untersuchen. Als er damit fertig war, kehrte der Protokollführer zurück und teilte dem Polizeikommissar mit, was für Auskünfte er erhalten hatte.
Die Partei in der ersten Etage hatte ihren Wend zu Hause verbracht in Gesellschaft zweier Freunoe, Mann und Frau, die um 10 Uhr weggegangen waren, als die Gasflammen noch brannten, und das ganze Haus erleuchtet war. Ein junges Ehepaar, das zwei Treppen wohnte, wollte erst um Mitternacht aus dem Theater heimgekehrt sein. Die Parteien vier Treppen hoch waren weder ausgegangen noch hatten sie Besuch gehabt.
Ein gewisser Keßler jedoch, einer der Mieter der fünften Etage gab Auskünfte der größten Wichtigkeit. Ws dieser um 10 Uhr und etliche Minuten im Begriff gewesen war, auszugehen, und eben das Thor wieder schließen wollte, trat ein ihm unbekannter Mensch lebhaft auf ihn zu, und war so, ohne es nötig gehabt zu haben, zu klingeln, durch die halb geöffnete Thüre ins Haus getreten. Diese Aussage befand sich mit denen der Portiersleute in keinem direkten Widerspruch, da diese behauptet hatten, zwischen 10 und 11 Uhr für keinen Fremden, der von der Straße hätte ins Haus kommen wollen, die Schnur gezogen zu haben. war ja auch in der That nicht notwendig gewesen, die Leine zu ziehen; denn das Thor war durch, das Hmaustreten eines Mieters ganz natürlicher-


